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Blog: Chefhandicapper Harald Siemen

Die glorreiche Ungewissheit des Turfs

23. August 2017

Die „glorreiche Ungewissheit des Turfs“ ist zwar ein Begriff aus dem Phrasenbaukasten für Anfänger, trotzdem ist es manchmal angebracht ihn zu verwenden. Jetzt zum Beispiel, nach dem Großen Preis des Audi-Zentrums am Sonntag in Hannover. Da tritt der Derbyzweite Enjoy Vijay an, sein Reiter hat nur vier Gegner und nach offiziellem Rating fünfeinhalb Kilo „in der Hand.“ Trotzdem geht die Sache schief, und zwar deutlich - der 15:10-Favorit kommt nur als Vierter ins Ziel, vier Längen hinter dem Sieger Real Value. Die Ungewissheit des Turfs: was an ihr so glorreich sein soll, fragte schon Georg Baron von Ullmann in seiner Derbyrede 2010 und fand dann selbst die Antwort: wenn der Erfolg, auf der Rennbahn wie im Gestüt, ohne Einschränkung kontrollierbar und käuflich wäre, dann wäre das gleichzeitig das Ende dieses Sports und auch der Vollblutzucht.

Trotz alledem steht der Handicapper ziemlich ratlos vor dem Ergebnis aus Hannover, hatte er doch von einem klaren Sieg des Favoriten eine Bestätigung des Deutschen Derbys und auch des Großen Dallmayr-Preises erhofft. Stattdessen schaut er immer skeptischer auf das Ergebnis des diesjährigen Derbys, von dessen Teilnehmern bislang einzig Gepard anschließend gewonnen hat, ein Sieglosenrennen in Doberan. Es scheint fast, als hätte der Derbyjahrgang nach den jüngsten Niederlagen von Enjoy Vijay, Shanjo oder Promise of Peace und dem Verkauf von Rosenpurpur nach Hongkong nur noch eine einzige Karte in der Hand – Windstoß.

Eine Erklärung für die Niederlage des Derbyzweiten liefert der Rennverlauf nicht. Sicher – er galoppierte einige Meter mehr, hatte in der Endphase auch etwas Verkehrsprobleme, aber da war er schon nicht mehr zwingend. Das Rennen war auch recht langsam (Arkia lief bei ihrem Sieg im Ausgleich IV fast zwei Sekunden schneller), es ist aber nicht ohne weiteres ersichtlich, warum dies für Enjoy Vijay nachteilig gewesen sein soll. Im Derby hatten wir Enjoy Vijay mit 96,5 kg (Rating 113) bewertet, bei seinem vierten Platz im Dallmayr-Preis mit 95,5 kg, jetzt waren es nur noch 90,5 kg. 

Fixpunkt für die Berechnung des Rennens war für uns der zuverlässige Amigo mit seinen 91 Kilo. Für den Sieger Real Value kommt so eine neue Marke von 94 kg heraus. Das ungewöhnliche an diesem Pferd ist ja, dass es bei seinen ersten zehn Starts ohne Sieg blieb, nun aber drei Rennen in Folge gewonnen hat. Nicht, dass Real Value vorher nichts gezeigt hätte, er war immerhin Dritter in Zukunfts-Rennen und Preis des Winterfavoriten. Aber seine Formen im Frühjahr über kürzere Distanzen als zuletzt waren doch so enttäuschend, dass wir ihn zwischenzeitlich sogar bis auf 85,5 kg heruntergenommen hatten. Vielleicht probiert man ihn später sogar einmal über 2400 Meter, eine Nennung im Großen Preis von Bayern hat er ja.

Real Value siegt im Großer Preis des Audi Zentrum Hannover (Fürstenberg-Rennen)
Real Value siegt im Großer Preis des Audi Zentrum Hannover (Fürstenberg-Rennen)

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Die eingangs zitierte glorreiche Ungewissheit des Turfs offenbarte sich dem Betrachter in den letzten acht Tagen nicht nur in Hannover, sondern auch in Chantilly, in Del Mar und – aber nur beinahe – in Sydney. Zunächst nahmen vor einer Woche in Chantilly die französischen Star-Galopper Almazor und Brametot ihr Aufbauprogramm für den Prix de l´Arc de Triomphe in Angriff, was völlig daneben ging. Almanzors Versagen ist durch den Befall des EHV-1-Virus und eine weitere Trainingsunterbrechung zu erklären. Europas bestes Rennpferd des Jahres 2016 wird den Rennstall verlassen, sein Trainer sieht keine Chance mehr, ihn für den Arc fit zu bekommen. Nach dem Flop des doppelten klassischen Siegers Brametot konnte sich Trainer Rouget aber nur am Kopf kratzen, eine schlüssige Erklärung gab es nicht. Allenfalls, dass er wie eine Schlafmütze aus der Startbox kroch und dadurch zahlreiche Längen verlor; aber das hatte er in den Rennen vorher auch getan. Immerhin soll er auf Kurs für den Arc bleiben.

Rätsel gibt auch die neuerliche Niederlage von Arrogate in Del Mar auf. Zwar stellte er als Zweiter im Pacific Classic in Del Mar seinen geisterhaften Auftritt von vor vier Wochen richtig, aber mehr wie eine Light-Version dieses so brillanten, kürzlich noch weltbesten Rennpferdes, bekam man auch diesmal nicht zu sehen. Was ist bloß passiert seit dem großartigen, aus aussichtloser Position errungenen Sieg gegen Gun Runner im März im Dubai World Cup? Eine Erklärung wäre, dass Arrogate sich mit dieser Kraftanstrengung übernommen hat, dass er in einen roten Bereich gelaufen ist und diesen nunmehr scheut. So etwas gibt es. Ich erinnere mich noch gut an den Sieg des fünfjährigen Acatenango im Großen Preis von Baden 1987. Er gewann damals obwohl er eingangs der Zielgeraden schon geschlagen schien, kämpfte seine Gegner aber doch noch irgendwie nieder. Ich ging damals die Tribüne hinunter mit dem sicheren Gefühl, den letzten Sieg von Acatenango gesehen zu haben. Dieses Gefühl hatte ich nicht allein: Obwohl er seit drei Jahren in Deutschland nicht mehr verloren hatte, stand er drei Wochen später beim Preis von Europa in den Wetten außergewöhnlich lang (24:10) – und wurde Achter.

Arrogate wird auch trotz dieser neuerlichen Niederlage sein Rating von 134 (107 kg) und damit die Spitze in der Weltrangliste behalten. Die Leistung aus dem World Cup ist nicht wegzuwischen und wird möglicherweise auch bis Jahresende von keinem anderen Pferd erreicht oder übertroffen. Aktuell bestes Rennpferd der Welt wird man ihn jetzt trotzdem nicht mehr nennen können, diese Position hat er an Winx verloren, das australische Wunder. Die Stute stand in dieser ereignisreichen Woche bei ihrem ersten Auftritt seit April aber auch am Rande einer Niederlage. Über für sie reichlich kurze 1400 Meter verlor sie am Start vier Längen, war 200 Meter vor dem Ziel noch Letzte, schaffte es aber irgendwie doch noch mit Kopfvorsprung zu gewinnen. Es war ihr 18. Sieg in Folge. Die Jagd nach dem Rekord von Black Caviar (25 Siege) geht also weiter.

Video: Die australische Stute Winx siegt zum 18. mal in Folge

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