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Blog: Chefhandicapper Harald Siemen

Meilenklassiker in Köln

Köln 24. Mai 2017

D

er Begriff des Klassikers lässt sich ja weit fassen und auf so ziemlich alle Lebensbereiche anwenden. Das „kleine Schwarze“, der Freischwinger, King Kong und die weiße Frau, Rindsrouladen, Goethe und Schiller: all das sind Klassiker. Oder, um zum Sportlichen zu kommen, die Flandern-Rundfahrt, Real Madrid gegen den FC Barcelona und – jetzt kommt´s: die klassischen Pferderennen.

Laut Definition sind die Merkmale eines Klassikers lange überregionale Bekanntheit, ein gewisser Traditionswert, hohe Qualität, Einfluss auf die Kultur und einiges mehr, wobei nicht alle Merkmale auf jeden Klassiker zutreffen müssen. Danach ist das Mehl-Mülhens-Rennen mit seinem Vorläufer, dem Henckel-Rennen, zweifellos ein Klassiker. Die Siegerliste reicht immerhin bis 1871 zurück, das englische Vorbild, die 2000 Guineas Stakes, sogar bis 1809. Seit 2004 führt das Mehl-Mülhens-Rennen den Namen „German 2000 Guineas“ im Untertitel. Mit dem Wort „Guineas“ weiß ja heute kaum ein Mensch mehr etwas anzufangen. So erinnere ich mich gut an die Verwirrung des Redakteurs einer Regionalzeitung, vor dem sich im Bericht seines Galoppkorrespondenten über das Spreti-Rennen in Baden-Baden bei dem Satz „Bin Shaddad wurde für 28.000 Guineas auf einer Auktion erworben“ ein großes Fragezeichen aufbaute. Anderntags konnte man in der Überschrift lesen: „Sieger für 28.000 Guiness-Bier gekauft.“

Am Sonntag in Köln-Weidenpesch war es wieder soweit, zum 124. Mal wurde der Meilenklassiker für die Dreijährigen gegeben, zum 32. Mal unter dem Patronat der Mehl-Mülhens-Stiftung. Es war nichts für schwache Nerven. Wie schon im Vorjahr gab es einen Zielfotoentscheid, diesmal aber konnte der Angriff des englischen Favoriten abgewehrt werden. Dabei sah es lange gar nicht gut aus für Poetic Dream. 250 Meter vor dem Ziel war er nahezu Letzter, beschleunigte dann aber auf gefühlsmäßig 70 Stundenkilometer und kam gerade noch an dem Engländer Lockheed und am Stallgefährten Empire of the Stars vorbei.

Poetic Dream siegt im German 2000 Guineas
Poetic Dream siegt im German 2000 Guineas

Seit 1991 ist das Mehl-Mülhens-Rennen international offen, seitdem ist es auch sehr beliebt bei ausländischen Ställen, besonders bei den englischen. In den 27 Entscheidungen seit 1991 kamen 63 Starter aus ausländischen Ställen, 52 davon waren Engländer, die anderen stammten aus Frankreich (6), Irland (2), Dänemark (2) und Norwegen (1). Dabei siegte zehnmal ein englisches Pferd, einmal ein französisches. Die ziemlich hohe Erfolgsrate ausländischer, vor allem englischer Ställe, hängt damit zusammen, dass Rennen über die Meile nicht die Stärke deutscher Rennpferde sind. Zwar sind auch zahlreiche Klassepferde aus Deutschland in der Siegerliste des Mehl-Mülhens-Rennens zu finden, wie Kondor, Turfkönig, Royal Abjar, Lavirco, Tiger Hill, Sumitas, Martillo, Irian oder Lucky Lion, aber die Mehrzahl der Genannten waren gar keine echten Meilenpferde, sondern einfach nur an Klasse ihren Gegnern überlegen. War kein Könner solchen Ausmaßes am Start, ging das Rennen meistens nach England, an ein Pferd zweiter Klasse. Zweimal allerdings schickten die Engländer Pferde ersten Ranges: 1997 war das Air Express, später im Jahr noch Sieger in den Queen Elizabeth II Stakes, und 2011 Excelebration, der beste Mehl-Mülhens-Sieger überhaupt (Rating 127=GAG 103,5).

Ist Poetic Dream nun ein Meilenspezialist? Das wissen wir noch nicht, aber unmittelbar nach dem Rennen war schon von der 2000-Meter-Stecke die Rede, die jetzt angepeilt werden soll. Was seine Klasse angeht, so haben wir ihn vorläufig mit einem GAG von 95,5 kg (Rating 111) ausgestattet. Das liegt eher im unteren Bereich für einen Mehl-Mülhens-Sieger, aber der nur knapp unterlegene Lockheed kam schließlich auch nur mit einem Rating von 108 (94 kg) aus England. Da sind wir erst einmal vorsichtig. Mit seiner neuen Marke liegt Poetic Dream in der Liste der europäischen Guineas-Sieger erwartungsgemäß deutlich hinter Churchill (122) und Brametot (121), aber vor dem Sieger im italienischen Pendant, Anda Muchacho (105). Die irischen Guineas folgen erst an diesem Samstag.

* * *

Manchmal sieht man ein Pferd beim ersten Rennbahnauftritt in einem Stil gewinnen, dass man nur noch staunen kann. Die Erwartungen wachsen dann gleich ins Unermessliche, nicht selten gibt es später Enttäuschungen. Wie das bei Dubai Thunder sein wird, werden wir bald erfahren, aber vorerst ist die Euphorie groß und das englische Derby am 3. Juni ist anscheinend fest eingeplant. Mit zehn Längen Vorsprung gewann der Dubawi-Sohn aus der Auenquellerin Gonbarda am Freitag in Newbury beim Lebensdebüt, wobei er die zehn Längen größtenteils auf den letzten 200 Metern herausholte. Die englischen Handicapper sind noch mit keinem Rating herausgekommen, vielleicht veröffentlichen sie auch erst einmal gar keins, das geht dort. Der private Rechner der Racing Post hat 102 gegeben, das sind 91 kg – nach einem Maidenrennen!
Als Sohn der Lando-Tochter Gonbarda ist Dubai Thunder ein Halbbruder zum Champion Stakes-Sieger Farhh und anderer guter Pferde. Gonbarda gewann 2005 als Dreijährige den Großen Deutschland-Preis und den Preis von Europa, so etwas schafft eine Stute auch nicht alle Tage, genausowenig wie ein GAG von 96. Sie wechselte dann für gutes Geld vom Gestüt Auenquelle an die Godolphin-Unternehmung von Scheich Mohammed, für den sie nun ein so großer Zuchterfolg wurde. In die große Welt des Turfs trat die Familie von Gonbarda durch ihre Großmutter Grimpola, 1985 deutsche 1000 Guineas-Siegerin und erster großer Zuchterfolg des Gestüts Auenquelle. Später ging Grimpola in den Besitz von Lord Howard de Walden, der kurz zuvor das englische Derby mit dem aus der Schlenderhanerin Sayonara stammenden Slip Anchor gewonnen hatte. Der Lord zählt übrigens zu den wenigen Menschen, die kurz davor waren, dem Lauf der Welt eine andere Richtung zu geben. Die Geschichte ist in England zwar schon tausend Mal zum Besten gegeben worden, hier aber vielleicht doch nicht so bekannt, als dass sie nicht noch einmal erzählt werden kann. Howard de Walden also hielt sich zu Beginn der 1930er-Jahre als Student in München auf und kurvte eines Tages mit seinem neuen Automobil durch die Straßen der Stadt. Da trat plötzlich ein unachtsamer Fußgänger auf den Fahrdamm. Trotz eines gewagten Ausweichmanövers wurde der Mann niedergestreckt. Er stand aber wieder auf, schüttelte sich nur kurz und ging weiter. Der Mann war Adolf Hitler.
 

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