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Blog: Chefhandicapper Harald Siemen

Deutschland hat eine neue Königin

25. Oktober 2017

Man kann ja nicht sagen, dass in Deutschland ein Mangel an Königinnen herrscht. Allein in der Arbeitsgemeinschaft Deutsche Königinnen e.V. mit Sitz in Witzenhausen sind aktuell 144 Königinnen aus allen Bundesländern organisiert. Neben mehr oder weniger alltäglichen Vertreterinnen aus der Landwirtschaft wie Wein, - Kirschblüten- oder Kartoffelköniginnen, wollen dort aber auch die Thermenkönigin von Bad Staffelstein, die Bayerische Weißwurstkönigin oder die Nordfriesische Lammkönigin mitreden. Der Schützenverein St. Hubertus Horst und Wessel in Werne (der heißt tatsächlich so: Horst und Wessel!) kürt jährlich seine Sommerkönigin, beim Hörsteiner Herbst regiert die Herbstkönigin und was wäre das Ottenberger Frühjahrsfest ohne die Frühlingskönigin. Bleibt nur noch die Winterkönigin: Die sehen wir jedes Jahr beim Preis der Winterkönigin in Baden-Baden.

Seit vorigen Sonntag gibt es wieder eine Neue und sie heißt, wie erwartet, Rock my Love. Allerdings fiel die Krönung etwas weniger glanzvoll aus als gedacht, was aber auch am Wetter gelegen haben mag. Durch den starken Regen war das Geläuf sehr schwer geworden, die Zeit von 1:51,88 Minuten ist die mit Abstand langsamste in der Geschichte des Rennens. Die begann am 30. September 1959 in Mülheim/Ruhr, an einem Mittwoch. Die erste Siegerin im „Preis der Winterprinzessin“, wie das Rennen bei seiner Premiere noch hieß, war Ankerkette aus dem Gestüt Asta mit Hein Bollow. „Mit der Schaffung des Preises der Winterprinzessin hat der Rennverein Raffelberg einen Treffer ins Schwarze getan“, schrieb die „Sport-Welt“ damals. Ankerkette wurde im folgenden Jahr Dritte in den 1000 Guineas und Zweite im Preis der Diana. Die Siegerinnen der nächsten Jahre hießen Alisma und Brisanz und avancierten dreijährig zu klassischen Siegerinnen, Brisanz sogar zur Doppelten.

So erfolgreich sind die Winterköniginnen der heutigen Zeit zuletzt nicht mehr gewesen. Ja, man kommt leider nicht umhin, eine gewisse Nachlässigkeit bei der Ausübung der Regentschaft feststellen zu müssen. Denn der letzte Sieg einer Winterkönigin in den deutschen 1000 Guineas liegt nun schon 24 Jahre zurück (Quebrada), im Preis der Diana sogar 25 Jahre (Martessa). Dagegen haben die Stuten, die in der Winterkönigin auf den Plätzen zwei und drei einkamen, zuletzt oft mehr geleistet als die Siegerin. Namen wie Serienholde, Feodora, Akua´da, Danedream, Elle Shadow, Briseida, Almerita und Gonbarda belegen das.

Das sollte den Besitzern der platzierten Stuten Suada und Angelita einige Hoffnung geben. Trotzdem wird Günter Merkel nicht bereit sein, seine Rock my Love einzutauschen. Zu beeindruckend war vor allem ihr Sieg im Listenrennen in Köln, der maßgeblich dafür war, dass Rock my Love als heißeste Favoritin seit Elle Shadow vor acht Jahren an den Start ging. Sie ist jetzt bei drei Starts noch ungeschlagen, eine Bilanz, die zuletzt Narooma im Jahr 2002 vorweisen konnte, als das Rennen noch in Mülheim gelaufen wurde. Es gibt für uns Handicapper keinen Anlass daran zu zweifeln, dass Rock My Love irgendetwas anderes sein soll, als eine zumindest durchschnittliche Winterkönigin, wahrscheinlich ist sie mehr. Ihr neues GAG von 92,5 kg drückt dies aus und ergibt sich aus einer Rechnung über die Viertplatzierte Dina, deren Form aus dem Junioren-Preis durch das Ergebnis des Gran Criterium in Mailand am Sonntag noch aufgewertet worden ist.

Video: Ittlingen - Preis der Winterkönigin (Gr. III), Baden-Baden - Siegerin: Rock my Love

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Der Samstag beim Sales & Racing Festival ist ja traditionell rennfrei. Vor fünf Jahren habe ich das für einen Ausflug zu den Champion Stakes nach Ascot genutzt. Der Flug ab Frankfurt ging zwar wegen Nebels in London reichlich verspätet los, aber ich habe es gerade noch rechtzeitig geschafft und so durfte ich Zeuge werden beim denkwürdigen Rennbahnabschied des legendären Frankel. Wohl aufgrund des damals schweren Bodens und eines verpatzten Starts gewann er nicht so imponierend wie üblich, hatte bei seinem 14. Start und 14. Sieg aber immer noch knapp zwei Längen Vorsprung gegen Cirrus des Aigles, dahinter dann Nathaniel und Pastorius. 

An diesem Samstag bin ich in Baden-Baden geblieben und sah mir die Champion Stakes vor dem Computer an. Als es in die Zielgerade und auf die entscheidenden letzten 400 Meter ging, glaubte ich kurz an eine Reinkarnation Frankels, und zwar in dem Moment, als sein Sohn Cracksman sich im Stile des Vaters auf Nimmerwiedersehen von seinen Gegnern verabschiedete und mit sieben Längen Vorsprung gewann. Das sah sehr bedeutend aus und es war – jedenfalls nach der Mathematik der Handicapper – die beste Leistung eines Pferdes in diesem Jahr in Europa. Trotz Enable. Ich habe ein Rating von 131 ausgerechnet, also drei Pfund mehr als für Enables Arc-Sieg. Diese drei Pfund entsprechen genau der Stutenerlaubnis, so dass – sollten Enable und Cracksman in einem Rennen gegeneinander antreten – beide gleiche Chancen auf den Sieg hätten. Theoretisch jedenfalls.

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Immer noch viel Geld steht über dem Gran Criterium für die Zweijährigen in Mailand, auch wenn es „nur“ noch ein Gruppe-II-Rennen ist und der Ruf dieses Rennens - wie der des italienischen Rennsports überhaupt – doch arg gelitten hat. Im Vorjahr hat Skarino Gold gewonnen, danach wurde er aus dem Stall von Jean-Pierre Carvalho nach Hongkong verkauft. Er wurde Wallach, bekam den Namen Faithful Trinity, eine neue (günstige) Handicap-Marke von 83 (vorher 109) und wurde damit im Juli bei seinem bisher einzigen Start Zwölfter. Jetzt hat er wieder eine Nennung bekommen, für den 29. Oktober in Happy Valley.

Nun, zwölf Monate später, hat es mit Royal Youmzain wieder einen deutschen Sieger gegeben. Die Gefahr nach Hongkong verkauft zu werden sollte hier nicht bestehen. Man wird mit ihm das Deutsche Derby im Auge haben, das nötige Stehvermögen hierfür sollte er als Angehöriger der Schwarzgold-Familie haben (seine Ur-Großmutter Sandy Island ist eine Dreiviertelschwester des englischen Derbysiegers Slip Anchor). Ob er die nötige Klasse hat, wird man sehen, vorerst ist er jedenfalls mit €140.700 nach Julio (€144.000) der gewinnreichste deutsche Zweijährige. 

Neben Royal Youmzain und fünf Italienern liefen am Sonntag in Mailand auch zwei englische Pferde, von denen Move Over Vierter wurde. Vor diesem Move Over war Youmzain schon zuletzt im Düsseldorfer Junioren-Preis gewesen, diesmal war es noch deutlicher, denn Royal Youmzain gewann umso leichter je weiter es ging, am Ende mit anderthalb Längen. Was das Rennen wert ist, ist schwer zu taxieren, ich habe mich mit meinem italienischen Kollegen auf ein Rating von 108 (94 kg) geeinigt, ein Pfund weniger als im Vorjahr bei Skarino Gold.

 

In der kommenden Woche erscheint kein Handicapper Blog, erst in 14 Tagen wieder

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