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Blog: Chefhandicapper Harald Siemen

Augen auf und Ohren zu

26. April 2017

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ür Phil Bull (1910-89) war das die wichtigste Regel, wenn er auf die Rennbahn ging. (Heute, so mein Eindruck, ist es häufig umgekehrt.) Mit seinem Rauschebart und der stets im Mundwinkel klemmenden Zigarre war Bull eine auffallende, aber auch eine der einflussreichsten Persönlichkeiten, die der englische Rennsport gekannt hat. 

Phil Bull (1910-89)
 

Als Wetter brachte es der Mathematiker zu einem Vermögen von geschätzten fünf Millionen Pfund, er wurde Verleger und Autor, erfolgreicher Züchter und Besitzer. Vor allem aber gründete er 1947 „Timeform“, also jenes Unternehmen, das mit seinen Ratings und Analysen einen Einfluss auf die Welt des Rennsports und besonders des Handicappens genommen hat, der gar nicht überschätzt werden kann.
Dieser Tage nun ist bei mir die Timeform-Publikation „Racehorses of 2016“ eingetroffen, die 70. Ausgabe seit dem ersten Erscheinen im Jahre 1948. Bei mir zu Hause steht eine komplette Reihe von 65 „Racehorses of…“-Bänden, angefangen bei 1953. Lediglich die ersten fünf Bände fehlen, ich habe auch kaum noch Hoffnung, an diese ranzukommen. Die Bände werden gerne als „Kompendium“ bezeichnet, worunter laut Wikipedia ein Lehrbuch, ein Nachschlagewerk oder ein exzessives Handbuch verstanden werden kann. „Racehorses of…“ ist alles das. Ein Lehrbuch für die Analyse von Pferderennen, ein Nachschlagewerk über 70 Jahre Galoppsport, und ein exzessives Handbuch, denn es hat auch diesmal nicht weniger als 1200 Seiten.
Von Beginn an war eines der Ziele von Timeform, mit ihren Ratings Vergleiche über Generationen herstellen zu können, stets war man darauf bedacht, ein einheitliches Niveau zu halten. Im Wesentlichen ist dies wohl auch gelungen, auch wenn es heute nicht mehr ganz so viele Pferde mit Ratings von 130 und mehr gibt, wie noch in den ersten Jahrzehnten. Aber das ist nebensächlich. Wichtig sind die oft profunden Essays über die besten Pferde, in denen manchmal auch zu aktuellen Themen und Problemen des Galoppsports Stellung bezogen wird.
Seit es die von den internationalen Handicappern erstellten World Rankings gibt (dessen Komitee ich seit 2002 angehöre), werden immer wieder Vergleiche zwischen den offiziellen Zahlen der Handicapper und den Zahlen von Timeform angestellt. Grob gesagt liegt Timeform mit seinen Ratings im Durchschnitt vier bis fünf Pfund höher. Vereinzelt ist der Unterschied auch größer, was auch daran liegt, dass Timeform eine geringfügig andere Altersgewichtstabelle benutzt und die Umrechnung von Längen in Pfund und Kilogramm etwas anders handhabt. So ist in diesem Jahr für mich eine Überraschung, dass Ito bei den deutschen Pferden mit einem Rating von 123 (101,5 kg) an der Spitze steht, vor Protectionist (122), Iquitos (121) und Potemkin (120). Bei den Dreijährigen sind Savoir Vivre und Spectre mit jeweils 118 (99 kg) vorne, gefolgt von Noor Al Hawa (117) und Isfahan (116). Die weltweit höchste Einschätzung hat Arrogate mit 139 erhalten, gefolgt von California Chrome (138). Hier stimmt das Verhältnis zu den offiziellen Zahlen (Arrogate 134, California Chrome 133).
Deutsche Pferde sind in den ersten Jahrzehnten von „Racehorses of“ kaum zur Kenntnis genommen worden. Bis Anfang der 1970er-Jahre findet man überhaupt nur zwei: Orsini (124) und Priamos (123). Erst nach Star Appeals „Arc“-Sieg änderte sich das langsam. Eine Liste mit den höchsten von Timeform vergebenen Ratings gibt es hier.

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Wie oft kommt es doch vor, dass man den Ausgang eines Rennens zwischen zwei, vielleicht drei Pferde legt – und dann kommt es doch ganz anders. Langtang und Colomano, die Sieger der großen Zweijährigenrennen des Vorjahres, dazu noch Dia del Sol und Fulminato. Darunter hätte doch eigentlich der Sieger sein sollen, beim Dr. Busch-Memorial am vorigen Sonntag in Krefeld. Aber dann gewinnt mit Dragon Lips ein Siegloser und ein anderer Siegloser, Savile Row, wird Dritter. Haben sich beide nun stark verbessert oder sind die anderen deutlich unter Form gelaufen? Oder hat die Tatsache eine Rolle gespielt, dass Dragon Lips und Savile Row in diesem Jahr bereits gelaufen sind und mehr Kondition gehabt haben könnten? Fragen über Fragen, auf die der Handicapper eine Antwort geben muss. Der Sieg von Dragon Lips fiel mit mehr als drei Längen Vorsprung gegen den Winterfavoriten Langtang aber doch so überzeugend aus, dass ich glaube, einen zumindest durchschnittlichen Sieger des Busch-Memorials gesehen zu haben. Über Fulminato gerechnet, der ordentlich gelaufen, aber etwas unter seiner Marke von 92 geblieben sein dürfte, ergeben sich dann für Dragon Lips 95,5 Kilo. Da die Marke für einen Busch-Memorial-Sieger in sieben der letzten zehn Jahre zwischen 95 und 96 Kilo lag, sollte Dragon Lips da erst einmal gut aufgehoben sein. (Chopin hatte in diesem Zeitraum mit 98 kg die höchste, Lindenthaler und Davidoff mit 94,5 bzw. 94 kg die niedrigste Einschätzung erhalten.)
Der Sieger im Dr. Busch-Memorial ist ja für gewöhnlich ein gutes Pferd. Unter den zehn letzten Siegern findet man Karpino, Lucky Lion, Chopin, Amaron, Zazou, Irian und Liang Kay, alles respektable Könner. Nur Lindenthaler und Davidoff fallen etwas ab, bei Millowitsch müssen wir noch abwarten. So stehen die Chancen nicht schlecht, dass auch Dragon Lips noch gute Rennen gewinnen wird, wenn auch nicht gleich das Derby, denn dafür ist er nicht genannt. Aber das Derby haben seit 1950 ohnehin nur drei Busch-Memorial-Sieger gewonnen: Neckar, Lagunas und zuletzt Next Desert. Das logische Ziel ist jetzt das Mehl-Mülhens-Rennen, das – wenn sie denn dort gestartet sind – immerhin drei der letzten vier Krefelder Sieger gewinnen konnten.

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Leser der täglichen erscheinenden „Thoroughbred Daily News (TDN)“ durften sich am Montag wundern: Diaphora, dreijährige Stute aus dem Gestüt Röttgen, wurde nach ihrem Sieg in Krefeld mit dem Titel „TDN Rising Star“ ausgestattet. Diese Auszeichnung, die nur nach einem der ersten Starts vergeben wird, erhalten nur relativ wenige Pferde. 2016 waren es weltweit nicht mehr als 126, darunter Pferde wie Arrogate oder Songbird. Der Titel sagt schon aus, was von diesen Pferden künftig erwartet wird, nämlich Siege in klassischen oder anderen großen Rennen. „Rising Stars“ gibt es seit 2004, vor Diaphora wurden nur fünf andere in Deutschland trainierte damit ausgezeichnet: Saldenblatt (späteres GAG 91 kg), Persian Storm (96 kg), Soberania (95 kg), Panyu (93,5) und Sea The Moon (102,5 kg). Keine schlechte Bilanz also. Diaphora steht nach ihrem Maidensieg vorerst bei 74 kg. Im Hauptquartier von „TDN“ in New Jersey/USA kümmern sich 23 Angestellte (darunter 12 Frauen) um den Inhalt, dazu kommen noch Korrespondenten aus aller Welt. Die Publikation finanziert sich durch Anzeigen.

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Unter der Dachmarke “GERMAN RACING” werden spannende Pferderennen und stimmungsvolle Veranstaltungen auf den deutschen Rennbahnen abgehalten. Seit 188 Jahren bestehen Pferderennen als ältester organisierter Sport in Deutschland. Ein echter Klassiker!

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