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Blog: Chefhandicapper Harald Siemen

Von Pferden, die nicht gewinnen wollen

27. Juni 2018

Besitzer von Rennpferden befinden sich auf einer permanenten emotionalen Achterbahnfahrt. Enttäuschungen überwiegen in der Regel die Erfolge bei weitem, allein schon deshalb, weil es beim Pferderennen immer nur einen Sieger geben kann. Zu den Charakterprüfungen, die einem Besitzer in diesem Sport auferlegt werden können, zählt ein Rennpferd, das zwar schnell ist, das aber nicht gewinnen will. Weil es seinem ihm angeborenen Trieb folgend gerne anderen den Vortritt lässt, nicht gerne ein Feld anführt – auch nicht im Ziel. Eigentlich ein Fall für einen Pferdepsychologen. Ein solches Pferd ist Gestüt Röttgens Degas, der am vorigen Sonntag aber endlich über seinen Schatten gesprungen ist und zum zweiten Mal in seiner immerhin schon vier Jahre andauernden Rennlaufbahn als Erster das Ziel erreichte – im G3-Großen Preis der Wirtschaft in Dortmund. Das andere Rennen, das Degas regulär gewonnen hat, war ein Sieglosenrennen im April 2016 in Köln, ein weiteres Rennen bekam er kürzlich durch die nachträgliche Disqualifikation des eigentlichen Siegers Wonnemond zugesprochen. (Ein ähnlicher Fall wie Degas ist übrigens der französische Hengst Vazirabad, der sich am Donnerstag geradezu weigerte, den Ascot Gold Cup zu gewinnen.)
Die zwei sieglosen Jahre müssen frustrierend für die Umgebung von Degas und für seine Wetter gewesen sein, denn sein Lieblingsplatz war der Zweite. Besonders arg war es im klassischen Mehl-Mülhens-Rennen 2016, als er vom letzten Platz kommend mit einer „Nase“ an dem Engländer Knife Edge scheiterte. Jeder Reiter von Degas (meistens war das Adrie de Vries) steht vor der schwierigen Aufgabe, genau im Ziel vorne zu sein, auf keinen Fall früher, da das Pferd ansonsten abbremst. Aber vielleicht lernt Degas das Siegen ja doch noch - jetzt, nach einem geschenkten und einem ehrlich errungenen Erfolg. Da er sich bereits im Status eines Wallachs befindet, werden wir hoffentlich noch lange gut von ihm haben. Für den Sieg hat Degas sich wieder ein Rating von 95 kg (110) verdient, eine Marke, die er vor zwei Jahren schon einmal erreicht hatte. Bei der Bewertung des Rennens sind wir davon ausgegangen, dass der Zweitplatzierte Palace Prince seine zuletzt in der Badener Meile gezeigte Leistung von 92,5 kg hier wiederholt hat.
Nur Zehnter und damit Letzter wurde mit Theo der einzige Dreijährige im Feld, zuletzt Zweiter zum Derbyfavoriten Royal Youmzain in Baden-Baden. Ich möchte diese Leistung erst einmal in die Rubrik „Zu schlecht, um wahr zu sein“ einordnen, andernfalls müsste man sich um die Qualität des Derbyjahrgangs ernstlich Sorgen machen. Natürlich wirft dieses Ergebnis einige Zweifel am Wert des Iffezheimer Derby-Trials auf, aber ich gedenke nicht, derzeit Änderungen am Ranking der Derbypferde vorzunehmen und nach dem ersten bedenklichen Resultat gleich alles auf den Kopf zu stellen. Dazu war der Sieg von Royal Youmzain auch zu imponierend. Dessen kürzlich noch so eindeutige Favoritenstellung, vor allem gegenüber dem Union-Sieger Weltstar, ist aber wohl doch etwas ins Wanken geraten.

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Am Samstag ist Royal Ascot zu Ende gegangen. Wie so oft, waren deutsche Ställe kaum vertreten. Die beiden einzigen Starter, Merry Go Round und Pearl Dragon, waren als Neuerwerbungen hier ohnehin unbekannt und spielten keine Rolle. Überhaupt ist erst einem in Deutschland trainierten Pferd ein Sieg bei dieser bekanntesten Rennveranstaltung der Welt gelungen. Das war Energizer für das Gestüt Schlenderhan im Jahr 2012, in den Tercentenary Stakes (jetzt Hampton Court Stakes). Jedes Jahr warte ich darauf, dass einmal ein deutsches Pferd in den Hardwicke Stakes läuft, einem Gruppe-II-Rennen über 2400 Meter, für das Gruppe-I-Sieger kein Aufgewicht aufnehmen müssen. Eigentlich eine ideale Ausschreibung für Pferde wie Windstoß, Dschingis Secret, Iquitos oder Guignol. Diesmal hat Crystal Ocean gewonnen, er wäre auch von unseren Besten nur schwer zu schlagen gewesen. Für diesen Sieg erhielt er ein Rating von 118 (99 kg), aufgrund seiner Vorleistungen steht er bei 122 und gilt derzeit als Favorit für die King George VI and Queen Elizabeth Stakes am 28. Juli, für die auch Windstoß eine Nennung bekommen hat.

Die vom optischen Eindruck her herausragende Leistung der fünf königlichen Renntage war der Sieg von Alpha Centauri in den G1-Coronation Stakes, einem Rennen, das 1840 erstmals gelaufen wurde und an die zwei Jahre zuvor erfolgte Krönung von Queen Victoria erinnern soll. Zu diesem Meilenrennen für dreijährige Stuten traten neben Alpha Centauri, die zuvor die irischen 1000 Guineas gewonnen hatte, auch die Guineas-Siegerinnen aus England und Frankreich zu einem wahren Gipfeltreffen an, das Alpha Centauri mit sechs Längen Vorsprung für sich entschied. Sie verdiente sich damit ein stolzes Rating von 122 (101 kg) und ist damit klar die Nummer 1 unter den dreijährigen Stuten in Europa. Ihre dritte Mutter ist die überragende Miesque, in den Achtziger Jahren zweifache Siegerin in der Breeders´ Cup Mile, dieses Rennen soll jetzt auch das Fernziel für Alpha Centauri sein.
Rätsel gibt weiter Europas Superstar Cracksman auf. In den G1-Prince of Wales´s Stakes ließ er sich über den ganzen Weg bitten, war im Ziel trotzdem beachtliche acht Längen vor dem gewiss nicht schlechten Hawkbill – aber eben auch 2 ¼ Längen hinter dem Sieger Poet´s Word nur Zweiter. „Enorm schwer zu berechnen, geradezu unmöglich“, beschreibt mein englischer Kollege Dominic Gardiner-Hill, seit ein paar Wochen als Nachfolger von Phil Smith neuer englischer Chef-Handicapper, die Aufgabe, dieses Rennen zu handicappen. Er kam für Poet´s Word dann mit einem Rating von 126 (103 kg) heraus. Ich bin mit 125 etwas zurückhaltender.

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Swiss Timing Local Positioning System

Was ist da denn da los? Beim Renntag In Dresden am Samstag und zum Teil auch schon zuletzt in Leipzig konnte man während der Rennen auf den Bildschirmen Zwischenzeiten und Positionsanzeigen ablesen. Wie kommen nun ausgerechnet diese beiden Bahnen zu diesem aus Hoppegarten bekannten, doch recht teuren System der Schweizer Firma Swiss Timing? Des Rätsels Lösung: Longines, wie Swiss Timing zur Schweizer Swatch Group gehörend, zählt seit Neuestem auch zu den Sponsoren in Ascot und will dieses Tracking System im kommenden Jahr auch dort einsetzen. Im Gegensatz zu Hoppegarten, wo über die Rennbahn verteilt Sender platziert sind, sollen Zeitmessung und Positionsbestimmung in Ascot über GPS funktionieren. Diese Technik wird derzeit auf einigen deutschen Rennbahnen ausprobiert.
In Hoppegarten kann man Zwischenzeiten („Sectional Times“) schon seit zwei Jahren von den Bildschirmen ablesen, allerdings nur diejenigen des gerade Führenden. Die Daten der anderen Pferde hat Swiss Timing gespeichert, auf Anfrage hat zumindest ein interessierter Trainer schon Auskunft über sein Pferd erhalten. Es wäre schön, wenn die Rennbahn Hoppegarten einen Weg finden würde, diese für viele, auch für den Handicapper interessanten Daten, der Öffentlichkeit generell zugänglich zu machen. Denn dafür sind sie ja eigentlich da.

 

GERMAN RACING

Erlebnissport der Extraklasse.
Unter der Dachmarke “GERMAN RACING” werden spannende Pferderennen und stimmungsvolle Veranstaltungen auf den deutschen Rennbahnen abgehalten. Seit 188 Jahren bestehen Pferderennen als ältester organisierter Sport in Deutschland. Ein echter Klassiker!

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