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Blog: Chefhandicapper Harald Siemen

Überraschungen im Galopprennsport

26. September 2018

Jeder sportliche Wettbewerb bringt ja von Zeit zu Zeit Ergebnisse hervor, die der menschliche Verstand nicht fassen kann: Leicester City als Meister der englischen Premier League ist ein Beispiel, der Knockout-Sieg von Buster Douglas über den zuvor in 37 Kämpfen unbesiegten Mike Tyson, oder meinetwegen auch der 2:0-Sieg von Südkorea gegen die deutsche Mannschaft bei der WM in Russland. Auch beim Galopprennen kann man sensationelle Sachen erleben, man muss nur lange genug zur Rennbahn gehen. Zu den größten Überraschungen, die ich erlebt habe und bei denen ich dabei war, zählen der Sieg von Star Appeal (1196:10) im Prix de l´ Arc de Triomphe, Sharpers Erfolg im Großen Preis von Baden 1976 (526:10), der Derbysieg mit 5 ¾ Längen Vorsprung von Ako (608:10) und - das war der Gipfel – Pawiments Preis von Europa 1980 zur Totoquote von 1216:10. Überhaupt hat der Preis von Europa, was das Überraschungspotential angeht, einiges zu bieten. Ich denke da noch an Acacio d´Aguilar (496:10), Days at Sea (304:10) und Prince Ippi (229:10). 

Und jetzt Khan. Der Grad der Überraschung, den sein Sieg am Sonntag im 56. Preis von Europa in Köln auslöste, fand in der Totoquote (211:10) noch nicht einmal seine Entsprechung, bei PMU gab es immerhin 305:10. Khan hatte bis zum Sonntag bei 13 Starts nur einmal gewinnen können, das war im vorigen Jahr im Mai in einem Sieglosenrennen in Straßburg. Man kann nicht sagen, dass er danach einen Tanz ausgelassen hätte: In Union-Rennen, Derby, St. Leger, Großer Preis von Bayern, Oleander-Rennen, Hansa-Preis, Großer Preis von Berlin und Großer Preis von Baden konnte man ihn als alten Bekannten am Start begrüßen, und in jedem dieser Rennen – bis auf das St. Leger, in dem er Dritter wurde – landete er in der Rubrik „ferner liefen“. Man weiß nicht, was man mehr bewundern soll, die Geduld und Ausdauer seines Besitzers oder die Psyche dieses Pferdes, die auch durch ständiges Hinterherlaufen in schweren Aufgaben keinen Schaden genommen hat. Der Enthusiasmus, mit dem Khan am Sonntag von Anfang an bei der Sache war, war ebenso beeindruckend wie die Tatsache, dass er seinen Gegnern auf den letzten 200 Metern auf sechs Längen davonlief. 

Video: 56. Preis von Europa (Gr. I), Köln - Sieger: Khan

Nun kann man fragen, was denn das für Gegner waren. Nun - es war bis auf Iquitos und Dschingis Secret der letzte Rest, den deutsche Rennställe nach verlustreichen Wochen noch aufzubieten in der Lage waren, und dieser Rest schien zuletzt auch nicht mehr ganz in Hochform. Dazu kam noch der schwer enttäuschende Torcedor, ein Irlandimport mit einem Rating von 119 (99,5 kg), das er sich allerdings auf Extremdistanzen geholt hatte. Es hat gewiss schon stärker besetzte Ausgaben des Europa-Preises gegeben, so dass man zu der Auffassung kommen könnte, das alles sei nicht viel wert. Andererseits muss man auch einem Pferd gerecht werden, welches gerade ein immerhin zur Gruppe Eins zählendes Rennen mit großem Vorsprung gewonnen hat. Das kommt ja auch nicht alle Tage vor. Mit mehr als sechs Längen waren im Europa-Preis nur Lomitas (acht Längen) und Gold and Ivory und Prince Ippi (sieben Längen) erfolgreich; Ibn Bey gewann auch mit sechs Längen. Und auch wenn Khan in sieben der acht Grupperennen, die er vor dem Preis von Europa bestritten hat, nicht über einen fünften Platz hinausgekommen ist, so hat er doch ab und an eine rechnerisch ganz ordentliche, in einem Fall sogar eine ganz ausgezeichnete Leistung gezeigt. Das war im vorigen November, im sehr stark besetzen Großen Preis von Bayern, als er nicht weit hinter Guignol, Iquitos, Dschingis Secret und Waldgeist einkam und nach Rechnung auf immerhin 97 kg lief. Damals war der Boden weich, so wie jetzt auch in Köln. Er scheint das zu brauchen. 

Wir haben Khan für den Sieg in Köln eine neue Marke von 98 kg gegeben, also ein Kilo mehr als er im Großen Preis von Bayern gezeigt hat. Insoweit ist sein Sprung nach oben gar nicht einmal so groß, wie es auf den ersten Blick scheint. Ob er sich auf diesem Niveau wird halten können, wird nicht zuletzt auch eine Frage des Wetters sein.

* * *

Ein sehr unterhaltsames Rennen wurde dem Publikum am vorigen Samstag in Longchamp geboten, als der in Köln von Waldemar Hickst trainierte dreijährige Wallach Alkuin seinen Gegnern in einem Class-2-Rennen über 2800 Meter unterwegs auf 20 Längen und mehr enteilte. Als er durchs Ziel kam, hatte er meiner Wahrnehmung nach immer noch einen Vorteil von gut zehn Längen. Umso überraschender dann der offizielle Richterspruch, der den Vorsprung von Alkuin auf lediglich fünf Längen bezifferte. Nun ist es in Frankreich ja nichts Neues, dass bei den Abständen Augenschein und formelles Ergebnis nicht in Einklang miteinander stehen. Ich erinnere nur an den Sieg der fünfjähren Trève im Prix Vermeille, der zunächst mit vier Längen angegeben, drei Tage später aber auf sechs korrigiert wurde. Auch beim Sieg von A Shin Hikari vor drei Jahren im Prix d´Ispahan waren es allenfalls acht Längen statt der offiziellen zehn. France-Galop entschuldigte sich im Fall Trève mit einem „technischen Versehen.“ Der Fehler lag vermutlich in einer falschen Anwendung der Zeit-Längen-Tabelle, denn – was viele Rennbahnbesucher vielleicht nicht wissen – die Abstände zwischen den Pferden werden nicht mit dem Längenmaß, sondern mit der Uhr gemessen. Anschließend wird die Zeit wieder in Pferdelängen oder Bruchteilen davon konvertiert. Ein ziemlich kompliziertes Verfahren also, das im Leben außerhalb der Rennbahn auch keine Entsprechung kennt, es sei denn jemand hätte auf dem Bahnhof schon einmal die Durchsage gehört, der Zug habe eine Verspätung von fünf Kilometern.

Die Pferdelänge ist im Galoppsport das Maß aller Dinge. Nach ihr bemessen sich nicht nur die Abstände zwischen den Pferden. Die Pferdelänge - in Kilogramm umgerechnet – ist auch Arbeitsgrundlage für den Handicapper und somit Maßstab für die Qualität der Pferde. Der Zielrichter misst aber nicht etwa die Abstände in dem Augenblick, in dem der Sieger das Ziel erreicht, sondern er (oder sie) misst die Zeit die vergeht, bis das nächste Pferd im Ziel ist. Diese Zeit wird dann nach einer vorher festgelegten Formel wieder in ein Längenmaß umgerechnet. Die Formel variiert je nach Untergrund (Gras, Sand) und Bodenbeschaffenheit (guter oder schwerer Boden). Bei gutem Boden sind eine Sekunde fünf Längen, eine Länge sind also 0,2 Sekunden. Was Alkuin angeht, so haben wir seine Marke erst einmal um neun Kilo auf 82 angehoben. Sein neues französisches Valeur von 43 sind nach offizieller Umrechnung sogar 87,5 kg. Wie man hört, sind Handicaps für ihn aber erst einmal nicht vorgesehen.

Sind das 5 Längen? France-Galop meint ja
Sind das 5 Längen? France-Galop meint ja
 

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