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Blog: Chefhandicapper Harald Siemen

Das Jahr von Windstoß

27. September 2017

Es gab einmal eine Zeit, es ist schon lange her und der Galoppsport war noch tief in allen Gesellschaftsschichten verankert, da blieb ein Jahr häufig nur aufgrund seines Derbysiegers in Erinnerung. Eine kleine Anekdote aus England mag das verdeutlichen. Es war zu Beginn des vorigen Jahrhunderts, als eine alte Dame als Zeugin vor Gericht über einen Sachverhalt
aussagen sollte der schon lange zurücklag. Auf die Frage des Richters, in welchem Jahr sich das in Rede stehende Geschehen denn abgespielt habe, antwortete die Dame: „Das kann ich nicht mehr sagen, Euer Ehren. Aber ich weiß noch genau, dass Blair Athol das Derby gewonnen hat.“ - „Also 1864“ murmelte der Richter.

Freunde des Rennsports in Deutschlands werden sich mit solchen Derby-Erinnerungen aus letzter Zeit eher schwer tun, allenfalls Sea The Moon wird prägend in Erinnerung bleiben. Aber auch ihm war nach dem Derby – wie Lucky Strike, Nutan und Isfahan – nur noch eine kurze Rennlaufbahn beschieden. Isfahan konnte sogar überhaupt nicht mehr an den Start gebracht werden. Aber jetzt kommt Hoffnung auf. Windstoß hat als erstes Pferd seit Pastorius im Jahr seines Derbysieges noch einmal gewinnen können. Am Sonntag in Köln, beim 55. Preis von Europa. Es mag diesmal vielleicht nicht so schwer gewesen sein, dieses Rennen zu gewinnen. Aber Respekt verdient der Sieg doch, vor allem weil er so überzeugend ausfiel. 

Es war ja ein recht merkwürdiger Rennverlauf, der uns da geboten wurde. Zunächst wusste der Reiter der als Tempomacherin annoncierten Kasalla mit seiner Rolle nichts anzufangen, dann teilte sich das Feld in der Gegenseite in zwei Teile (ein Teil innen, der andere außen), was optisch zu einiger Verwirrung führte, und in der Zielgeraden gab es, wie so häufig in Köln, an der Außenseite noch eine Drängelei, deren Leidtragender wieder einmal Colomano war. Irgendwie scheint diesem Pferd das Unglück geradezu anzuhaften. Windstoß hatte mit alledem nichts zu tun, mit kraftvoller Aktion erreichte er das Ziel mit vier Längen Vorsprung - so viel, wie schon lange kein Europa-Preis-Sieger mehr. Nur fünf Mal in der doch schon recht langen Geschichte dieses seit 1963 gelaufenen Rennens gab es einen größeren Abstand zwischen Sieger und Zweitem: Lomitas gewann mit acht Längen, Gold and Ivory und Prince Ippi mit sieben, Ibn Bey mit sechs und Mondrian mit fünf Längen. Anilin (zwei Mal) und Kutub gewannen wie Windstoß mit vier Längen.

Video: 55. Preis von Europa (Gruppe 1), Köln

Eine gute Gesellschaft also, in der Windstoß sich da befindet. Allein, ich deutete es schon an, so leicht wie diesmal war ein Preis von Europa wohl selten zu gewinnen. Bei allem Respekt vor den Teilnehmern mangelte es dieser Ausgabe doch etwas an der Klasse in der Tiefe. Die drei besten deutschen Pferde fehlten ebenso wie Gäste aus dem Ausland, so dass Windstoß der einzige Gruppe-I-Sieger im Feld war. Dass unter diesen Umständen kein Rating herausspringen konnte, das dem Status eines Gruppe-I-Rennen entspricht (also im Durchschnitt 97,5 kg für die ersten vier) war zu erwarten. Ausgehend von der zuletzt in Deauville gezeigten Leistung von Savoir Vivre (94,5 kg) haben wir für Windstoß eine neue Bestmarke von 98,5 kg (Rating 117) errechnet. Damit hat dieser Preis von Europa immerhin ein Ziel erreicht, nämlich den Jahrgangsbesten unter den Dreijährigen zu ermitteln. Son Macia als Zweite erreicht mit 93,5 kg(107) wieder ihr Niveau aus dem Herbst des Vorjahres, Colomano blieb, auch wegen des Rennverlaufs, mit 95+kg (110+) unter seiner Form aus Baden-Baden. 

Für einen Europa-Preis-Sieger sind 98,5 kg neuerdings eine sehr gute Marke, es ist die höchste seit den 100 kg von Scalo im Jahr 2010. Auf gusseisernem Fundament ist die Marke allerdings nicht gebaut, hinter Son Macia und auch hinter dem nicht übermäßig weit geschlagenen Parviz stehen doch kleine Fragezeichen. Es bleibt abzuwarten, was meine ausländischen Kollegen dazu sagen. Denn Grupperennen, besonders solche der Gruppe I, werden bekanntlich international abgestimmt. Spätestens auf der Jahreskonferenz im Dezember in Hongkong wird darüber gesprochen werden.

* * *

Nicht dass es meine Aufgabe wäre Prognosen abzugeben, aber ich kann mir ganz gut vorstellen, dass Enable am Sonntag den Prix de l´Arc de Triomphe gewinnt. Na super, werden jetzt viele denken, toller Tipp. Aber ich will das begründen. Enable ist das Pferd mit dem höchsten Rating im Rennen. Wenn der Arc unser Derby wäre, trüge sie die Nummer eins. Aber im Gegensatz zum Deutschen Derby gewinnt im Arc häufig das Pferd mit dem höchsten Rating. In den letzten zehn Jahren fünf Mal: Found, Golden Horn, Sea The Stars, Zarkava und Dylan Thomas. Aber auch Treve (zweimal Nr. 2), Workforce (Nr. 3.) und Danedream (Nr. 4) standen weit vorne, nur Solemia (Nr. 7) fiel etwas ab. 

Unter Hinzufügung der drei Pfund Stutenerlaubnis steht Enable am Sonntag mit einem Rating von 129 (104,5 kg) an der Spitze, gefolgt von Ulysses mit 127. Dschingis Secret steht zusammen mit vier anderen auf Platz sieben. Die offiziellen Ratings aller voraussichtlichen 20 Starter stehenhier.

* * *

Triple-Crown-Sieger sind ja selten geworden in unserer Zeit. Es gibt aber ein Land, wo das nicht so ist. Polen. Innerhalb von nur drei Jahren hat es dort mit Bush Brave einen zweiten Sieger der Dreifachen Krone gegeben, nach Va Bank im Jahr 2015. Aber im Gegensatz zu Va Bank hat Bush Brave am Sonntag in Warschau auch das Wielka Warszawska gewinnen können, das bedeutendste Rennen Polens. Der Rennverlauf war recht unterhaltsam, da der spätere Zweite Lago Forte lange Zeit mit zehn Längen und mehr führte. In der Zielgeraden wurde er von Bush Brave dann eingesammelt, und mit 13 Längen auf den zweiten Platz verwiesen. Auch das Derby hatte er schon mit zehn Längen gewonnen. Ungeschlagen ist Bush Brave aber nicht, bei bisher 10 Starts gab es drei Niederlagen, in Ziffern sieht seine Rennlaufbahn so aus: 11121/12311. Im nächsten Jahr soll er auch international laufen, wohl auch in Deutschland. 

Bush Brave kostete als Jährling bei den Tattersall September Sales in Irland nur 1800 Euro, am selben Ort wurde vor Jahren auch Va Bank für 5000 Euro zugeschlagen. Seine Handicapmarke in Polen beträgt 87,5 kg. Üblicherweise ziehen wir bei Pferden aus Polen, wenn sie hier im Ausgleich genannt werden, zehn Kilo von ihrer polnischen Marke ab, um sie einigermaßen konkurrenzfähig zu machen; trotzdem laufen sie oft genug hinterher. Bei den besten polnischen Pferden sieht das aber anders aus, die können ihre Marken auch hier, wie Va Bank und Caccini gezeigt haben. Das gilt auch für Furia, eine dreijährige in Fährhof von Campanologist aus der Fair Breeze gezogene Stute, die in Polen in fünf Rennen noch ungeschlagen ist. Furia lief am Sonntag in Köln im Listenrennen und war als Siebte nicht weit geschlagen. 84,5 Kilo war das wert.

 

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