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Blog: Chefhandicapper Harald Siemen

Vierzig Jahre Nummer eins

28. Juni 2017

Das größte Starterfeld in der Geschichte des Deutschen Derbys gab es bekanntlich 1977, als 24 Pferde liefen, das war damals das Maximum. Um für ein Ausscheidungsverfahren gerüstet zu sein, erstellte Handicapper Peter Schmanns einige Tage vorher erstmals eine Liste, in der die Derbykandidaten nach Höhe ihrer Handicapmarke gereiht waren. Diese Reihung wurde in das Rennprogramm übernommen, Surumu hatte die Nummer eins und gewann mit sieben Längen Vorsprung. Seitdem wird das Derbyfeld immer auf diese Art und Weise zusammengestellt, nur 1982 kehrte man noch einmal zur alten Sortierung nach dem Alphabet der Besitzer zurück. Am kommenden Sonntag wird also zum 40. Mal das nach Vorleistungen von den Ausgleichern am höchsten bewertete Pferd mit der Nummer eins auf der Satteldecke ins größte Rennen des Jahres gehen. Diesmal ist es mit Colomano wieder einmal der Union-Sieger, wie schon 18 Mal zuvor. 

Ich komme jetzt nicht um die Feststellung herum, dass es nach Surumu nur noch drei weitere Derbysieger mit der Nummer eins gegeben hat - Navarino, Lavirco und Wiener Walzer. Aha, werden jetzt einige sagen, wusst´ ich´s doch, die Handicapper haben keine Ahnung. Zur Verteidigung muss ich sagen, dass die Nummer 1 immerhin 23 Mal als Favorit ins Rennen ging, die Handicap-Einschätzung also mit den Wetteinsätzen in Einklang stand. Trotzdem stellt die Reihung der Derbykandidaten keine Prognose über den Ausgang des Rennens dar. Stehvermögen zum Beispiel lässt sich allein aus der Handicapmarke nicht ableiten, und überhaupt ist das Derby dazu da, die Rangfolge im Jahrgang erst einmal herzustellen und nicht zu bestätigen. Auch haben sich einige derjenigen Pferde, die mit der Nummer eins ausgestattet waren, später auch ohne Derbysieg als Jahrgangsbeste erwiesen: Nebos, Kondor, Lomitas, Platini, Caitano, Tiger Hill, Novellist und Ivanhowe zum Beispiel. (Klick zur vollständigen Liste aller Pferde mit der Programmnummer 1 seit 1977 und deren Platzierung im Derby). Wie man sieht war der Derbysieger immerhin 23 Mal unter den ersten fünf Programmnummern zu finden, mit einer zweistelligen Nummer waren nur sieben Pferde erfolgreich.

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„Gentlemen may take off their jackets.“ 

Hatte ich die Ansage auf dem Rennplatz von Ascot am vorigen Mittwoch während der Liveübertragung am Computer richtig verstanden? Die Herren durften sich ihrer Sakkos respektive Morning Suits entledigen? Bei Royal Ascot? Jetzt dauert es gewiss nicht mehr lange und die Raben verlassen den Tower, was, der Legende zufolge, zum Untergang des Vereinigten Königsreichs führen würde. Doch Raben hin und Untergang her - bei 33 Grad Hitze am wärmsten Juni-Tag seit 40 Jahren hatte man in Ascot ein Einsehen mit der Kleiderordnung - schließlich war es auch den Pferden vergönnt, sich nach den Rennen vor riesigen Ventilatoren den Wind durchs Fell wehen zu lassen.

Die Pferde ließen sich von der Hitze gar nicht groß stören, produzierten Bestleistungen am laufenden Band. Ein ganz großes Rating, also eines in der Nähe von 130 (105 kg), kam zwar nicht zustande, dafür schafften es aber immerhin sieben Pferde auf 120 (100 kg) oder mehr: Ribchester (123), Highland Reel und Lady Aurelia (beide 122), Big Orange und Caravaggio (je 121) und Barney Roy und Order of St George (jeweils 120). Das waren denn auch die Stars von Royal Ascot in diesem Jahr, selbstverständlich neben der Queen, die auch im 91. Lebensjahr wieder kein Rennen versäumte, und der am Mittwoch ganz in weiß gewandeten Kate, Duchess of Cambridge. 

Aus deutscher Perspektive gesehen gab es drei interessante Momente: Erstens: Saviles Rows Auftritt in den Hampton Court Stakes war indiskutabel, könnte aber durch anschließende Lahmheit entschuldigt sein (in diesem Rennen sorgte der Schlenderhaner Energizer vor fünf Jahren für den einzigen deutschen Royal Ascot-Sieg überhaupt). Zweitens: Die länger in Deutschland trainierte Spectre von Markus Münch lief im von Ribchester gewonnenen Queen Anne Stakes als Vierte zur Bestform auf, erreichte wieder ihr höchstes Rating von 114 (97 kg). Drittens: Im allerletzten und längsten Rennen des Meetings, den Queen Alexandra Stakes über 4324 Meter, siegte der Auenqueller Lomitas-Sohn Oriental Fox, 9 Jahre alt. Dabei war das Rennen besser besetzt als in manchen Jahren zuvor, immerhin startete mit US Army Ranger der englische Derbyzweite aus dem Vorjahr, er wurde Dritter. Oriental Fox hatte dieses Rennen bereits vor zwei Jahren einmal gewonnen, wie überhaupt die Queen Alexandra Stakes ein dankbares Betätigungsfeld für Pferde aus deutscher Zucht sind. Schon 2009 siegte der Lando-Sohn Caracciola, 12 Jahre alt. Daran gemessen hat Oriental Fox noch einiges vor sich. Ursprünglich von Uwe Ostmann trainiert, wechselte er im Herbst 2011 zu Carmen Bocskai in die Schweiz und von da aus im April 2013 zu Mark Johnston nach England. Inzwischen hat er 51 Starts absolviert, in Ziffern sieht das so aus: 561323334533491656202035016375617222344606200195251. Seine höchste Marke in Deutschland war 91 kg, in England 93,5 kg. Chapeau!

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Im Großen Preis der Wirtschaft in Dortmund kommt es häufig zum ersten Treffen von älteren Grand-Prix-Pferden und den Dreijährigen. Nach drei aufeinander folgenden Siegen von Santiago, Lord of England und Soldier Hollow zwischen 2004 und 2006 kam zuletzt nur noch der anschließend nach Hongkong verkaufte All Shamar als Dreijähriger zum Zuge, das war 2012. Diesmal vertrat Dragon Lips den Derbyjahrgang und wurde, wie schon im Mehl-Mülhens-Rennen, Vierter. Die großen Erwartungen, die sein klarer Sieg im Busch-Memorial geweckt hatte und den wir optimistisch mit 95,5 kg bewertet haben, hat er bisher noch nicht erfüllen können. Für Wild Chief als Sieger haben wir 96 kg ausgerechnet, für Dragon Lips ergibt das dann – wie schon zuvor in Köln – eine Leistung von 93 kg. 

Wild Chef war ja vor drei Jahren schon Vierter im französischen und Fünfter im Deutschen Derby, lief dann einige Male auf zu weiter Distanz. Auch die zum Teil sehr harten Rennen in Gruppe-1-Gesellschaft in Frankreich hat er augenscheinlich gut weggesteckt. Eine ganz angenehme Überraschung war Cashman auf dem zweiten Platz. Er begann seine Rennlaufbahn im Vorjahr mit zwei überlegenen Siegen ja furios, bestritt danach das Union-Rennen sogar als dritter Favorit, wurde aber nur Letzter. Wenn er nun noch etwas gleichmäßiger in seiner Form wird, ist er eine Bereicherung in dieser Klasse.

Video: Dortmund: 30. Großer Preis der Wirtschaft (Gruppe 3)

 

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