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Blog: Chefhandicapper Harald Siemen

Alter schützt vor Leistung nicht

29. März 2017

Kürzlich ging ein Foto durch die Presse, das zwei nahezu Hundertjährige bei den „USA Track & Field Masters Indoor Championships“ im Fotofinish nach dem 100-Meter-Lauf zeigte. Nun sind ein Pferdejahr zwar nur 3 ½ Menschenjahre und danach wäre Mighty Mouse mit seinen neun Jahren einem Menschen im vergleichsweise jungem Alter von 32 Jahren gleichzustellen. Gleichwohl ist es bemerkenswert, wenn ein Vollblüter in diesem Alter noch ein Rennen von der Bedeutung des Grand Prix Aufgalopps gewinnt.

Einer Studie aus Amerika zufolge erreicht ein Rennpferd seinen höchsten Leistungsstand üblicherweise im Alter von 4 ½ Jahren. Zwischen Zwei und Viereinhalb verbessert es sich um durchschnittlich 10 bis 15 Längen (oder Kilo), um dann in den folgenden fünf Jahren wieder zwischen 6 und 10 Längen an Leistung einzubüßen - je nachdem, ob es sich um einen Flieger oder um einen Steher handelt. Mighty Mouse ist also eine Ausnahme von dieser Regel, denn der Sieger im Grand Prix Aufgalopp am Sonntag in Düsseldorf war nie besser als jetzt. Mighty Mouse hat dieses Rennen schon einmal gewonnen, 2012 war das. Er schlug damals sogar den Derbysieger Waldpark, der allerding 5 ½ Kilo mehr trug. 90 Kilo haben wir damals für diese Leistung ausgerechnet – genauso viel wie diesmal. In den dazwischen liegenden fünf Jahren hat Mighty Mouse nur 13 Starts absolviert, 2013 und 2015 war er überhaupt nicht am Start gewesen. 

Dass Pferde in höherem Alter Spitzenleistungen erbringen, ist im Spring- und Dressursport, aber auch im Trabrennsport normal. Aber diese Pferde müssen ihre Sportart zunächst erlernen. Der Galopper dagegen muss im Prinzip gar nichts lernen, er muss Können und ist deshalb entsprechend früh einsatzfähig. Aber eben auch früh am Ende seiner Entwicklung. Nur gelegentlich sieht man Galopper, die auch in schon fortgeschrittenen Jahren noch gute oder sogar Spitzenleistungen vollbringen. Und von diesen ist Mighty Mouse noch nicht einmal der Älteste. Unvergessen ist Sacho, zwischen 2007 und 2009 drei Mal in Folge Sieger im Frühjahrs-Sprintpreis (LR) in Köln, zuletzt im Alter von Elf. Oder Yavana´s Pace, der 2002 zehn Jahre alt war, als er den G1-Credit Suisse Private Banking-Pokal gegen Salve Regina gewann. Damit ist er bis heute der älteste Gruppe-I-Sieger Europas. Und schließlich sei hier noch einmal an den Lando-Sohn Caracciola erinnert, der, fünfjährig vom Gestüt Ittlingen nach England verkauft, dort im Jahre 2009, im Alter von 12 Jahren, die Queen Alexandra Stakes gewann. Er gilt seitdem als der älteste Sieger eines Rennens beim Royal Ascot-Meeting. Und das gibt es immerhin schon seit 1711.

* * *

Kann man noch mehr Superlative auf ein Pferd häufen als auf Arrogate? Seit seinem Sieg im Dubai World Cup ist er nicht mehr nur das aktuell beste Pferd der Welt. Er ist wahlweise auch der „Beste seit Secretariat“, der „Beste, den ich je gesehen habe“, der „Frankel der Sandbahn“ oder sogar der „Beste aller Zeiten.“ Als Handicapper ist man gewohnt, nüchtern an eine Sache ranzugehen. Und nachdem das geschehen ist, komme ich zu dem Schluss: Alles oben Gesagte kann richtig sein. Aber man weiß es nicht.

Nach der von mir aufgestellten Rechnung fehlt allerdings noch ein kleines Stück für die höchsten Weihen. Denn selbst wenn man unter Berücksichtigung des – gelinde gesagt – ungewöhnlichen Rennverlaufs, während dessen er nicht nur gut 20 Längen auf den Führenden aufholen musste, sondern dabei auch noch den gesamten Sand der Wüste Sahara abbekam, - selbst wenn man also angesichts dieser Nachteile den Vorsprung von 2 ¼ Längen verdoppelt oder gar verdreifacht, kommt nicht mehr als Rating von 130 bis 132 heraus (105 bis 106 kg).

Die ganz großen Zahlen kann man als Handicapper ohnehin nur schreiben, wenn entweder der Vorsprung sehr groß ist (wie regelmäßig bei Frankel), oder wenn der Vorsprung zwar weniger groß, die Geschlagenen aber selbst Ausnahmepferde sind (wie bei Dancing Brave im „Arc“). Aber weder das eine noch das andere ist hier der Fall. Das nach Rating zweitbeste Pferd im Rennen war Gun Runner (118=99 kg), der dann auch Zweiter wurde. Nun hat sich Gun Runner zweifellos verbessert (nach meiner Meinung auf 122), aber schon beim Dritten, Neolithic, wird man eine wesentliche Verbesserung nicht mehr annehmen können, die aber nötig wäre, wollte man für Arrogate auf ein Rating kommen, das ihn als „Besten aller Zeiten“ oder ähnliches ausweist. Rechnerisch blieb Arrogate sogar noch unter seiner im Breeders´ Cup gezeigten Leistung von 134 (107 GAG). Das alles heißt nun nicht, dass Arrogate nicht ebenso gut oder sogar noch besser sein könnte als Frankel, Dancing Brave oder Sea The Stars, die ein Rating von 140 oder knapp darunter erhalten haben. Er hatte bisher nur noch nicht Gelegenheit, das zu zeigen. Aber vielleicht kommt die ja noch.

Video: 2017 Dubai World Cup - Sieger: Arrogate

 

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