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Blog: Chefhandicapper Harald Siemen

Ein Blick nach Japan

29. November 2017

In Dantes „Göttlicher Komödie“ steht über dem Tor zur Hölle die Aufschrift: „Lasst, die ihr hier eintretet, alle Hoffnung fahren.“ Das könnte auch der Leitsatz gewesen sein für all diejenigen, die in den letzten Jahren Pferde zum Japan Cup nach Tokio geschickt haben. Denn an einen Sieg für nicht-japanische Pferde ist in diesem Rennen schon lange nicht mehr zu denken, der letzte gelang dem Engländer Alkaased, das war im Jahr 2006. Seitdem haben 46 Pferde aus aller Welt, darunter auch acht deutsche, im Japan Cup ihr Bestes versucht, und das Beste war: ein dritter Platz (Ouija Board 2007), ein Vierter (Conduit 2009) und zwei fünfte Plätze (Dunaden 2013 und Idaho 2017). Im Übrigen reichte es für 14 Teilnehmer noch zu Teilnahmegeldern für die Plätze sechs bis zehn, wie jetzt auch für Guignol, dessen Besitzer für den neunten Platz noch 75.000 Euro gutgeschrieben bekommt, die allerdings nicht als gewonnener Rennpreis zählen.

Bei einer solchen Dominanz einheimischer Stärke durfte man für Guignol und Iquitos von vornherein nicht allzu viel erwarten bei der 37. Auflage von Japans größtem Rennen am vorigen Sonntag. Das spiegelte sich schon in den Eventualquoten, Guignol war mit 718:10 noch das am meisten gewettete Pferd der vier ausländischen Gäste, die drei anderen standen über 1000. Der Sieger Cheval Grand war als fünfter Favorit ins Rennen gegangen, das korrespondierte mit seinem bisherigen Rating von 119 (99,5 kg). Das Tempo, das Kitasan Black an der Spitze vorlegte, war vielleicht etwas zu schnell, jedenfalls wurde er zum Schluss müde und musste neben Cheval Grand auch noch den diesjährigen Derbysieger Rey de Oro vorbeilassen. Als bester Nicht-Japaner kam Idaho, immerhin Dritter zu Enable in den King George VI and Queen Elizabeth Stakes in Ascot, mit mehr als vier Längen Rückstand auf Rang fünf.

Video: 2017 Japan Cup - Sieger: Cheval Grand

Der Weg japanischer Rennpferde in die Weltspitze ist ja ziemlich rasant vor sich gegangen. Noch 1976, als ich beim Washington D.C. International in Laurel Park/USA war, wurde der japanische Teilnehmer Fujino Pahshia kaum ernst genommen und kam über eine Statistenrolle auch nicht hinaus. Irgendwann danach muss in Japan der Entschluss gereift sein, dass es so nicht weitergehen kann, dass die Tür zu dem bis dahin weitgehend als „closed shop“ betriebenen japanischen Rennsport geöffnet werden muss. Und so schuf man 1981 mit dem Japan Cup ein großzügiges und weltweit beachtetes Einladungsrennen, importierte in großem Stil Deckhengste und Zuchtstuten der Spitzenklasse und setzte mehr und mehr auf Internationalität. 

1985, vier Jahre nach seiner Gründung, konnte der Japan Cup erstmals im Lande gehalten werden, 1998 gelang Seeking the Pearl im Prix Maurice de Gheest in Deauville der historische erste Gruppe I-Sieg eines japanischen Pferdes in Europa. Ein Jahr später bewies El Condor Pasa als erster japanischer Galopper Weltklasseformat, als er im Prix de l´ Arc de Triomphe nur mit einer halben Länge an Montjeu scheiterte, sechs Längen vor dem restlichen Feld. Welch hohes Ansehen El Condor Pasa damals in Japan hatte, zeigt folgende Anekdote: Als im Jahr 2004 Tap Dance City, ein Jahr zuvor immerhin 9-Längen-Sieger im Japan Cup, im Prix de l´ Arc de Triomphe lief (und Drittletzter wurde), gab dessen Trainer in einem TV-Interview auf die Frage, wie er das Können seines Pferdes im Vergleich zu El Condor Pasa beurteile, eine Antwort ohne Worte: Zunächst stellte er sich auf die Zehenspitzen und reckte sich so weit wie er nur konnte nach oben – das war El Condor Pasa; danach ging er tief in die Knie und zeigte mit dem Finger auf ein imaginäres Loch im Boden – Tap Dance City. 

Nach El Condor Pasa hat der japanische Rennsport noch zahlreiche andere Pferde internationaler Spitzenklasse hervorgebracht, die Besten waren wohl Deep Impact und Orfevre. Nimmt man die Anzahl der Pferde, die in den letzten fünf Jahren in den World Rankings ein Rating von 120 (100 kg) oder mehr erreicht haben, so liegt Japan mit 37 Pferden hinter den USA (76) und England (50) schon auf dem dritten Platz, vor Frankreich (32), Irland (30) und Australien (28); mit respektvollem Abstand folgt Deutschland mit 8 Pferden dahinter auf Rang sieben.

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Im World Ranking Committee (früher International Classification) saßen ja zunächst nur Europäer, 1995 kam Amerika hinzu, ein Jahr später auch Japan. Ich erinnere mich noch gut an den japanischen Handicapper Dr. Isamu Kosa, ein sehr höflicher und ruhiger Mann, an dem mich besonders beeindruckte, mit welcher Vollendung er die Kunst des Inemuri beherrschte, die in Japan verbreitete und akzeptierte Form des öffentlichen Nickerchens. Häufig, vor allem am Nachmittag, schloss er die Augen zu einem Power-Nap. Aber kaum dass er angesprochen wurde, war er hellwach und orientiert. Heute ist Dr. Kazuhito Matano Japans Chef-Handicapper, ein gescheiter Mann, der sich auch die Mühe macht, jedes deutsche Grupperennen zu bewerten. Meistens stimmen wir beide mit unseren Zahlen überein. Für Cheval Grand ist Dr. Matano heute Vormittag mit einem Rating von 123 herausgekommen, also 101,5 kg, soviel wie im Vorjahr Kitasan Black. Guignol kommt danach auf eine Leistung von 95,5 kg, Iquitos auf 93+. Er war in der Zielgeraden ja in schwere Verkehrsprobleme geraten, lief bei seinem schwungvoll vorgetragenen Angriff gegen eine Wand von Pferden.

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In der vorigen Woche hatte ich über den Hindernissport geschrieben und dabei den erstaunlichen Vorsprung von 59 Längen erwähnt, mit dem Wutzelmann zuletzt ein Jagdrennen in Krefeld gewonnen hat. Jetzt ist in England etwas Ähnliches passiert, allerdings in einem ungleich bedeutenderen Rennen. In der Betfair Chase (Gr.1) in Haydock lief am Samstag der sechsjährige Bristol de Mai seinen Gegnern auf 57 Längen davon, ein – so heißt es - in England in diesem Jahrhundert noch nicht gesehener Vorsprung. Der Sieger ist offensichtlich ein ausgesprochener Spezialist für die Rennbahn Haydock, bei seinen beiden anderen Starts dort gewann er mit 22 bzw. 32 Längen Vorsprung. Zunächst einmal ist er jetzt Favorit für das große Jagdrennen zu Weihnachten in Kempton Park, die King George VI. Chase.

In Zusammenhang mit den 59 Längen von Wutzelmann hatte ich mich darauf festgelegt, dass der größte bekannte Vorsprung in einem deutschen Flachrennen ein Sieg in Dortmund mit 42 Längen war, an genaueres konnte ich mich nicht entsinnen. Jetzt bin ich von kompetenter Seite daran erinnert worden: es war der vierjährige Hengst Suzhou, dem das am 16. Januar 1994 gelang. Besitzer war Daniel Delius, Trainer Uwe Stoltefuß, Reiter René Lüdtke. Suzhou war damals vier Jahre alt, ein rechter Bruder des „Arc“-Siegers Suave Dancer. Die alte Rennordnungsbestimmung, wonach Abstände von mehr als zehn Längen mit „Weile“ ausgewiesen wurden, war damals erst 16 Tage außer Kraft.

 

In der nächsten Woche erscheint hier kein Beitrag, da ich zum Handicapper-Meeting in Hongkong unterwegs bin.

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