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Blog: Chefhandicapper Harald Siemen

Die Gewinner der Goldenen Peitsche

23. August 2017

Der größte Fehler liegt im Aufgeben. Der sicherste Weg zum Erfolg ist immer, es noch einmal zu versuchen.

 Dieses Motto des genialen Erfinders Thomas Alva Edison machte sich auch der Besitzer von Son Cesio zu Eigen und schickte seinen inzwischen sechsjährigen Hengst immer wieder nach Baden-Baden. So lange, bis es jetzt, beim vierten Anlauf, endlich geklappt hat: ein Sieg in der Goldenen Peitsche. 2271 lautet der aktualisierte Formenspiegel für sein Abschneiden in Deutschlands größter Fliegerprüfung, nach zwei zweiten Plätzen und einem siebten Platz als gescheiterter Favorit im Vorjahr jetzt also der Sieg. Der fiel mit einem Kopf Vorsprung gegen Daring Match zwar knapp aus, es war aber dennoch eine ordentliche Leistung, die wir mit 95,5 kg (Rating 111) bewerten. Damit hat er seine Bestleistung aus dem Vorjahr aus dem Prix de Chenes eingestellt, seine beiden zweiten Plätze in Baden-Baden in den Jahren zuvor waren jeweils 95 kg (110) wert gewesen. Für Daring Match als Zweiten reicht es (vorerst) zu 95 kg und zu einer neuen Chance im nächsten Jahr, es wäre dann sein fünfter Anlauf (nicht aufgeben!). 95,5 und 95 sind keine großen Zahlen, aber das Niveau in Fliegerrennen in unserem Land ist eben nicht so hoch wie in Rennen über lange Distanzen. Den Gruppe-2-Status kann die Goldene Peitsche ohnehin nur halten, weil sie 2015 in das Programm des European Pattern Committee zur Förderung von Fliegerrennen aufgenommen wurde. Dadurch bekam das Rennen auch den kurz vorher verlorenen Gruppe-II-Status gnadenhalber wieder zurück. 

Die besten europäischen Sprinter haben nach einigen schwächeren Jahren dank so guter Pferde wie Harry Angel, Caravaggio, Battaash und Marsha in diesem Jahr wieder Weltniveau erreicht, das sind derzeit 100 bis 101 kg (Rating 120/122). Pferde dieses Könnens kommen aber nicht nach Baden-Baden, wie überhaupt die erste Klasse in der Goldenen Peitsche auch früher nur selten zu sehen waren. Overdose gehörte dazu oder – ganz früher – Steel Heart und Pentathlon. Das waren 100-Kilo-Pferde, Pentathlon wurde sogar in Deutschland trainiert, von Hugo Danner in Dortmund, für Fredy Ostermann. 

Die Zeit von 1:07,76 Minuten für den Sieger Son Cesio ist die schnellste jemals in der Goldenen Peitsche gemessene Zeit. Bahnrekord ist das allerdings nicht, beim Frühjahrs-Meeting sind Einige schon schneller gelaufen, den Rekord hält Starkey seit seinem Sieg im Scherping-Rennen im Mai 1998 mit 1:07,0. 

Son Cesio siegt in der 147. Sport-Welt Goldene Peitsche (Gr.2)
Son Cesio siegt in der 147. Sport-Welt Goldene Peitsche (Gr.2)

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Die Goldene Peitsche zählt ja zu den wenigen immer noch gelaufenen Rennen, dessen Ursprung auf eine Zeit zurückgeht, als es Deutschland als Staat noch gar nicht gab. 1867 stand es erstmals auf dem Programm, in Berlin-Tempelhof. Nach dem Zweiten Weltkrieg gehörte es zum sehr kleinen Kreis deutscher Rennen, in denen Pferde aller Länder laufen durften, entsprechend war es bald eine fast ausschließliche Angelegenheit für die Gäste. Kein anderes deutsches Rennen sah so oft ausländische Pferde vorne wie die Goldene Peitsche. In den 1970er-Jahren tauchten noch einige deutsche Pferde in der Siegerliste auf, es waren klangvolle Namen wie Rubens, Garzer, Kronenkranich und Cagliostro. Zwischen 1979 und 1993 aber, bis zum Sieg von Munaaji aus dem Wöhler-Stall im Jahre 1994, war 15 Jahre lang kein in Deutschland trainiertes Pferd vorne. Danach konnten immerhin Areion, Barrow Creek, Raffelberger, Electric Beat, Shining Emerald und Donnerschlag die Statistik etwas aufbessern.

Die Siegerliste hält auch einige Eigentümlichkeiten bereit. Baal zum Beispiel gewann 1954 eine Woche nach der Goldenen Peitsche auch den Großen Preis von Baden, der bekanntlich über eine doppelt so lange Distanz geht. Ticino ist der einzige Derbysieger und Oberwinter der einzige, der die Goldene Peitsche drei Mal gewinnen konnte, zwischen 1927 und 1929. Mit Fervor, Faust und Fabula gewannen auch drei Nachkommen der fabelhaften Mutterstute Festa, und mit Festtarok gab es 1914 einen sehr populären Sieger, der als „Alkoholpferd“ eine etwas zweifelhafte Bekanntheit erlangte. Damals, als man es mit dem Doping noch nicht so genau nahm, gönnte man dem Hengst unmittelbar vor dem Start immer eine Flasche Branntwein, um ihm „Mut zu machen“. Die Verabreichung erfolgte „unter Aufsicht der Rennleitung“, wie die Rennberichte ordentlich vermerkten. 

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Almandin ist wieder da. Zehn Monate war von ihm nichts zu sehen, am vorigen Samstag tauchte er auf der Rennbahn von Moonee Valley in Melbourne erstmals seit dem Sieg im Melbourne Cup wieder auf. Der inzwischen achtjährige Wallach aus Schlenderhaner Zucht begann seine Präparation für die Titelverteidigung in einem Quality-Handicap über 2040 Meter. Bei einem Quality-Handicap ist das Höchstgewicht auf 61 kg limitiert, so dass Almandin mit einer Marke von 110 (95 kg) ins Rennen gehen konnte, obwohl sein offizielles Handicap 115 (97,5 kg) beträgt. Trotz dieser Vergünstigung erwartete man noch nicht viel von ihm, er gehörte zu den Außenseitern, umso überraschender dann sein gutes Laufen als Zweiter. Die „Herald Sun“ fand das Abschneiden sogar „terrific“, also grandios, und in zahlreichen Wettmärkten für den Melbourne Cup ist er jetzt bei Kursen um 150:10 wieder in die Poleposition gerückt. Bewegung in den Wettmarkt wird aber erst nächsten Monat kommen, wenn die Gewichte veröffentlicht werden. Almandin, der im Vorjahr bei seinem Sieg relativ günstig untergekommen war (94 kg) muss in diesem Jahr mit erheblichem Aufgewicht rechnen. 

Zu den Mitfavoriten zählt neben Red Cardinal derzeit auch noch ein weiteres Pferd mit deutschem Bezug: Tiberian, am vorigen Sonntag Sieger im Grand Prix de Deauville. Seine Mutter ist vom Gestüt Burg Eberstein gezogen, das auch noch Anteile an ihm hält. Tiberians Vater Tiberius Caesar habe ich im Oktober 2004 in Bremen gesehen, als er uns Handicapper mit einem 11-Längen-Sieg in einem Gruppe-3-Rennen in Verlegenheit brachte. Wir haben ihm damals 94 Kilo gegeben, das reichte für die Deckhengst-Qualifikation. Auf seinem derzeitigen Posten in Frankreich ist er aber hauptsächlich als Probierhengst im Einsatz. Die Vollblutzucht geht eben oft seltsame Wege.

 

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