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Blog: Chefhandicapper Harald Siemen

Alleskönner auf der Rennbahn sind selten

4. April 2018

Gute Pferde laufen auf jedem Boden. Das ist so eine Weisheit, die man auf der Rennbahn immer wieder hört. Aber stimmt sie auch? Natürlich nicht. Denn keine Frage wird im Galoppsport häufiger gestellt, als die nach der Beschaffenheit des Bodens. Und aus welchem Grund gibt es die meisten Nichtstarter? Klar, weil das Geläuf nicht passt. Bei Pferden ist das eben nicht anders als bei Menschen. So wird etwa niemand behaupten, Roger Federer sei ein schlechter Tennisspieler, nur weil er auf Sand nicht so gut ist wie auf Gras oder auf dem Hartplatz. Und aus Galileo ist kein schlechtes Rennpferd geworden, weil er 2001 bei seinem letzten Start im Breeders´ Cup Classic auf der Sandbahn nur Sechster werden konnte. Unterscheidet sich das Leistungsvermögen vieler Rennpferde schon bei guter oder weicher Grasbahn, so ist der Unterschied noch größer, wenn es um Rennen auf der Gras- oder Sandbahn geht. Auf die größte Differenz zwischen Gras- und Sandhandicap hat es bei uns einmal Diplomat gebracht: 95 kg auf Gras und 62 kg auf Sand!

Alleskönner auf der Rennbahn sind also selten, und so ist das Erstaunen immer groß, wenn mal einer auftaucht. Am vorigen Samstag beim 23. Dubai World Cup waren es gleich zwei Pferde, die ihre Vielseitigkeit auf höchster Ebene unter Beweis stellten: Mendelssohn und Thunder Snow. Mendelssohn, vor zwei Jahren mit drei Millionen Dollar der teuerste Jährling Nordamerikas, hatte im Vorjahr beim Breeders´ Cup das Gruppe I-Zweijährigen-Rennen auf Gras gewonnen und trat hier in dem mit zwei Millionen Dollar ausgestatteten UAE-Derby auf der Sandbahn an. Er bot eine Vorstellung, die man so schnell nicht vergessen wird, gewann Start-Ziel mit 18 ½ Längen Vorsprung und verbesserte dabei den Bahnrekord um mehr als anderthalb Sekunden. Niemand konnte sich danach an ein Rennen beim Dubai Racing Carnival oder World Cup erinnern, bei dem ein Pferd mit einem solchen Vorsprung gewonnen hat. Sein Reiter Ryan Moore hat Mendelssohn aber auch voll ausgeritten. Sein Stall wollte das so, wollte sehen, was das Pferd kann, denn es war sein erster Start auf Sand und es ging um die Qualifikation für eines der ganz großen Rennen dieser Welt, das Kentucky Derby, für das er jetzt Favorit ist. 

Für den Handicapper heißt es nach so einem Sieg erst einmal Ruhe bewahren um mit dem Rating nicht durch die Decke zu gehen. Die hinter Mendelssohn mit einem Rückstand von achtzehneinhalb und mehr Längen einkommenden Pferde waren keine Esel, sondern gingen mit respektablen Ratings von bis zu 113 (96,5 kg) ins Rennen. Die Zweitplatzierte Rayya (Rating 105) trug als Stute sogar noch zwei Kilo weniger. Es ist also nicht schwer, für Mendelssohn eine Leistung von weit über 130 (105 kg) auszurechnen. Das wäre ein Rating, das noch kein Dreijähriger dieser Welt um diese Jahreszeit auch nur annähernd geschafft hat. Die Form ist eigentlich zu gut um wahr zu sein. Und da nahezu alles, was zu gut ist um wahr zu sein, sich später als unwahr erweist, bleibe ich Realist und gebe erst einmal 124 (102 kg).

Video: Dubai World Cup 2018 |UAE Derby Sponsored By Saeed & Mohammed Al Naboodah

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Das zweite Pferd, dem an diesem denkwürdigen Renntag ein beeindruckender Crossover-Sieg gelang, war der vierjährige Hengst Thunder Snow im Dubai World Cup. Für den war die Sandbahn allerdings nichts Neues, hatte er doch im Vorjahr an gleicher Stelle bereits die UAE-2000 Guineas und das UAE-Derby gewonnen. Er wurde daraufhin mit einigen Hoffnungen für das Kentucky Derby gesattelt, wo er sich unmittelbar nach dem Start nur durch Buckeln und Bockspringen so unrühmlich hervortat, dass Christoph Soumillon ihn anhalten musste

um nicht abgeworfen zu werfen. Solche Eskapaden hat er danach nicht mehr gezeigt, sondern mit dem Prix Jean Prat sogar ein Gruppe-I-Rennen auf Gras gewinnen können, sein zweites nach dem Criterium International als Zweijähriger. In den Dubai World Cup ging Thunder Snow mit einem Rating von 118 (99 kg), eine Marke, die für den Sieg in diesem Rennen eigentlich nicht ausreicht. Aber das Pferd wusste das nicht und gewann sogar mit 5 ½-Längen und in Rekordzeit gegen West Coast. Das ist Amerikas aktuell bestes Pferd, der aber diesmal recht deutlich unter seiner Bestform geblieben ist. Über den drittplatzierten Mubtaahij lässt sich recht zuverlässig eine Rechnung aufmachen die 124 (102 kg) ergibt.

Video: Dubai World Cup 2018 | Dubai World Cup Sponsored By Emirates Airline

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Wenn ich von Crossover-Starts rede, dann geht es meistens um Starts von Graspferden auf der Sandbahn, aber auch das Umgekehrte kommt natürlich vor. Man sagt allgemein, dass ein Wechsel von Sand auf Gras für das Pferd einfacher zu bewältigen ist als andersherum. So haben denn auch einige der berühmtesten US-Pferde gelegentliche Abstecher auf Gras problemlos bewältigt, nicht zuletzt das Wunderpferd Secretariat, dessen letzter Start (und Sieg) im Canadian International auf der Grasbahn zustande kam. Andere Beispiele aus jüngerer Zeit sind die Kentucky Derby-Sieger Animal Kingdom und California Chrome, auch sie haben auf Gras Gruppe-I-Rennen gewonnen.

Das unberechenbare bei einem Wechsel auf Dirt ist vor allem die Reaktion des Pferdes auf das „kick-back“, also auf den Sand, der jedem Pferd ins Gesicht fliegt, das nicht vorne geht. Manche Pferde mögen das gar nicht. Das ist auch ein Grund dafür, dass der Platz an der Spitze auf der Dirt-Track-Bahn sehr beliebt ist. Ein weiteres Charakteristikum ist Tempo. Anders als so häufig auf der Grasbahn zu beobachten, spielt die Taktik keine große Rolle, es wird so schnell gelaufen wie es geht. Der Fehler, den der Reiter an der Spitze machen kann ist, das Tempo zu überziehen. Das passierte am Samstag in Dubai im Golden Shaheen-Sprintrennen über 1200, als der zu Beginn der Zielgeraden scheinbar hoffnungslos zurückliegende US-Hengst Mind your Biscuits schließlich noch an müde werdenden Pferden vorbeiflog.

Markenzeichen des Dirttrack-Pferdes ist also Schnelligkeit, ein gutes Graspferd muss dagegen in der Lage sein einen Tempowechsel zu vollziehen. Ich gestehe, dass mir Rennen auf Dirt, in denen auf Biegen und Brechen geritten wird, häufig lieber sind, als von Taktik bestimmte Bummelrennen auf Gras. Auch ein solches wurde am Samstag in Dubai geboten, im 6-Millionen-Dollar-Rennen um das Sheema Classic. Als Hawkbill nach der Hälfte des Rennens die 1200-Meter-Marke erreicht hatte, waren 1:19,05 Minuten vergangen. Ein Rennen vorher wurde Benbatl auf dem Weg zum Sieg im Dubai Turf an dieser Stelle mit 1:10,68 gestoppt, war also 8 ½ Sekunden schneller. Achteinhalb Sekunden! Das sind rund 130 Meter. Kein Wunder also, dass Hawkbill den Platz an der Spitze nicht nur halten, sondern noch ausbauen und mit drei Längen gewinnen konnte. Hawkbill! Das Pferd, das hier in Deutschland zwei Mal vergeblich versucht hat ein Gruppe-I-Rennen zu gewinnen. Er ist derzeit in der Form seines Lebens, hat sich im Rating von 118 (99 kg) auf 122 (101 kg) gesteigert.

 

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