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Blog: Chefhandicapper Harald Siemen

Die Schwierigkeit, das beste Pferd zu erkennen

4. Juli 2018

Das vom amerikanischen Flugzeugingenieur Clarence Johnson geprägte KISS-Prinzip (Keep it Simple and Stupid) fordert, zu einem Problem eine möglichst einfache Lösung anzustreben. Zum Beispiel in der Werbung, beim Design oder in der Kommunikation. Aber warum nicht auch beim Pferderennen, wenn es darum geht, den Sieger des nächsten Rennens vorherzusagen. Die einfachste Lösung ist hier: der Beste gewinnt. Die Schwierigkeit besteht nur darin, das beste Pferd auch zu erkennen. Am Sonntag beim G2-pferdewetten.de-Großen Hansa-Preis in Hamburg-Horn war diese Aufgabe eigentlich nicht so schwer, man musste nur einige – wie sich später herausstellte unnötige - Bedenken hinsichtlich Bodenbeschaffenheit und Reiterverteilung außer Acht lassen und sich ganz auf die Frage konzentrieren, wer von den sieben Startern vorher die besten Leistungen gezeigt hatte. Das konnte eigentlich nur Dschingis Secret sein. Der „Galopper des Jahres“ war nach nahezu allen Formen das beste Pferd im Feld, ein Status, der anderthalb Stunden zuvor durch den Sieg von Waldgeist im Grand Prix de Saint-Cloud noch einmal bekräftigt wurde, also durch jenes Pferd, zu dem Dschingis Secret zuletzt unter äußerst ungünstigen Gewichtsbedingungen Zweiter geworden war.

Zugegeben: Der Weg zu dieser Erkenntnis wurde erschwert durch die Diskussionen um den angeblich zu festen Boden, vor allem aber durch die vermeintliche Wahl des Stalljockeys für Windstoß, die sich dann später – Überraschung! - als Order des Trainers herausstellte. Das hätte im Vorfeld sicher auch besser kommuniziert werden können. Und was die Bodenbeschaffenheit angeht, so ist guter Boden wie am Sonntag in Hamburg-Horn für Dschingis Secret kein Problem, jedenfalls nicht gegen Gegner, wie er sie am Sonntag getroffen hat. 

Video: pferdewetten.de - Grosser Hansa-Preis (Gr. II), Hamburg - Sieger: Dschingis Secret

Für den nun geplanten Start in den King George VI and Queen Elizabeth Stakes in Ascot wünscht es sich der Trainer allerdings doch etwas weicher. Die Aussichten hierfür sind eher ungünstig: In den vergangenen 20 Jahren lautete die Bodenangabe für dieses Rennen neun Mal „gut bis fest“, vier Mal „Gut, mit gut bis festen Stellen“, sechs Mal „gut bis weich“ und einmal „weich“.

Egal wie der Boden ist oder wer reitet: der Handicapper muss hiervon unabhängig seine Arbeit machen. Beim Großen Hansa-Preis sind wir davon ausgegangen, dass Colomano wieder seine beste Form zur Hand hatte, also 97 kg. Daraus ergeben sich für Dschingis Secret 98 kg (Rating 116), als GAG behält er natürlich seine 99,5 kg aus dem Grand Prix de Chantilly. Walsingham lief sein bisher bestes Rennen und steigt auf 96 kg. Windstoß (94,5 kg) lief etwas schwächer als zuletzt. So ganz hat er seine Vorjahrsform noch nicht gefunden.

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Kurz vor Dschingis Secret war mit Iquitos unser zweiter „99,5-Kilo-Galopper“ unterwegs, sah sich im G1-Grand Prix de Saint-Cloud vor eine besonders schwere Aufgabe gestellt. Er zog sich anständig aus der Affäre, kam 2 ¼ Längen hinter dem Sieger Waldgeist durchs Ziel, wie überhaupt Iquitos ja gar keine schlechten Rennen laufen kann. Der fünfte Platz bei sechs Startern war aber wohl doch eine leise Enttäuschung, denn bei Einstellung seiner Bestform hätte er mit Waldgeist und mit der nur um eine „Nase“ geschlagenen Coronet um den Sieg kämpfen müssen. Das Rating für den Sieg von Waldgeist schwankt derzeit noch zwischen 119 und 121. In der nächsten Woche, wenn am Donnerstag die neue Weltrangliste erscheint, werden wir uns festlegen müssen. 

Der Grand Prix de Saint-Cloud ist ja schon häufiger das Ziel für deutsche Pferde gewesen. Führt man sich vor Augen, dass nur Acatenango und Novellist gewinnen konnten, dann bekommt man eine Vorstellung davon, was hier verlangt wird. Bei aller Wertschätzung für Iquitos: die Klasse dieser Beiden hat er nicht. Waldgeist dagegen scheint nun doch noch die großen Erwartungen erfüllen zu können, die man schon im Vorjahr in ihn gesetzt hatte. Auch er ist ein möglicher Kandidat für die „King George“, Hauptziel für den in deutschem Besitz befindlichen Fuchs bleibt der „Arc“. Auch Waldgeists ein Jahr jüngere Schwester Waldlied konnte am Sonntag mit einem Sieg im G2-Prix de Malleret punkten, ein großer Tag also für deren Mutter, die Monsun-Stute Waldlerche. Beim Sieg von Waldlied fiel vor allem ihre große, raumgreifende Aktion auf. Ihr stehen nun alle Möglichkeiten nach oben offen, vorerst steigerte sie ihre Marke auf 109 (94,5 kg). Dabei wird sie nicht stehenbleiben.

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Der Gran Premio di Milano war einst ein Rennen von europäischer Bedeutung. Das war zu einer Zeit, als der italienische Rennsport, vor allem durch den Einfluss der Zucht Federico Tesios, noch Weltgeltung besaß. Stellvertretend für viele große Sieger aus dieser Zeit will ich hier nur die Namen Nearco und Ribot nennen. Der erste Sieger aus Deutschland war 1975 Star Appeal, später folgten Stuyvesant, Platini, Lando, Ungaro, Paolini, Senex, zweimal Quijano und Earl of Tinsdal. Jetzt hat Night Music dieses seit 2016 nur noch zur Gruppe II zählende Rennen gewonnen, eine Stute, die man in Deutschland vor knapp zwei Jahren zuletzt gesehen hat, als sie u.a. Elfte im Preis der Diana wurde. Nach einer Pause und einem Quartierwechsel (Wöhler zu Steinberg) ist sie ausschließlich in Frankreich und Italien gelaufen, wobei sie bei sechs Starts ihre letzten fünf Rennen gewinnen konnte. Durch zwei Siege im Premio Paolo Mezzanotte verbesserte sie ihr Rating von 90,5 auf 92 kg, der Sieg in Mailand war jetzt ihr erster Erfolg in einem Grupperennen. Was dieser wert ist, kann nur vermutet werden. Angesichts des aktuell eher schwachen Leistungsstands italienischer Galopper tut man gut daran, den Sieg nicht zu überschätzen. Zwar war mit Summer Festival der aktuelle italienische Derbysieger Zweiter (offizielles Rating 111=95,5 kg), aber nur fünf Längen hinter der Siegerin kam Edington auf dem vierten Platz, Night Musics Begleitpferd, zuletzt in Frankreich in Handicaps mit einem Valeur von 39 unterwegs, was bei offizieller Umrechnung einem GAG von 83 kg entspricht. Was soll man also davon halten? Ich warte noch auf eine erste Meldung aus Italien. 

Für Night Music stehen jetzt große Aufgaben an, auch in Deutschland. Sie hat Nennungen für den Großen Preis von Berlin und die Yorkshire Oaks. Danach wird man sehen, was diese so großartig gezogene Stute (Sea The Stars-Schwester der 98,5-Kilo-Stute Night Magic und des 96-Kilo-Hengstes Night Wish) wirklich kann. Ich erinnere mich übrigens an eine andere Night Music, die, von Hein Bollow trainiert und geritten von Peter Remmert, 1975 das Zukunfts-Rennen gewann. Auch sie war wie die heutige Night Music ein Schimmel, beide sind auch miteinander verwandt: Die Großmutter der damaligen Night Music, Nona, ist die 5. Mutter der heutigen.

 

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