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Blog: Chefhandicapper Harald Siemen

Die Lieblingsrennen des Handicappers

5. April 2017

So wie jedes Ding einen Anfang hat, so muss auch der Handicapper irgendwann mit seiner Arbeit beginnen. Das geschieht, wenn ein Pferd das erste Mal läuft, also, von wenigen Ausnahmen einmal abgesehen, in einem Rennen für Sieglose. Und schon fangen die Schwierigkeiten an. Denn in einem Sieglosenrennen, bekanntlich auch Maidenrennen genannt, stehen häufig nur wenige Daten zur Verfügung, und je weniger Informationen vorhanden sind, auf die der Handicapper zurückgreifen kann, desto diffiziler wird die Angelegenheit. Am wenigsten weiß man, wenn alle Pferde das erste Mal laufen. So wie am Sonntag in Hoppegarten in einem Rennen für dreijährige Stuten. Man muss dann zu Hilfsmitteln greifen. Etwa indem man die Qualität des Feldes danach abschätzt, aus welchen Ställen die Teilnehmer kommen, ob sie weitergehende Nennungen für große Rennen haben oder welchen Eindruck sie im Führring machen. Auch ein Blick auf Abstammung und Verwandtschaft kann in diesen Fällen nicht schaden. 

Auch wenn sie manchmal Kopfzerbrechen machen, so gehören Maidenrennen doch zu meinen Lieblingsrennen, vor allem im Frühjahr, wenn die großen Ställe mit ihren Kanonen herauskommen. Das war schon so, als ich noch nicht Handicapper war und mich noch aktiv am Wettgeschehen beteiligt habe. Denn Rennen für Sieglose waren damals für mich die am leichtesten zu durchschauenden Rennen. Und die Erfolgsquote bei den Favoriten ist auch immer größer als in anderen Arten von Rennen. 

Abgesehen von den eher seltenen Rennen für Debütanten, geht die Ausrechnung dieser Rennen über eines der platzierten Pferde. Jetzt, im April, kommt für den Sieger oder die Siegerin meist ein Gewicht von 70 bis 80 Kilo heraus, je nach Gegnerschaft und Stil des Erfolges. Diese Zahl enthält bereits die theoretisch bei einem Dreijährigen bis Jahresende zu erwartende Verbesserung, die in der ersten Hälfte des Aprils über 1600 Meter gemäß Altersgewichtstabelle sieben Kilo beträgt. Wenn Dreijährige gegen ältere Pferde antreten, wird dieser Wert wieder abgezogen. Die Dreijährigen erhalten also eine Gewichtserlaubnis, die ihrer noch rückständigen körperlichen Entwicklung gerecht werden soll, was häufig, leider gelegentlich und auch von der Fachpresse, fälschlicherweise als Gewichtsvorteil ausgelegt wird.

Besitzer und Trainer eines Pferdes, das in diesen Wochen ein Maidenrennen gewinnt, streben aber in den meisten Fällen für ihr Pferd ohnehin keine Handicap-Karriere an, sondern die gehobenen oder sogar höchsten Rennen für den Jahrgang. Trotzdem kommt es immer wieder einmal vor, dass auch für Pferde mit klassischen Ambitionen auf dem Weg zu größeren Zielen ein Start in einem Ausgleichsrennen gewählt wird. Zuletzt war das bei Waldpark der Fall, für den auch ein GAG von 77 Kilo nach seinem Maidensieg kein Hindernis war, einen Ausgleich III mit fünf Längen zu gewinnen. Auch Schiaparelli, All My Dreams und Marduk gewannen auf dem Weg zum Derby erst einmal ein Handicap. Den umgekehrten Weg, also vom Derbysieger wieder zurück zum Handicapper, gibt es übrigens auch. Robertico, Karloff, Ako und Don Giovanni sind Beispiele dafür.

* * *

50 Jahre gehe ich jetzt schon zur Rennbahn und in dieser Zeit habe ich viele großartige Rennpferde gesehen. Was mir auffällt ist, dass es in Deutschland keine Erinnerungskultur an unsere großen und größten Rennpferde gibt. Ein paar Versuche zu einer „Hall of Fame“ sind zwar unternommen worden, dann aber entweder nicht weitergeführt oder in zu kleinem Rahmen gehalten worden. Wer heute zum Beispiel nach Niederländer fragt, wird von der jüngeren Generation allenfalls Adrie de Vries als Antwort hören, nicht jedoch das großartige Rennpferd des Gestüts Erlenhof aus den Fünfziger Jahren. Von einem Pferd wie Oleander ganz zu schweigen. Fußballfans dagegen kennen noch genau die Namen ihrer Spieler aus großer Zeit, können die Mannschaftsaufstellung der Dortmunder Meistermannschaft von 1956 und 1957 fehlerlos aufsagen (sie spielte in identischer Aufstellung), und im Deutschen Sport- und Olympia-Museum in Köln wird an die Größen auch aus anderen Sportarten erinnert.

Woanders dagegen ehrt man seine Rennsport-Heroen. Man o´ War zum Beispiel ist gerade 100 Jahre alt geworden. Das war Grund genug nicht nur für zahllose Zeitungsartikel, sondern auch für Feierlichkeiten an diversen Orten, die man mit dem Wirken dieser amerikanischen Rennsportikone, die 20 von 21 Rennen gewann, in Verbindung bringt. Oder Phar Lap, an den in Australien zu jedem runden Geburts- oder Todestag ausführlich erinnert wird. Und jedes Jahr, wenn – wie in dieser Woche - in Liverpool die Grand National ansteht, erscheinen in der britischen Presse Artikel über Red Rum, den dreifache Sieger dieser Steeplechase. Durch das Wachhalten der Erinnerung an große Rennpferde der Vergangenheit wird eine Brücke geschlagen zur Gegenwart und im besten Fall entsteht daraus eine Diskussion, wie sie derzeit in Amerika über die Qualitäten von Arrogate geführt wird. Hier ist so etwas nicht üblich. Vielleicht, weil man andere Sorgen hat. Übrigens: In diesem Frühjahr ist Herold 100 geworden. Und Lombard 50.

Video: Magnificent Man o' War

 

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