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Blog: Chefhandicapper Harald Siemen

Das Privileg des Derbys

5. Juli 2017

Hamburg? Was kann Hamburg schon bieten? Ein Leben nicht fern vom Meer, aber auch nicht wirklich nah dran. Der HSV spielt so schlecht, dass er sich jedes Mal wie ein Entfesselungskünstler vor dem Abstieg retten muss. Und ständig stürmt und regnet es. Aber Hamburg kann auch Träume wahr machen, Träume von einem Konzerthaus im Hafen zum Beispiel. Oder den Traum vom Derbysieg. Tausende haben diesen Traum schon geträumt, aber nur für wenige kann er in Erfüllung gehen. Weit mehr als 100.000 Vollbutfohlen sind geboren worden, seit das Derby 1869 zum ersten Mal gelaufen wurde, und doch nur 148 von Ihnen war der Sieg im Derby von Hamburg-Horn vergönnt. Ein Privileg.

Video: IDEE 148. deutsches Derby - Sieger: Windstoß

Dieses Privileg kann nun Windstoß für sich in Anspruch nehmen. Es ist ein sympatischer Derbysieger, der uns da am Sonntag begegnet ist. Kein Pferd, das in Watte gepackt wurde, sondern eines, das schon ordentlich geprüft worden ist. Das Derby war bereits sein achter Start, soviel wie kein anderer Derbysieger in den letzten 25 Jahren, von dem in England trainierten Buzzword einmal abgesehen. Er hat sich dabei von Start zu Start gesteigert. Von 72,5 kg beim Debüt auf 74 kg beim zweiten Start und dann weiter auf 78 – 84,5 – 91 und 95,5 bis hin zu den 97,5 kg (Rating 115), die Marke für seinen Derbysieg.

Dieses Rating ist einiges entfernt von den Marken für die besten Derbysieger in den vergangenen 20 Jahren. Das waren Samum und Next Desert (100 kg), Shirocco und Adlerflug (99,5 kg) sowie Nutan und Pastorius (99 kg) – von Sea The Moon (102,5) ganz zu schweigen. Aber das waren alles Pferde, die sehr überzeugend und – bis auf Pastorius - mit großem Vorsprung gewonnen haben. Überzeugend bei Windstoß war der Stil seines Sieges, der vom vorletzten Platz aus in Angriff genommen wurde, nicht aber der Vorsprung auf seine Gegner. Im Ziel war es eben nur eine Länge, die ihn von Enjoy Vijay trennte, was der Höhe der Rechnung gewisse Grenzen setzt. Dies zumal auch noch bei den Pferden auf den Plätzen drei bis fünf noch eine, teils nicht unerhebliche, Verbesserung angenommen werden muss. Grundlage für die Berechnung dieses Derbys waren Monreal und Kastano auf den Plätzen sechs und acht. Sie haben zuletzt einige Mal Leistungen um die 91 kg gezeigt, eine Marke, die uns auch diesmal für diese Pferde realistisch erscheint.

Nachdem nun alle fünf großen europäischen Derbys gelaufen sind, lohnt sich ein Blick auf die derzeitigen Ratings der Sieger.

2017
2016

120 (100,0 kg) Wings of Eagles Harzand 121 (100,5 kg) England
120 (100,0 kg) Capri Harzand 121 (100,5 kg) Irland
118 ( 99,0 kg) Brametot Almanzor 116 ( 98,0 kg) Frankreich
115 ( 97,5 kg) Windstoß Isfahan 116 ( 98,0 kg) Deutschland
114 ( 97,0 kg) MacMahon Saent 112 ( 96,0 kg) Italien

Wie man sieht, bewegen sich die Zahlen ungefähr auf dem Niveau des Vorjahres. Im Vorjahr konnten sich Harzand, Isfahan und Saent aus unterschiedlichen Gründen nicht mehr verbessern, Almanzor dagegen sehr wohl und gleich gewaltig. Von den diesjährigen Derbysiegern hat Wings of Eagles inzwischen den Rennstall verletzungsbedingt bereits verlassen, den anderen steht die eigentliche Bewährungsprobe noch bevor. Für Windstoß wird kommen hierfür der Große Preis von Berlin oder der Große Preis von Baden sein. Oder beide.

Für das Gestüt Röttgen war Windstoß der 97. Derbystarter seit Präfect im Jahre 1930 und der dritte Derbysieg nach Palastpage (1932) und Uomo (1959). Ansonsten war Röttgen noch neun Mal Zweiter, wobei die knappe Niederlage von Lord Uno gegen Marduk im Jahre 1974 besonders bitter war. Palastpage war ein gutes Pferd, wahrscheinlich der Beste seines Jahrgangs, was man von Uomo nicht sagen kann – er beendete seine Rennlaufbahn als alter Wallach mit einem Sieg im Alten Badener Jagdrennen.

* * *

Wer ist denn nun das aktuell beste Rennpferd in Deutschland? Iquitos? Guignol? Oder doch Dschingis Secret? Man kriegt als Handicapper derzeit keinen rechten Grund rein in die Sache. Einmal gewinnt der eine, das nächste Mal der andere. Aktuell stehen Dschingis Secret und Guignol bei 99 kg (Rating 118), Iquitos bei 98,5 kg (117). Es wäre an der Zeit, dass einmal ein richtiger internationaler Test für diese Pferde kommt. Vielleicht passiert das in Hoppegarten im Großen Preis von Berlin in knapp sechs Wochen, dort sind einige interessante Pferde aus dem Ausland genannt. Dschingis Secret jedenfalls hat am Samstag im Großen Hansa-Preis sein Versagen aus Baden-Baden richtig gestellt und so den ausgezeichneten Eindruck aus dem Kölner Gerling-Preis bestätigt. Die zwischenzeitliche Panne in Iffezheim ist womöglich auf eine Aversion gegen den dortigen Linkskurs zurückzuführen, als Konsequenz daraus hat er auch keine Nennung für Baden-Baden bekommen.

* * *

Wenn ein Pferd aufgrund einer Verletzung oder anderen Gründen erst sehr spät debütiert, nichtsdestotrotz aber über viel Können verfügt, dann läuft der Handicapper einem solchen Pferd immer hinterher. Ich schrieb dies schon einmal im vorigen Jahr aus Anlass eines Sieges von Potemkin. Matchwinner, der Sieger im Sparkasse Holstein Cup am Dienstag, ist ein ähnlicher Fall. Als junges Pferd erlitt er eine Fesselfissur. Die musste ausheilen, und so konnte er von Trainer Axel Kleinkorres erst vierjährig das erste Mal herausgebracht werden, am 1. Mai 2015 in München-Riem in einem Rennen für Sieglose. „Hier tappt man völlig im Dunkeln“ lautete die Bemerkung meines Kollegen Christoph von Gumppenberg in unserer Ausgleicherdatei nach einem leichten Sieg gegen ganz undurchsichtige Gegner. Mit einem GAG von 62 Kilo durfte Matchwinner dann drei Wochen später in sein erstes Handicap, in dem er aber nur Zweiter wurde. Anschließend gewann er dann aber doch noch drei Ausgleiche, in Hamburg und zweimal in Baden-Baden. Auch im vorigen Jahr ging es mit zwei Ausgleich I-Siegen weiter aufwärts, bevor erste Grupperennen in Angriff genommen wurden und das Jahr mit einem GAG von 88,5 kg zu Ende ging. Das war aber immer noch nicht das Ende Fahnenstange, wie gute Platzierungen in Frankreich und der Sieg jetzt in Hamburg gezeigt haben. Über den zuverlässigen Devastar gerechnet ergibt sich für Machwinner eine neue Bestmarke von 94 kg. Zumindest für Deutschland hat man derzeit offensichtlich keine konkreten Pläne, Nennungen sind für das Pferd nicht mehr vorhanden.

 

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