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Blog: Chefhandicapper Harald Siemen

Der Faktor Gewicht

6. Juni 2018

Wenn es im Galoppsport um Gewichte geht, dann ist das für viele Rennbahnbesucher so, als schauten sie auf ein Buch mit sieben Siegeln. „Gewicht kann einen Güterzug zum Stehen bringen“ und „Gewicht kann Pferd und Esel zusammenbringen“. So gehen gängige Sprüche zu diesem Thema, die ausdrücken sollen, dass das zu tragende Gewicht Einfluss auf die Leistung eines Pferdes im Rennen hat. Viele, vor allem in Amerika, halten das für Humbug, für einen Mythos, der von Leuten erfunden wurde, um den eigentlich so einfachen Vorgang eines Pferderennens unnötig und zu ihrem Vorteil zu komplizieren. Sie können sich einfach nicht vorstellen, dass bei einem 500 Kilo schweren Pferd schon ein paar Pfund den Unterschied zwischen Sieg und Niederlagen ausmachen können und stellen dazu eine Rechnung auf mit dem Ergebnis, dass im Humansport dann schon 100 oder 150 Gramm Gewichtsdifferenz entscheidend wären. Und doch ist es so. Das hat schon Sir Isaac Newton in seinem zweiten Gesetz in der schlichten Formel „F=m*a“ postuliert, das heißt „Kraft gleich Masse mal Beschleunigung“. Mit anderen Worten: Ein höheres Gewicht verlangt bei gleichbleibender Geschwindigkeit einen erhöhten Kraftaufwand – bleibt der Kraftaufwand derselbe, wird sich die Geschwindigkeit reduzieren.

Mit diesem Gesetz machen also Woche für Woche die Besitzer von Rennpferden Bekanntschaft. Vor allem natürlich in Handicaps, aber auch in einigen unserer größten Rennen, wie zum Beispiel dem Großen Preis der Badischen Wirtschaft, der am vorigen Sonntag in Iffezheim zum 47. Mal entschieden wurde. Denn in dieser zur Europagruppe zwei zählenden Prüfung müssen Pferde, die bereits ein Rennen der Gruppe eins gewonnen haben, drei Kilo mehr tragen als die Konkurrenz. Das ist ein schweres Handicap, an dem im Laufe der Jahre mehrere unserer größten Galopper gescheitert sind, wenn auch vielleicht nicht nur daran: die Derbysieger Lucky Speed, Kamsin, Next Desert, Samum, Lando, Luigi und Ordos, aber auch Ausnahmepferde wie Lomitas, Monsun und Tiger Hill. Umso respektabler die Leistung, wenn es einem Pferd gelingt, den Nachteil der drei Kilo zu kompensieren, so wie das im Vorjahr Guignol geschafft hat. Und diesmal Iquitos

Video: Grosser Preis der Badischen Wirtschaft (Gr. II), Baden-Baden - Sieger: Iquitos

Treue und Leistungsbereitschaft dieses Pferdes können gar nicht hoch genug geschätzt werden. Bei 21 Starts ist Iquitos bisher nur drei Mal ohne Geld nach Hause gekommen, bei seinem Rennbahndebüt, im Prix de l´Arc de Triomphe und bei seinem zweiten Japan Cup. Leistungsmäßig nimmt er immer wieder einmal Anlauf auf die 100-Kilo-Marke, die er auch diesmal nur knapp verfehlte. Nachdem wir den Gerling-Preis nach den Ergebnissen des Wochenendes um ein Pfund nach unten korrigieren mussten, war Ausgangspunkt für unsere Rechnung im Großen Preis der Badischen Wirtschaft der Zweitplatzierte Walsingham mit seiner neuen Marke von 95 Kilo. Bei drei Kilo mehr Gewicht und anderthalb Längen Vorsprung ergibt das für Iquitos eine neue Höchstmarke von 99,5 kg.

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Anderthalb Stunden vor dem Großen Preis der Badischen Wirtschaft stand Deutschlands „Galopper des Jahres“ Dschingis Secret in Frankreich beim Grand Prix de Chantilly vor einer ähnlichen Aufgabe wie Iquitos in Iffezheim. Auch er musste in einem Gruppe-II-Rennen den meisten Gegnern drei Kilo Gewicht vorgeben und auch er tat es mit Bravour, duldete nur den offensichtlich stark gesteigerten Waldgeist drei Längen vor sich, war aber seinerseits in einem gut besetzten Rennen klar vor dem vorjährigen Arc-de-Triomphe-Zweiten Cloth of Stars. Mein französischer Kollege hat sowohl Waldgeist als auch Dschingis Secret dafür mit einem Rating von 119 (99,5 kg) bedacht, dem ich mich angeschlossen habe. Für Waldgeist bedeutet das eine Steigerung um ein Kilo, während Dschingis Secret seine Marke von 120 (100 kg) aus dem Vorjahr nun nicht mehr ganz halten kann und jetzt ebenfalls bei 99,5 kg zu stehen kommt. Da Guignols Marke vorerst unverändert bleibt, haben wir es mit der wohl einmaligen Konstellation zu tun, dass alle drei deutschen Spitzenpferde derzeit auf einer Marke von 99,5 Kilo stehen. 

Das verspricht einiges für die kommenden Ereignisse, in die dann auch Windstoß wieder eingreifen wird. Von allen deutschen Spitzenpferden hatte unser Derbysieger an diesem ereignisreichen Wochenende die schwerste Aufgabe, trat er doch im Coronation Cup auf der Derbybahn von Epsom gegen Europas Nummer Eins an, gegen Cracksman. Dieser tat sich aber ungewöhnlich schwer, sein Reiter Frankie Dettori hatte schon die eigentlich undenkbare Niederlage vor Augen, schaffte es aber doch noch irgendwie, knapp an dem Riesenaußenseiter Salouen vorbeizukommen. Dieser relativiert natürlich etwas die Leistung von Windstoß, die trotzdem höchst respektabel war. Salouen galt bisher als recht zuverlässiges 95-Kilo-Pferd, machte durch seine Beinahe-Heldentat jetzt einen Sprung auf 99,5 kg. Windstoß war 3 ¾ Längen zurück Dritter und stellte damit seine 97-Kilo-Leistung aus dem Gerling-Preis wieder ein. 

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Ein Wow-Effekt ist laut Duden eine „unvorhergesehene Begeisterung als Auswirkung eines Erlebnisses oder einer plötzlichen Erkenntnis.“ So gesehen gab es am Sonntag in Iffezheim einen Wow-Effekt, denn das Erlebnis war der in dieser Form unvorhergesehene, begeisternde Sieg von Royal Youmzain im G3-Ittlingen Derby-Trial mit der daraus erwachsenden Erkenntnis, den Deutschen Derbysieger des Jahres 2018 gesehen zu haben. Vielleicht gehe ich mit dieser Wertung etwas zu weit, immerhin steht ja noch das Union-Rennen an. Es sollte mich aber wundern, wenn aus dieser letzten Derbyvorprüfung in Köln noch ein Pferd hervorgehen sollte, das Royal Youmzain die Nummer 1 im Derbyfeld streitig machen könnte. Das imponierende am Sieg von Royal Youmzain war der hohe Grad der Beschleunigung, mit der er innerhalb eines Wimpernschlags vom letzten Platz an den Gegnern vorbei nach vorne ging und sich verabschiedete. Über die genaue Qualität dieser Gegner ist das letzte Wort zwar noch nicht gesprochen, aber hier machte der sprichwörtliche Ton die Musik. Am Stehvermögen wird Royal Youmzain in Hamburg kaum scheitern, auch am Wetter nicht, denn er hat sowohl auf gutem als auch auf weichem Boden schon gewonnen. Sein Können taxieren wir zunächst einmal auf 96,5 kg (Rating 113). Diese Marke ergibt sich über den drittplatzierten Guiri und dessen Vorleistung von 91 kg.

 

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