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Blog: Chefhandicapper Harald Siemen

White Turf in St. Moritz

7. Februar 2018
White Turf [Fotocredit: swiss-image/AndyMettler]
White Turf [Fotocredit: swiss-image/AndyMettler]

Als Mensch aus dem Flachland wundere ich mich manchmal über den Drang so vieler Leute, sich Bretter unter die Schuhe zu schnallen und, eingepackt wie ein Michelin-Männchen, steile Berge runterzufahren. Als Konsequenz daraus ist die Anzahl meiner Besuche im Hochgebirge überschaubar geblieben, es waren zwei. Und dabei ging es mir auch nicht ums Skifahren, sondern – natürlich – um die Pferderennen in St. Moritz. 1980 und 1981 war ich dort, das ist also schon eine Weile her. Es hat sich aber, glaube ich, im Kern nicht sehr viel verändert, außer dass alles noch größer und noch schöner geworden ist und die Veranstaltung jetzt unter der Marke „White Turf“ einen hohen Bekanntheitsgrad erreicht hat. Und teurer ist es wohl auch geworden, aber schon damals musste ein an eine bürgerliche Lebensführung Gewohnter vor der Reise nach St. Moritz eigentlich eine Bank überfallen, um dort die Preise bezahlen zu können. Trotz der seitdem verflossenen Zeit sind meine Erinnerungen an das Engadin noch sehr lebendig, angefangen von der Fahrt mit der Rhätischen Bahn von Chur hinauf nach St. Moritz, dem wunderbaren Wetter, der Schlittelfahrt auf eisiger Piste von Preda nach Bergün, der Graupensuppe auf Muottas Muragl und den langen Spaziergängen im Schnee, meist zusammen mit Trainer Charlie Seiffert und seiner Frau Thea, die auch nichts vom alpinen Skisport hielten. Und abends, beim Après-Ski (an dem ich mich auch als Nicht-Skifahrer berechtigt fühlte teilzunehmen) wurde „Woman in Love“ rauf und runter gespielt, gesungen von Barbra Streisand und geschrieben sowie produziert von den Bee Gees, damals der große Hit. Den Großen Preis von St. Moritz gewann Ralf Suerland mit dem großen Außenseiter King for a Day, womit er nicht gerechnet hatte, denn nun musste er abends noch zum Grand-Prix-Ball und hatte große Schwierigkeiten, von seinem Chef Heinz Jentzsch für den nächsten Tag frei zu bekommen.

Die Pferderennen auf dem zugefrorenen St. Moritzer See wurden ja erstmals 1906 ins Auge gefasst. Die Einheimischen hatten seinerzeit schon allerhand Skurriles erleben müssen wie Bobfahren und Skeleton auf der Cresta Run, aber Pferderennen auf dem See machte sie doch skeptisch. Erst nachdem ein Professor aus Zürich in einem Gutachten versichert hatte, dass die Eisdecke des Sees im Januar und Februar eine halbe Million Menschen aushalten könne, verschwanden Ängste und Vorbehalte. Am 27. Januar 1907, nachmittags um 14 Uhr, ging es los, und zwar mit einem Skikjöring und einem Trabfahren auf Rennschlitten. Das Skikjöring, in dem ein Pferd ohne Reiter einen Skifahrer über die Rennstrecke zieht, ist damals von den St.Moritzern erfunden worden und ist auch heute noch eine große Attraktion. Wer hier die besten Ergebnisse erzielt, ist für ein Jahr der König vom Engadin, oder – wie zuletzt – die Königin.

Angesichts der ungewohnten Schneepiste gab es, wie man sich denken kann, unzählige Zwischenfälle und Kuriositäten, von denen ich hier nur ein Ereignis erwähnen will, das in die Schweizer Rennsportgeschichte eingegangen ist. Im Preis von Zürich passierte 1931 ein Zwölferfeld dicht geschlossen die Ziellinie, wobei sich der 6-jährige Munson den zweiten Platz sicherte, nach einem „fabelhaften Endspurt“, wie es in einem Rennbericht hieß. Im Verlauf des Abends verbreitete sich das Gerücht, Munson habe statt 1400 Meter nur deren 400 zurückgelegt. Eine sofort angeordnete Untersuchung förderte zutage, dass Munson am Start stehen geblieben war und dies in der aufgewirbelten Staubwolke niemand gesehen hatte, jedenfalls kein Offizieller. Jockey Müschen machte sich nun mit seinem Pferd auf den Weg zum Ausgang und erreichte die Einmündung in die Zielgerade genau im selben Moment wie das Feld. Munson fiel nun dem Herdentrieb folgend wieder in Galopp und es ist kein Wunder, dass das noch völlig frische Pferd einen „fabelhaften Endspurt“ hinlegen konnte. Unnötig zu sagen, dass Disqualifikation des Pferdes und Lizenzentzug für den Reiter die Folge waren.

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Am vorigen Sonntag startete „White Turf“ mit dem ersten von drei Renntagen in die Saison 2018. Da häufig deutsche Pferde mitlaufen, verfolge ich die Rennen so gut es geht, als Handicapper muss ja jeder Start eines Pferdes bewertet werden, egal wo. Ein Rennen wurde von Lovelett gewonnen, die in München von Michael Figge trainiert wird. Sie schlug ganz ordentliche Gegner, jedenfalls solche, die eine höhere Handicapmarke haben als sie selbst. Die Rennen in St. Moritz sind aber so speziell, dass wir uns schon lange angewöhnt haben, auf diese Starts nicht mehr zu reagieren. Also weder mit Aufgewicht noch mit Nachlass. Solange das so bleibt, muss auch nicht entschieden werden, ob dort gezeigte Leistungen Auswirkungen auf das Gras- oder auf das Sandbahnhandicap haben sollen.

White Turf Promovideo

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Neuss liegt 1782 Meter tiefer als St. Moritz, vielleicht ist es deshalb nicht so schön dort. Auf der Neusser Sandbahn übte am frühen Dienstagabend mit Noor Al Hawa ein recht prominentes Pferd für seinen nächsten Auftritt, der am 24. Februar in der Emir´s Trophy presented by Longines (so der vollständige Titel) in Doha geplant ist. Das Pferd kennt die Rennbahn, er hat dort am 29. Dezember 2016 das Qatar Derby gewonnen und wurde danach in der Emir´s Trophy Zweiter hinter dem Überraschungssieger Chopin. Die Emir´s Trophy ist mit einer Million Dollar ausgestattet, davon 570.000 für den Sieger. Eigentlich ein gut ausgesuchtes Rennen, das Problem ist nur die 2400-Meter-Strecke, für Noor Al Hawa eigentlich zu weit. Unter den Nennungen befinden sich auch einige Pferde, die im Rating noch über Noor Al Hawa (111=95,5 kg) stehen. Das sind der italienische Derbysieger Mac Mahon (114), Chemical Charge (115) aus England und der amerikanische Gruppe II-Sieger Money Multiplier (112).

 

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