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Blog: Chefhandicapper Harald Siemen

Derby dank Münzwurf

7. Juni 2017

Die Universität zu Chicago veröffentlichte vor einiger Zeit eine Studie, wonach sich mehr als 2000 Leute bereit erklärt hatten, wichtige Entscheidungen ihres Lebens vom Wurf einer Münze abhängig zu machen. Ob man den Job kündigen oder welche Frau man heiraten soll, solche Sachen. Auch jeder Kölner, der alt genug dafür ist, wird niemals den 24. März 1965 vergessen, den Tag des „Münzwurfs von Rotterdam“, als der ruhmreiche 1. FC Köln nach drei unentschiedenen Spielen gegen den FC Liverpool um den Einzug ins Halbfinale des Europapokals gebracht wurde. Noch viel älter und eine der großen Legenden des Galopprennsports ist der Münzwurf, der darüber entschied, ob ein neues Rennen für Dreijährige den Namen Derby der Bunbury tragen sollte. Er (der Münzwurf) fand 1789 statt, im dem bei Epsom gelegenen Haus „The Oaks“ des 12. Earl of Derby, als während der Siegesfeier aus Anlass von Lord Derbys Erfolg mit der Stute Bridged in den ersten Oaks Stakes Lord Bunbury den Vorschlag machte, ein ähnliches Rennen wie die Oaks auch für Hengste zu schaffen. Es ist geradezu absurd sich vorzustellen, die Münze wäre anders gefallen und nicht nur das berühmteste Pferderennen der Welt hieße heute „Bunbury“, sondern auch alle anderen Ereignisse, die sich den Namen „Derby“ angeeignet haben um ihnen einen besonderen Klang zu geben.

Am vorigen Samstag war es wieder soweit, zum 238. Male ging es um das Derby, das Original. Es war ein ziemlich undurchsichtiges Rennen, das uns diesmal präsentiert wurde.
Hätte man das Starterfeld – so wie im Deutschen Derby üblich – nach dem Rating von 1 bis 18 sortiert, wäre deutlich geworden, dass zwischen den ersten 13 Pferden nicht mehr als vier Pfund lagen. (Permian hätte mit einem Rating von nur 113=96,5 kg die Nummer 1 getragen.) Eine Überraschung lag geradezu in der Luft und sie trat durch Wings of Eagles auch ein. 40:1 war sein Kurs, es war der größte Außenseiter-Sieg seit Snow Knight im Jahre 1974. Dafür entschädigte ein einwandfreier und spannender Rennverlauf mit einer sehr engen Ankunft, denn zwischen dem Sieger und dem Elften (Dubai Thunder) lagen nur 8 ½ Längen. Der Handicapper betrachtet einen solch komprimierten Zieleinlauf eher skeptisch, denn die Wahrscheinlichkeit, dass alle diese elf Pferde hohe Klasse vertreten, ist doch eher gering. Schaut man sich die Derby-Ratings der letzten 20 Jahre an, so liegt dasjenige von Wings of Eagles mit 119 (99,5 kg) denn auch am unteren Ende der Rating-Skala für einen englischen Derbysieger. Um die Wahrheit zu sagen: ganz am Ende, zusammen mit Ruler of the World. Ganz oben findet man Authorized mit 127.

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Ziemlich komprimiert sah es 24 Stunden später auch beim Zieleinlauf im Prix du Jockey Club aus, dem französischen Derby, als nahezu das gesamte Feld geschlossen über die Ziellinie stürmte. Hier lagen zwischen dem Ersten und dem Elften sogar nur 6 ¾ Längen. Vorneweg zwei Hengste aus alten deutschen Mutterlinien, Brametot aus der Isarländer Familie von Monsun, und Waldgeist, der auf die Ravensbergerin Waldrun zurückgeht. Ich habe schon früher einige Male darüber geschrieben, wie Brametots 7. Mutter Morning Breeze 1938 bei den December Sales in Newmarket durch den Gründer der Isarländer Gestütshöfe, die Münchner Nazi-Größe Christian Weber, angekauft wurde. Ständig reckte Weber den Arm in die Höhe, wurde aber – die Devisen waren knapp – meistens überboten und er ärgerte sich, dass „die Ausländer“ ihm immer die besten Pferde wegkauften. Bei Morning Breeze und einigen anderen bekam er aber den Zuschlag.

Seit das französische Derby auf 2100 Meter verkürzt wurde, also seit 2005, ist Brametot nach Shamardal und Lope de Vega der Dritte, dem das klassische Doppel Poule d´Essai des Poulains und Prix du Jockey Club gelang. Bei sieben Starts hat er sechsmal gewonnen, der Einzige, der ihn bisher schlagen konnte war High Alpha aus dem Stall von Mario Hofer. Das war im vorigen August in Deauville. Auch Brametots Derbysieg war, wie der von Wings of Eagles, ungefähr 99,5 kg wert, das Rating steht noch nicht ganz fest. Vorher, beim Sieg in der Poule d´Essai, war er auf 121 (100,5 kg) gekommen. Er ist damit derzeit der führende Dreijährige in Europa, zusammen mit der Stute Enable, die für ihren 5-Längen-Erfolg in den Epsom Oaks in der in den nächsten Tagen erscheinenden neuen Weltrangliste eine ähnlich hohe Marke erhalten wird.

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Das missglückte Derby-Trial am Sonntag auf der hannoverschen Rennbahn in Langenhagen hat für einen ziemlichen Schrecken gesorgt. Man sieht ja gelegentlich, dass Pferde, besonders junge, über einen Übergang oder einen Schatten springen. Meistens passiert dabei nichts. Diesmal aber doch. Royal Flag stand, als er zum Sprung ansetzte, fast senkrecht in der Luft, ein eigenartiges Bild. Dabei nahm er sich selbst und den klaren Favoriten Windstoß aus der Partie, zwei weitere Teilnehmer, nämlich Promise of Peace und Rosenpurpur, büßten bei diesem Zwischenfall zahlreiche Längen ein. Übrig blieben fünf Pferde, die je ein Maidenrennen gewonnen hatten, und ein noch siegloser Teilnehmer. Als Handicapper steht man jetzt vor einem Dilemma: Das Rennen, so der erste Impuls, ist nichts wert, denn ausgerechnet die beiden Pferde, insbesondere Windstoß, über die man das Rennen hatte berechnen wollen, waren ausgeschieden. Andererseits handelt es sich um ein Listenrennen mit einem guten Ruf, denn immerhin stehen in der Siegerliste die Derbysieger Nicaron, Schiaparelli und Adlerflug, zuletzt gewannen die Derbyfavoriten Shimrano und Boscaccio. Die Besitzer erhofften sich von diesem Rennen die Derbyqualifikation für ihre Pferde, sehen diese jetzt vielleicht in Gefahr. 

Natürlich kann man als Ausgleicher jetzt nicht einfach wie ein Jäger mit dem Schrotgewehr in die Luft schießen und hoffen, dass man das Richtige trifft. Ein wenig der Situation angemessen muss man aber wohl doch reagieren. So haben wir etwas unorthodox gerechnet und den als Fünften ins Ziel gekommenen Promise of Peace trotz allem Wenn und Aber als Basis genommen und von da aus großzügig nach oben gerechnet. So kommt der Sieger Parviz immerhin noch auf ein GAG von 83,5 kg, der Zweite Sargas auf 81 kg. Ein Blick auf die derzeit noch im Derby startberechtigten 39 Pferde sollte eine eventuelle Sorge, ob das fürs Derby reicht, eigentlich nicht aufkommen lassen. Nur 14 Pferde stehen derzeit im Rating über Parviz, Sargas und auch Rosenpurpur, darunter der als Starter sehr zweifelhafte Nerud. Und von unten können sich in den beiden noch ausstehenden Derby-Vorprüfungen, dem Union-Rennen und dem Bremer swb-Trial, von den in diesen Rennen noch Startberechtigten nur noch vier Pferde verbessern. Selbst wenn ein oder zwei Pferde nachgenannt werden sollten, ist derzeit nicht anzunehmen, dass am 2. Juli in Hamburg-Horn mehr als 20 Pferde starten sollen und dann ein Ausscheidungsverfahren nach GAG-Höhe in Gang gesetzt werden muss. Ein volles Feld hat es in den letzten 20 Jahren ohnehin nur sieben Mal gegeben, und auch nicht immer wollten in diesen Jahren noch mehr laufen.
Hier die aktuelle Rangliste der im Derby noch startberechtigten 38 Pferde nach GAG.

 

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