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Blog: Chefhandicapper Harald Siemen

Neues von Winx und Erinnerungen an Strawberry Road

7. März 2018

Es ist ja jetzt Frühling. Jedenfalls sagen das die Meteorologen, und die sollten es wissen, die haben das studiert. Ich selbst habe noch leise Zweifel, denn vor meiner Haustür ist die Ostsee immer noch einige hundert Meter weit zugefroren und heute hat es hier auch wieder angefangen zu schneien. Aber langsam soll es ja wärmer werden, in der nächsten Woche ist bereits Nennungsschluss für die ersten Grasbahnrennen und dann kommt bald schon Ostern. Bis es soweit ist, muss sich der Blick aber noch weiten. Diesmal nicht nach England oder Irland, denn auch dort hat das „Beast from the East“, also der scharfe Ostwind, die Rennbahnen gefrieren und einschneien lassen. Dann doch lieber nach Australien. Dort wird es zwar schon langsam Herbst, aber am Wochenende, das entnehme ich der Zeitung, war es in Sydney sonnig bei 30 Grad. Mit Spannung sah man dort dem Jahresdebüt von Winx entgegen, die nach vier Monaten Pause am Start zu den G1-Chipping Norton Stakes über 1500 Meter erschien. Sie hat natürlich gewonnen, die Konkurrenz verlangte ihr nicht viel ab. So war es wieder einmal der Stil des Erfolges, der einen staunen ließ. Vom vorletzten Platz kommend, zirkelte sie im Bogen weit außen um ihre Gegner herum und war schließlich sieben Längen voraus. Schon bei früherer Gelegenheit hatte man den Eindruck gewonnen, dass Winx besonders gut durch Kurven laufen kann. Die werden ihr fehlen, falls es im Juni tatsächlich zu einem Start in den Queen Anne Stakes in Royal Ascot kommen sollte. Dort geht es 1600 Meter lang geradeaus. Aus Sicht des Handicappers war der Sieg von Winx einiges wert, der Kollege Greg Carpenter hat mit einem Rating von 128 (104 kg) schon einmal ein Ausrufezeichen gesetzt. 

Video: 2018 Chipping Norton Stakes - Siegerin: Winx

Für die sechsjährige Stute war es der 23. Sieg in Folge und der 16. Sieg in einem Gruppe-I-Rennen. Um die Dimension dieser Leistung zu erfassen muss man wissen, dass seit der 1874 geborenen, in 54 Rennen unbesiegten Kincsem, einzig und allein Black Caviar mehr als 23 Rennen ohne Niederlage überstanden hat, nämlich 25. (Camareros Siegesserie über 56 Rennen lasse ich jetzt mal außen vor, da er nur in Puerto Rico gelaufen ist.) Klick: Liste der längsten Siegesserien seit 1900. Dass mit Black Caviar und Winx jetzt zwei australische Stuten die Liste der Seriensieger anführen, mag manchem merkwürdig vorkommen. Man sollte aber nicht den Fehler machen und daraus schließen, dass Siege in Australien quasi auf dem Silbertablett serviert werden. Bei den Sprintern ist die Leistungsdichte nirgendwo höher, aber auch auf Strecken bis 2000 Meter, auf denen Winx unterwegs ist, ist das Niveau hoch. Von den 53 vierjährigen und älteren Pferden, die im vorigen Jahr in den World Rankings auf Distanzen zwischen 1400m und 2100m ein Rating von 118 (99 kg) oder mehr erreicht haben, kommen zehn aus den USA, neun aus Australien, jeweils acht aus England und Hongkong, sechs aus Japan, vier aus Südafrika, drei aus Irland, zwei aus Frankreich und je eines aus Neuseeland und Deutschland. Winx soll jetzt am 24. März in den George Ryder Stakes wieder an den Start gehen. Danach ist eine Entscheidung über die Pläne für eine Reise nach Ascot angekündigt.

* * *

Es hat ziemlich lange gedauert, bis australische Pferde den Weg auf europäische Rennbahnen gefunden haben, verständlich aufgrund der gewaltigen Entfernungen. Als Choisir beim Royal Ascot-Meeting 2002 zunächst die King´s Stand Stakes und danach auch noch die Golden Jubilee Stakes gewann, war er der erste in Australien trainierte Sieger in Europa. Choisir hat zahlreiche Nachfolger gefunden, vor allem australische Sprinter waren danach häufig in Ascot erfolgreich, wobei Black Caviar natürlich herausragt. Als diese Wunderstute 2012 unter recht dramatischen Umständen die Diamond Jubilee Stakes gewann (ihr Reiter hörte 50 Meter vor dem Ziel auf zu reiten und kam gerade noch hin), war das ihr 22. Sieg ohne Niederlage.

Zwar hatten schon vor Choisir einige Pferde vom fünften Kontinent den Weg nach Europa gefunden, nur waren diese dann dauerhaft bei Trainern in Frankreich oder England stationiert. Einer davon war Balmerino, der Zweite aus dem Prix de l´ Arc de Triomphe 1977. Ein anderer der großartige Strawberry Road, an den ich besonders angenehme Erinnerungen habe, da ich mit ihm einmal ziemlich viel Geld gewann, 1984 im Großen Preis von Baden. Strawberry Road war dreijährig Pferd des Jahres in Australien gewesen und kam im Sommer 1984 als Fünfjähriger zu John Nicholls nach Chantilly in Training. Erklärtes Ziel war der Sieg im Prix de l´ Arc de Triomphe. Um ihn dafür in Form zu bringen, wählte man erstaunlicherweise zwei Rennen in Baden-Baden aus: Das Oettingen-Rennen über 1600 Meter am ersten Tag der Großen Woche, in dem er mit einer „Nase“ gegen das englische Pferd Hoyer unterlag, und - neun Tage später - den Großen Preis von Baden. 

Dieser Große Preis von Baden war eines der dramatischsten Rennen, die ich auf einer deutschen Rennbahn gesehen habe. Drei Klassepferde lieferten sich die gesamte Zielgerade herunter einen harten Kampf, den Strawberry Road schließlich mit einem „kurzen Kopf“ Vorsprung gegen Esprit du Nord für sich entschied, Abary eine halbe Länge dahinter auf Rang drei. David Conolly-Smith übertrug das Rennen damals aus dem Iffezheimer Presseraum per Telefon an einen Radiosender in Australien. Als die Pferde durch Ziel gingen rief er voller Überzeugung: „The Australian horse has won!“ Ich sehe David heute noch vor mir, wie er erbleichte und weiche Knie bekam, als bei der verlangsamten Wiederholung der Rennfilms Zweifel aufkamen und auch das Zielfoto noch vergrößert werden musste. Auch ein Protest wegen angeblicher Behinderung war noch zu überstehen, den der Trainer von Esprit du Nord eingelegt hatte. Dessen Reiter Gary Moore musste 250 Mark an die Sozialkasse der Jockeys zahlen, weil er nicht weniger als 25 Mal die Peitsche eingesetzt hatte. Moore entschuldigte sich später dafür bei der Rennleitung mit der Begründung, dass er dieses Rennen unbedingt gewinnen wollte um es seinem Vater nachzumachen, der 1960 im Sattel von Sheshoon gesiegt hatte.

Strawberry Road lief danach als Fünfter im Prix de l´ Arc de Triomphe von Sagace ein gutes Rennen. Wie es sich für ein hartes australisches Pferd gehört, startete er in den Wochen danach noch drei Mal, wurde Dritter im Washington D.C. International, Vierter im Breeders´ Cup Turf und Siebter im Japan Cup. Danach ging er in den Besitz von Daniel Wildenstein, für den er 1985 den Grand Prix de Saint-Cloud gewann und Zweiter im Breeders´ Cup Turf wurde. Als Deckhengst in Kentucky zeugte er drei Breeders´ Cup-Sieger. 1995 zog er sich in seiner Box eine Fraktur zu und musste eingeschläfert werden.

 

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