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Blog: Chefhandicapper Harald Siemen

Über die Stutenkönigin Well Timed

8. August 2018

Der Sommer gilt ja als die Jahreszeit der gesteigerten Lebensfreude. Er verdient sich diese Einschätzung besonders durch höhere Temperaturen, die Anlass zu Aufenthalten und Aktivitäten im Freien geben, wie zum Beispiel an Badeseen und Meeresküsten oder aber auch auf Galopprennbahnen. Denn seien wir einmal ehrlich: wenn ein sanfter Südwind über die Rennbahnen weht und zu luftiger Kleidung einlädt, ist ein Aufenthalt beim Pferderennen doch eine andere Sache, als an einem kalten, regnerischen Herbsttag. Und so kann man auch Jahr für Jahr am Diana-Renntag in Düsseldorf außergewöhnlich viele und gutgelaunte Menschen beobachten, denn am Diana-Tag ist immer gutes Wetter. So auch am vorigen Sonntag, als dieser Super-Sommer 2018 kurzfristig einmal einen Gang zurückschaltete und die Temperaturen auf dem Düsseldorfer Grafenberg auf nicht mehr als 28 Grad ansteigenden ließ, zur Freude von Mensch und wohl auch Tier. Auch dies mag ein Grund dafür gewesen sein, dass dieser Henkel-Preis der Diana ein Rennen wurde, das man so schnell nicht vergessen wird, denn nach einem rasanten und einwandfreien Rennverlauf stand am Ende eine Siegerin, die jetzt deutlich an der Spitze ihres Jahrgangs steht und von der man, dem Stil ihres Sieges nach, noch einiges erwarten darf.

Video: Henkel Preis der Diana - German Oaks (Gr. I), Düsseldorf - Siegerin: Well Timed

160 Siegerinnen hat es seit 1857 in diesem traditionellen Rennen gegeben, seit vorigen Sonntag gehört nun auch Stall Ullmanns Well Timed dazu. Welchen Rang sie später einmal unter ihren Vorgängerinnen einnehmen wird, steht derzeit noch in den Sternen, denn eine Diana-Siegerin wird schließlich nicht nur nach ihrer Rennleistung, sondern auch nach ihrer Zuchtleistung beurteilt. Was die bisherige Rennleistung angeht, so braucht Well Timed durchaus keinen Vergleich scheuen, denn sie ist in diesem Jahr nach nunmehr vier Starts noch ungeschlagen. Im Rating, und jetzt komme ich zur Sache, kann sich diese Leistung leider noch nicht in angemessener Weise niederschlagen, denn dem diesjährigen Diana-Feld fehlte es doch etwas an Klasse in der Tiefe. Auch vermisste man diesmal eine von den guten Stuten aus England, die in den letzten Jahren so häufig ein Gradmesser für das Niveau dieses Rennens waren. So sind die 95 Kilo (Rating 110), auf die wir Handicapper uns zunächst einmal geeinigt haben, die niedrigste Einschätzung seit 2010, als Enora gegen Elle Shadow gewann. Ich glaube aber trotzdem, dass es sich bei Well Timed um eine höher veranlagte Stute handelt, denn die Art und Weise, wie sie diese Diana gewann, war sehr beeindruckend. Ihr Reiter platzierte sie hinter der in selbstmörderischer Fahrt führenden Come on City sofort an zweiter Stelle, so dass man schon Sorge haben musste, denn dieses Tempo konnte unmöglich durchgehalten werden - am Ende kam auf der an diesem Tag sehr schnellen Düsseldorfer Bahn mit 2:12,63 eine fabelhafte Rekordzeit heraus. Das Besondere am Sieg von Well Timed war, dass sie – obwohl sie das schnelle Tempo mitgegangen war – in der Endphase noch einmal zulegen und den Angriff von Night of England abwehren konnte. So etwas kann nicht jedes Pferd. Well Timed soll jetzt im Prix Vermeille am zweiten September-Sonntag in ParisLongchamp laufen. Diesen Weg haben auch schon einige Vorgängerinnen von Well Timed gewählt, mit ernüchternden Ergebnissen: Penelopa und Salomina wurden dort Zehnte, Enora Elfte. Ich sage einmal: Well Timed, tritt sie dort an, wird besser laufen.

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In England wird ja gelegentlich nach dem Rennen des Jahrhunderts gefragt, wobei man diese Frage nicht so wörtlich nehmen darf, denn wer kann schon aus eigener Anschauung den Überblick über 100 Jahre haben. Für das vergangene Jahrhundert scheint die Frage beantwortet, denn als Sieger aus derartigen Umfragen gingen meist die King George VI and Queen Elizabeth Stakes des Jahres 1975 hervor, also jenes Rennen mit dem epischen Duell zwischen dem besten Vierjährigen Englands, Bustino, und dem dreijährigen Derbysieger Grundy. Bustino war ein robuster Steher und sein Trainer Dick Hern gab ihm nicht nur einen Pacemarker zur Seite, sondern deren zwei, die sich bei der Tempoarbeit ablösten, so dass ein furioser Rennverlauf gesichert war und am Ende eine Zeit herauskam, die den bestehenden Bahnrekord dreieinhalb Sekunden verbesserte. Aber alle ausgeklügelte Taktik half nichts, nach einem Kopf-an-Kopf-Rennen über fast die gesamte Zielgerade in Ascot holte Grundy zum Schluss eine halbe Länge Vorsprung heraus, als Dritte folgte die 10-fache Gruppe-I-Siegerin Dahlia fünf Längen zurück. Auch Deutschlands späterer Arc-Sieger Star Appeal war in diesem legendären Rennen dabei, er ging das Tempo lange an zweiter und dritter Stelle mit, wurde dann aber sehr müde.

Englands Trainerlegende Michael Stoute nannte eben diese „King George“, als er kürzlich nach dem größten Rennen gefragt wurde, das er je gesehen hat. Nun haben, am vorletzten Samstag, zwei seiner Pferde den Zuschauern in Ascot ein ähnliches Schauspiel geboten wie seinerzeit Grundy und Bustino und sich im Kampf um den Sieg weit von den Gegnern abgesetzt, genau genommen um neun Längen. Poet´s Word siegte schließlich mit einem Hals gegen Crystal Ocean, und es dauerte nicht lange, da wurde dieses Rennen schon zum „Rennen des Jahrhunderts“, also des Einundzwanzigsten, ausgerufen. Nun ja, ganz soweit würde ich nicht gehen wollen, aber beeindruckend war das alles schon. Poet´s Word brauchte für die 2400 Meter 2:25,84 Minuten, er war also 1,2 Sekunden schneller als seinerzeit bei Grundy, aber doch 1,24 Sekunden langsamer als Novellist bei seinem Rekordlauf 2013. Poet´s Word und auch Crystal Ocean gehören ja zu den Aufsteigern des Jahres, Poet´s Word kommt sogar aus der Handicapklasse und ist jetzt nach zwei Gruppe-I-Siegen in Folge weit oben gelandet. Die am Donnerstag erscheinende neue Weltrangliste wird ihn mit einem Rating von 129 (104,5 kg) voraussichtlich zusammen mit Gun Runner als neue Nummer zwei in der Welt ausweisen, ein Pfund unter Winx. Crystal Ocean steht jetzt bei 128 (104 kg) und wird wohl die Nummer vier werden. Wie weit die besten deutschen Pferde derzeit von der Weltspitze sind, kann anhand der drittplatzierten Coronet demonstriert werden: In Ascot war Coronet jetzt neun Längen zurück Dritte, bei ihrem Start zuvor im Grand Prix de Saint-Cloud aber nur um eine Nase von Waldgeist geschlagen, und der vertritt ungefähr die gleiche Klasse wie unser bestes Pferd Dschingis Secret.

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Recht ernüchternd fiel das Ergebnis des G1-Großen Dallmayr-Preises vor zehn Tagen in München-Riem aus. Nicht dass Benbatl gewonnen hat, der war in Bestform ohnehin nicht zu schlagen. Dass aber auch der zweite Platz nicht zu verteidigen war und durch Stormy Antarctic ebenfalls an ein englisches Pferd ging, hatte ich doch nicht erwartet. Zweifellos lief Iquitos eines seiner seltenen, schwachen Rennen, da hilft auch kein Hadern mit dem Rennverlauf, der ja, wie man hinterher hörte, nicht nur für Iquitos zu langsam gewesen sein soll. Nun, auch ich fand das Tempo nicht gerade rekordverdächtig, aber ausgesprochen langsam war es aber auch nicht, in den letzten 20 Jahren waren nur sechs Sieger schneller unterwegs als Benbatl. Der Respekt vor diesem Pferd war offensichtlich so groß, dass während des ganzen Rennens niemand wagte, auch nur in seine Nähe zu kommen. Im Übrigen wiederhole ich mich hier gerne mit meiner Meinung, dass Klagen über ein langsames Rennen dann überflüssig werden, wenn der durch ein langsames Tempo vermeintlich Benachteiligte das Heft des Handelns selbst in die Hand nimmt, oder wenn auf andere Weise, zum Beispiel durch einen Pacemaker, für eine angemessene Fahrt gesorgt wird. In München hat Benbatl sich ein Rating von 120 (100 kg) verdient und ist damit nach Pastorius und Greek Dance (beide 101 kg) der drittbeste Dallmayr-Sieger seit Beginn dieses Jahrhunderts. Seine Bestmarke von 101,5 kg (Rating 123) aus dem Dubai Turf bleibt aber unangetastet, womit er derzeit die Nummer neun in der Welt ist.

 

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