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Blog: Chefhandicapper Harald Siemen

Die letzten Grupperennen der deutschen Galopprennsaison

8. November 2017

Mit dem Gedächtnis hat es bekanntlich seine eigene Bewandtnis. Es soll Leute geben, die an einem Tag ein Telefonbuch auswendig lernen, gibt man ihnen aber auf, am Sonntagabend Brot aus dem Tiefkühlfach zu holen, vergessen sie das. Machen sie sich einen Zettel, vergessen sie drauf zu schauen. Zu diesem Thema kann sicher jeder etwas beitragen. Ich, zum Beispiel, könnte jederzeit den Derbysieger von – sagen wir – 1913 aufsagen (Turmfalke), fragt aber einer nach dem von 2013, kann es vorkommen, dass ich erst die Jahre davor und danach rekapitulieren muss und nach einer Weile sage: „Lucky Strike, äh…Lucky Speed.“ Dabei wäre vor einer Woche, nach dem Pastorius-Großen Preis von Bayern in München-Riem, ein gutes Gedächtnis hilfreich gewesen bei der Frage, wann es denn so etwas bei uns schon einmal gegeben hätte: Dass die drei nach Handicap-Einschätzung besten deutschen Rennpferde in einem Rennen aufeinander getroffen wären und dann im Ziel auch die drei ersten Plätze belegt hätten.

Video: Pastorius - Grosser Preis von Bayern (Gr. I), M - Sieger: Guignol

Schon aus diesem Grunde also war der Große Preis von Bayern das „Rennen des Jahres“ in Deutschland, es erhielt aber noch zusätzliche Bedeutung durch die Teilnahme von Waldgeist. Der Zweite aus dem französischen und Vierte aus dem irischen Derby hat zwar die ganz großen Erwartungen bisher nicht erfüllt (über Winter war er eine Zeitlang sogar Favorit fürs Epsom Derby), trotzdem war er ein Gegner von Format und schließlich auch Mit-Favorit am Totalisator. Beim Satteln beeindruckte Waldgeist vor allem durch seine unerschütterliche Ruhe, er stand wie ein Denkmal, bewegte sich nicht einen Millimeter; erst als es auf die Bahn ging, wurde er munterer. Im Ziel endete er genau da, wo wir Handicapper ihn, ehrlich gesagt, hin gewünscht hatten: auf dem vierten Platz, anderthalb Längen hinter den drei kämpfenden deutschen Hengsten. Das eröffnet uns die Möglichkeit, das ganze Rennen über sein aktuelles Rating (117=98,5 kg) zu berechnen, und von dieser Möglichkeit haben wir auch Gebrauch gemacht. In der Folge verbessern sich Guignol und Iquitos noch einmal um ein Pfund auf 100 kg (Rating 120) bzw. 99,5 kg (119). Dschingis Secret bleibt bei seinen 100 kg, die er sich in Hoppegarten und Chantilly verdient hat. Dass Iquitos knapp hinter den anderen zurückbleibt liegt auch daran, dass er in diesem Jahr bei direkten Vergleichen nie gewinnen konnte. 

Es stand ja schon vorher fest, dass zwischen Dschingis Secret, Guignol und Iquitos kaum ein Leistungsunterschied besteht. Alle sieben Gruppe-I bzw. Gruppe II-Rennen im Distanzbereich von 2000 bis 2400 Meter in Deutschland haben diese drei Pferde jetzt unter sich aufgeteilt. In den direkten Vergleichen in diesem Jahr steht es zwischen Guignol und Iquitos 3:1, zwischen Guignol und Dschingis Secret 2:1 und zwischen Iquitos und Dschingis Secret ebenfalls 2:1. Für Guignol und Iquitos soll es jetzt zum Japan Cup gehen, ein Vertreter des Pariser JRA-Büros war in München vor Ort und klärte gleich Einzelheiten. Was sie dort erwartet, darüber werden sich die Beteiligten keine Illusionen machen. Ziel wird ein ehrenwertes Abschneiden sein, so wie es Iquitos im Vorjahr bereits gelungen ist.

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Es ist ja nicht so, dass Pferdesport nicht auch in der Halle stattfinden kann. Leider gilt das nicht für Galopprennen, so dass dieser Sport seit jeher auch mit schwierigen Bedingungen fertig werden muss. Oder eben auch nicht. Wie am Sonntag in Rom, wo der Renntag nach dem Premio Guido Berardelli, einem Gruppe-3-Rennen für die Zweijährigen, wegen sintflutartiger Regenfälle abgebrochen werden musste. Das Rennen gewann der im Gestüt Ravensberg gezogene Wiesenbach als Favorit mit einem kurzen Kopf. So schlimm wie in Rom war es in Krefeld nicht, es schien sogar die Sonne. Aber der Boden – das zeigen die gelaufenen Zeiten zur Genüge – war schwer, wenn nicht tief. (Offiziell allerdings nur weich, aber auf die Angaben der Rennvereine ist ja leider immer weniger Verlass.) Nur so konnte es in Krefeld auch zu Rennergebnissen kommen, bei denen das kleine Zweijährigen-Rennen mit 15 und das Hindernisrennen mit 59 Längen Vorsprung gewonnen wurde. Als Handicapper begegnet man solchen Ergebnissen mit der angebrachten Skepsis, aber zu einem Ergebnis muss man auch hier kommen.

Das Ratibor-Rennen gewann Poldi´s Liebling, der bei seinem vorangegangenen Start mit dem oben erwähnten Wiesenbach in einem Listenrennen in Mailand Kopf-Kopf als Dritter über die Ziellinie gegangen war. Da es sonst wenig Anhaltspunkte für eine Rechnung gibt, haben wir uns auch an der Marke von Wiesenbach orientiert. Lorenzo Rossi, mein italienischer Kollege, hat ein Rating von 105 avisiert, das sind 92,5 kg, und die soll auch Poldi´s Liebling bekommen. Das ist für einen Ratibor-Sieger nicht viel, aber Pferde mit einem klaren Leistungsprofil waren unter den Teilnehmern diesmal kaum zu entdecken, außer dem Sieger waren alle anderen davor nur in Sieglosenrennen unterwegs gewesen.

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Vor dem Niederrhein-Pokal, dem letzten Grupperennen der deutschen Galopprennsaison, hatte Trainer Andreas Suborics etwas herausgefunden. Dass nämlich auf der Gegenseite die Spur ganz außen besser ist. So etwas merkt natürlich nur, wer vor den Rennen einmal die Bahn abgeht, aber das sieht man heute bei uns kaum noch. Woanders, vor allem in England und Irland, kommt das häufiger vor. Aidan O´Brien zum Beispiel, geht mit seinen Jockeys vor großen Rennen regelmäßig um die Bahn. Bei den diesjährigen Champion Stakes in Ascot konnte man als Folge solcher Mühen beobachten, wie Ryan Moore sein Pferd Highland Reel über viele hundert Meter weit weg von den anderen außen unter den Bäumen galoppieren ließ. Ob es was genützt hat, weiß man nicht recht, er wurde Dritter. Mit Veneto, dem Sieger im Niederrhein-Pokal, machte Alexander Pietsch es ähnlich. Ob das der Schlüssel zum Erfolg war, weiß man auch nicht, aber geschadet hat es definitiv nicht. Bei der Berechnung des Rennens haben wir das vorsichtig mit einfließen lassen und die drei Längen Vorsprung – auch wegen des schweren Bodens – nur mit zwei statt wie üblich mit drei Kilo gewertet. Veneto steht jetzt bei 94 Kilo und hat damit einen großen Sprung gemacht, was ihm aber zuzutrauen war. Hat er doch schon im vorigen Jahr bei nur zwei Starts Talent gezeigt und in diesem Jahr, nach Überbrückung einer Pause von zwölf Monaten, drei Handicaps gewonnen, darunter zwei Ausgleiche I.

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Um noch einmal auf Poldi´s Liebling zurückzukommen: Eventuelle Beschwerden, die darauf zielen, dass der Apostroph im Namen überflüssig und daher falsch ist, sind – wie auch ich erst vor kurzem erfahren habe – unangebracht. Denn nach der neuen Rechtschreibung darf der Genitiv-Apostroph verwendet werden, wenn dadurch die Grundform eines Namens verdeutlicht werden soll. Das ist hier zweifellos der Fall, denn offensichtlich soll zum Ausdruck gebracht werden, dass das Pferd der Liebling von Lukas Podolski ist. Aber ich will mich hier nicht als Grammatik-Detektiv aufspielen, sondern nur darauf hinweisen, dass Horst-Dieter Beyer (85) nicht nur der Züchter von Poldi´s Liebling ist, sondern seit Ewigkeiten auch Vereinsmitglied des 1. FC Köln. Poldi´s Liebling ist Beyers erster Gruppesieger, obwohl er schon seit 1965 Rennpferde züchtet, zu Zeiten nannte er mehr als 30 Mutterstuten sein eigen. Da kann man wahrlich von Geduld sprechen, von Glück kaum eine Spur. Ich selbst kenne Beyer schon seit ich zu Beginn der 1970er-Jahre für den Katalog zu seinen Auktionen auf dem Kölner Messegelände die Pedigrees ausgearbeitet habe. Tempi passati. Es gibt übrigens, und damit soll auch Schluss sein, ein Pferd, das wirklich „Lukas Podolski“ heißt. Eingetragen bei der FN in Warendorf als schweres sächsisch-thüringisches Warmblut.

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Am vorigen Wochenende war ja auch sonst noch viel los, besonders beim Breeders´ Cup. Darüber soll nächste Woche gesprochen werden, dieser Blog hat ohnehin schon Überlänge. Bis dahin gibt es auch eine neue Weltrangliste.

 

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