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Blog: Chefhandicapper Harald Siemen

Oriental Eagle und sein Rekordlauf

9. Mai 2018

Beim Pferderennen wird immer dasjenige Pferd gewinnen, das die vorgegebene Distanz in der schnellsten Zeit zurücklegt. Eine Binsenweisheit. Dummerweise ist es aber gar nicht der Zweck eines Pferderennens so schnell wie möglich zu laufen. Der Zweck ist, schneller zu sein als die Gegner. Und um das zu erreichen, ist es meistens sogar klug, ein Pferd langsamer als möglich laufen zu lassen. Das nennt man dann Taktik, die angewendet wird, um eigene Stärken auszuspielen, wie zum Beispiel die Fähigkeit zur Beschleunigung. Manchmal aber deckt sich beides - so schnell laufen wie möglich und schneller sein als die Gegner. Genau das hat der bemerkenswerte Oriental Eagle am Sonntag beim 83. Gerling-Preis in Köln getan, an diesem von der Sonne überfluteten Renntag, der vielen der 14.500 Zuschauer noch lange im Gedächtnis bleiben wird. Schon nach den ersten Rennen war klar, dass das Kölner Geläuf an diesem Tag außergewöhnlich schnell ist. Dass Oriental Eagle bei seinem Tempolauf im Gerling-Preis dann nur 2:22,60 Minuten benötigen würde, hätte man dann aber doch nicht für möglich gehalten, denn diese Zeit ist nicht nur Bahnrekord, sondern auch die schnellste jemals auf einer deutschen Rennbahn erreichte 2400-Meter-Zeit. Den bisherigen Rekord hielt Ito mit 2:25,33 Minuten, gelaufen vor zwei Jahren, ebenfalls im Gerling-Preis. Oriental Eagle hat diese Zeit also um beachtliche 2,73 Sekunden verbessert, das ist eigentlich zu gut, um wahr zu sein. Und tatsächlich hat eine Nachmessung vor dem Computer, die ich noch am Sonntagabend vorgenommen habe, eine Zeit von ca. 2:24 Minuten ergeben. Trotzdem gehe ich zunächst einmal davon aus, dass die offizielle Zeit korrekt ist, zumal in den anderen Kölner Rennen bei der von mir angewendeten Methode eine ähnliche Differenz auftrat. Robert Ströbert, der für die Zeitmessung in Köln zuständige Zielfotograf, ist sich aber sicher, die Uhr korrekt ausgelöst zu haben. Die Differenz zum Rennvideo kann er sich auch nicht erklären, er will der Sache aber nachgehen.

Video: 83. Gerling-Preis (Gr. II), Köln - Sieger: Oriental Eagle

Über die Entwicklung von Oriental Eagle vom sieglosen Pferd zum klassischen Sieger innerhalb nur eines Monats hatte ich bereits aus Anlass seines Sieges im Deutschen St. Leger im September vorigen Jahres etwas gesagt. Erst beim 9. Start konnte er sein erstes Rennen gewinnen, das war dann gleich der Preis der BBAG-Jährlingsauktion. Stehvermögen ist in dieser Familie ohne Ende vorhanden, der Halbbruder Oriental Fox gehört in England zu den populärsten Pferden, gewann dort zweimal die Queen Alexandra Stakes in Royal Ascot, das mit 4300 Metern längste Flachrennen des Landes. Basis für die Rechnung in diesem Gerling-Preis ist der zweitplatzierte Colomano, der wieder – wie schon im Union-Rennen und im Großen Preis von Baden – vor Windstoß einkam und seine Marke von 97 kg bestätigt hat. Da Oriental Eagle ein Kilo weniger getragen hat, ergibt sich auch für ihn ein Rating von 97 kg (114). Nennungen hat er jetzt für Baden-Baden und für den Großen Hansa-Preis. Spannung ist garantiert.

* * *

Phil Bull, der Gründer von „Timeform“, hat einmal gesagt: „Die Zeit kann nicht sagen wie gut ein Pferd ist, sondern nur wie schlecht es nicht ist.“ Auch aus diesem Grunde spielt die Zeit im Galoppsport keine große Rolle, meist ist sie nur eine Nebensache und zudem fehleranfällig, da die Uhr mit der Hand ausgelöst wird. Schnelle Zeiten sind außerdem von vielen Zufälligkeiten wie Topographie des Geläufs, Bodenbeschaffenheit, Gewicht und Taktik abhängig. Wichtiger als die Gesamtzeit eines Rennens sind Zwischenzeiten (sectional times), aus denen sich häufig interessante Erkenntnisse über den Rennverlauf ablesen lassen. Diese Art der Zeitmessung gibt es bei uns leider nur in Hoppegarten und selbst dort wird sie der Öffentlichkeit bisher in nur unzulänglicher Weise zur Kenntnis gebracht. Trotz alledem ist die Zeit nicht völlig unnütz, man kann mit ihrer Hilfe zum Beispiel den Fortschritt erkennen, den die Vollblutzucht im Laufe der Jahrhunderte gemacht hat. Im Deutschen Derby in Hamburg zum Beispiel kamen die Sieger in der Zeit von 1900-1929 auf eine Zeit von durchschnittlich 2:35,6 Minuten, in den nächsten 30 Jahren auf 2:33,4, danach auf 2:32,1 und seit 1990 auf 2:31,7. Sumpfderbys wurden bei der Berechnung weggelassen. Den ersten herausragenden Zeitrekord über 2400 Meter stellte 1936 die ungeschlagene Nereide auf, deren Derbyzeit von 2:28,8 damals eine Sensation war und als „Weltrekord“ gefeiert wurde. Als deutsche Rekordzeit wurde sie erst 1973 von Athenagoras eingestellt und vom selben Pferd zwei Jahre später im Großen Preis von Nordrhein-Westfalen in Düsseldorf auf 2:26,7 Minuten verbessert. Der nächste Rekordträger war Sternkönig, der 1995 im Deutschland-Preis in Düsseldorf auf 2:25,38 kam, bis Ito diese Zeit vor zwei Jahren um fünf hundertstel Sekunden unterbot. Immerhin sagt diese Aufstellung aber auch, dass alle Rekordhalter sehr gute Pferde waren, wobei Oriental Eagle die Klasse seiner Vorgänger erst noch erreichen muss. 

Auch international ist die neue Rekordzeit von 2:22,6 Minuten (wenn sie denn wirklich stimmt) herausragend. Dabei ist unklar, wo das schnellste jemals gelaufene 2400 Meter-Rennen stattgefunden hat, denn im Galoppsport werden ja keine Rekordlisten geführt. „Das Guinness Book of Horseracing“ nennt noch eine Zahl von 2:23 Minuten aus den USA, aber die ist veraltet wie das ganze Buch. In Verdacht, die schnellsten Zeiten hervorgebracht zu haben, steht seit jeher der Japan Cup. In dessen Siegerliste stehen drei Mal Zeiten unter 2:23 Minuten: Alkaseed 2:22,1, Horlicks 2:22,2 und Vodka 2:22,4 Minuten. Im Übrigen sind deutsche Galopper ganz gute Rekordläufer. Die schnellsten 2400 Meter in Longchamp und in Ascot, immerhin keine ganz unbedeutenden Rennplätze, gehen auf das Konto von Danedream (2:24,49) bzw. Novellist (2:24,60).

 

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