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Blog: Chefhandicapper Harald Siemen

Auf die richtige Position kommt es an

19. September 2018

Über die Frage, welche Position zu Beginn eines Rennens die aussichtsreichste ist, wird diskutiert seit es Pferderennen gibt. Eine allgemein gültige Antwort hierauf kann es nicht geben, es kommt eben immer darauf an, was in der ersten Phase eines Rennens geschieht. Von entscheidender Bedeutung ist dabei das Anfangstempo. Ist es schnell, maßvoll oder langsam? Schon Federico Tesio hat in seinem grundlegenden Werk „Breeding the Racehorse“ (auf Deutsch unter dem Titel „Rennpferde“ erschienen) postuliert, dass eine Distanz nicht mit dem Metermaß, sondern mit der Stoppuhr gemessen wird und daraus gefolgert, dass derjenige Reiter am erfolgreichsten ist, der am besten die Pace einschätzen kann. Am vorigen Sonntag, beim 134. Deutschen St. Leger in Dortmund, war das definitiv nicht Hector Crouch, der Reiter des englischen Wallachs Brandon Castle. Aber Crouch ist ja auch noch Lehrling, obwohl er schon mehr als hundert Rennen gewonnen hat. Mit Brandon Castle stürmte er los, als sei der Leibhaftige hinter ihm her, das konnte natürlich nicht gutgehen, auch nicht für den nachsetzenden Valajani. Denn die Faustregel zu diesem Thema lautet immer noch „Langsames Tempo – vorne dabei / schnelles Tempo – hinten bleiben.“ Das gilt nicht immer und für jeden Fall, müssen doch auch individuelle Eigenarten des Pferdes beachtet werden, aber grundsätzlich hat es damit seine Richtigkeit. Übrigens hat eine Studie in Australien ergeben, dass alles in allem diejenigen Pferde, die mit der Pace gehen oder nicht weit dahinter 1,8 Mal erfolgreicher sind als statistisch zu erwarten. Pferde, die in hinteren Regionen abwarten, kommen nur auf eine Erfolgsrate von 0,3.
Sweet Thomas ist ein Pferd, das häufig auf Warten geritten wird, am Sonntag lag er in der Gegenseite noch an letzter Stelle, das überzogene Anfangstempo war für ihn also genau richtig, am Ende kam mit 2:56,62 Minuten eine Zeit heraus, die in 134 Jahren nur zweimal unterboten worden ist. Das mag eine Erklärung sein für den Sieg von Sweet Thomas, den als überraschend zu bezeichnen eine der Untertreibungen des Jahres wäre. Eine weitere liegt möglichweise in der Distanz, denn obwohl es für den Sechsjährigen bereits der 36. Lebensstart war und er als ausgemachter Steher erkannt ist, war es doch das erste Mal, dass er auf einer Strecke oberhalb von 2400 Metern lief.

Video: 134. Deutsches St. Leger - Sweet Thomas

Auch hier mag ein Schlüssel zum Erfolg gelegen haben, den wir Handicapper nun bewerten müssen. Seine aktuelle Handicapmarke von 81 Kilo durfte eigentlich vorne und hinten nicht reichen für einen Sieg im St. Leger, auch wenn das Rennen diesmal so schwach besetzt war, wie selten zuvor. Aber immerhin hatten wir im Vorjahr schon einmal eine Leistung von 87,5 kg ausgerechnet, bei seinem zweiten Platz im Grand Prix d´Avenches in der Schweiz. Dass mit Ernesto ein 73-Kilo-Pferd Zweiter wurde, macht die Sache nicht einfacher, als Dreijährigem ist ihm aber eine deutliche Leistungssteigerung zuzutrauen. Wir haben uns schließlich an den Vorleistungen der Pferde auf den Plätzen drei bis fünf orientiert, Moonshiner, Adler und Eddystone Rock. Daraus ergeben sich für Sweet Thomas 91,5 kg (Rating 103). Wer jetzt glaubt, das sei die niedrigste Marke, die je für einen St. Leger-Sieger-Sieger vergeben wurde, der täuscht sich. Als Darsalam 2004 für Tschechien gewann, gab es nur 91 kg.

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An diesem Wochenende wurden neben dem deutschen auch die St. Leger von England und Irland gelaufen, wobei das englische von Doncaster das einzig noch verbliebene ist, das dem ursprünglichen Gedanken folgt, den besten dreijährigen Steher zu ermitteln. In Deutschland und Irland, aber auch in Frankreich und Italien sind schon seit langem auch ältere Pferde zugelassen. In England ist das St. Leger in den letzten Jahren im Ansehen wieder stark gestiegen und auch am vorigen Samstag siegte mit Kew Gardens ein sehr gutes Pferd. Sein Sieg gegen die Favoritin Lah Ti Dar wird voraussichtlich mit 121 bewertet, also 100,5 Kilo.

Video: William Hill St Leger in Doncaster - Kew Gardens

Das St. Leger von Doncaster hat ja inzwischen 272 Jahre auf dem Buckel, es ist das älteste klassische Rennen überhaupt, vier Jahre älter als das Derby. Erzählungen über die Gründung der klassischen Rennen Englands beginnen ja meistens mit einem Treffen adliger Landlords auf irgendeinem Anwesen. So soll es sich auch am Abend des 24. September 1776 verhalten haben, als sich eine Gesellschaft fashionabler Sportsmen im „Red Lion“ am Marktplatz zu Doncaster traf, um einem neuen, am Nachmittag erstmals gelaufenen Rennen mit dem simplen Titel "A Sweepstake of 25 Guineas" einen ordentlichen Namen geben. Der Marquis of Rockingham stand auf und schlug den allseits geachteten Colonel Anthony St. Leger als künftigen Namensträger vor, auf dessen nahegelegenen Besitzung „Park Hill“ man schließlich so häufig gemütliche Stunden verbracht hatte. Auch heute, 272 Jahre später, gibt es noch beides: das St. Leger und den „Red Lion“, wo man einkehren und ab 52 Euro ein Zimmer nehmen kann.

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Der Prix Vermeille ist definitiv nicht das Rennen für deutsche Diana-Siegerinnen. Enora wurde 2010 Elfte, Salomina zwei Jahre später Zwölfte und Penelopa im Jahr 2013 Zehnte. Dazu kommt noch Loisach, die 1974 als erste deutsche Starterin in diesem Gruppe I-Rennen als dritte Favoritin nur Siebte wurde. Und jetzt Well Timed. Auch sie war gut gewettet, dritte Favoritin. Aber das alles half ihr nichts, aus guter Ausgangsposition kam sie in diesem sehr schnell gelaufenen Rennen nicht weiter und schließlich nur auf Rang sechs. Kann sie vielleicht nicht stehen? Oder ist sie einfach nicht gut genug? Die Antwort hierauf wird im Prix de l´Opera gegeben, wenn sie denn dort läuft. Man war auf diese Niederlage ja durchaus vorbereitet, hatten doch alle sechs in Düsseldorf hinter ihr eingekommenen Stuten beim nächsten Start versagt und schon Zweifel am Wert der diesjährigen Diana aufkommen lassen. Dabei war die diesjährige Ausgabe des Prix Vermeille zwar ordentlich, aber doch nicht außergewöhnlich besetzt. Bezeichnet ist, dass Well Timed die einzige Gruppe-I-Siegerin im Feld war, ihr Rating von 110 (95 kg) war das dritthöchste im Feld. Mehr als 90 Kilo war ihr Laufen am Sonntag aber nicht wert.

 

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