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Blog: Chefhandicapper Harald Siemen

Enable ist wieder da

12. September 2018

Hundertzwanzig Tage. So lange darf eine Stute noch Rennen laufen, nachdem sie gedeckt worden ist. Danach geht sie in Mutterschutz. Zu einem Zeitpunkt also, von dem Menschenmütter nur träumen können, aber die machen dann ja auch keinen Leistungssport mehr. Serena Williams, zum Beispiel, war bei ihrem Sieg bei den Australian Open 2017 erst in der achten Woche. Von der 120-Tage-Regel wird im Galoppsport immer wieder einmal Gebrauch gemacht, so am vorigen Sonntag in Düsseldorf von den Besitzern der fünfjährigen Clear Water, der Siegerin im Großen Preis von Engel & Völkers, dem Düsseldorfer Fliegerpreis. Die englische Stute, tragend von Postponed, hat sich sehr beeilt und ist kurz vor Ablauf der Frist noch drei Mal gelaufen. Sogar am vorigen Donnerstag noch, also drei Tage vor ihrem Sieg in Düsseldorf, als sie im englischen Salisbury in einem Handicap unter einer GAG-Marke von 82 kg mit fünf Längen Rückstand auf die Siegerin Dritte wurde. Dass sie unter diesen Umständen in der Lage war, einen Großteil unserer Fliegerelite zu schlagen, kann eigentlich nur noch als peinlich bezeichnet werden. Wir haben uns bei der Bewertung des Rennens an den letzten Leistungen von Schäng und Shining Emerald orientiert und kommen so für Clear Water auf eine gezeigte Leistung von 89 Kilo (Rating 98). Sie hat sich damit also um nicht weniger als sieben Kilo gesteigert, und das drei Tage nach ihrem letzten Start und einer Reise über mehrere hundert Kilometer und den Ärmelkanal nach Düsseldorf.

Video: Großer Preis von Engel & Völkers Düsseldorf (L.) - Clear Water

Aber vielleicht laufen Stuten im Zustand der Trächtigkeit ja schneller. Das jedenfalls ist immer wieder mal zu hören. Als Begründung wird meist angeführt, dass das während der Trächtigkeit vermehrt produzierte Hormon Progesteron positive Auswirkungen auf die Rennleistung hat. Haben nicht viele tragende Stuten große Rennen gewonnen und sich dabei Bestleistungen aufgestellt? Chinese White zum Beispiel, 2010 Siegerin in den G1-Pretty Polly Stakes, oder Indian Queen, die 1991 den G1-Ascot Gold Cup gewann. Diese Diskussionen sollten eigentlich ein Ende haben, denn es liegen jetzt belastbare Fakten zu diesem Thema auf dem Tisch. Im vorigen Jahr ist in der „Thoroughbred Daily News“ eine Studie erschienen, wonach eine Leistungssteigerung bei trächtigen Stuten statistisch nicht festgestellt werden konnte. Für die Studie wurde die Rennleistung von 443 tragenden Stuten mit insgesamt 1549 Starts in den Jahren 2009 bis 2016 untersucht. Im Durchschnitt kam dabei jede Stute auf 3,5 Starts, wobei die Sieg-Quote (strike rate) bei 8,26 Prozent lag. Im Vergleich dazu betrug die Quote bei der gesamten Population der dreijährigen und älteren Stuten in diesem Zeitraum 9,35 Prozent, war also um 11,7 Prozent höher. Dieses Ergebnis kam ziemlich überraschend, hatte man doch allgemein mit einem anderen Resultat gerechnet, auch weil man glaubte erwarten zu dürfen, dass sich in der Gruppe der tragenden Stuten eine positive Vorauswahl hinsichtlich ihrer Qualität bemerkbar machen würde.
Das ist aber nicht eingetreten. Von den 443 tragenden Stuten konnten nur 67 ihre bisherigen Leistungen verbessern (15,1 Prozent), wobei als Referenz für „Leistungssteigerung“ die Ratings der „Racing Post“ herangezogen wurden. 13 Stuten verbesserten ihre Leistung um 10 Pfund oder mehr, die höchste Zunahme belief sich auf 23 Pfund. Die Verbesserung bei er Düsseldorfer Siegerin Clear Water ist also durchaus bedeutend, sie beträgt nach unseren Zahlen 14 Pfund.

* * *

Die alte Boxerweisheit „They never come back“ gilt ja mehr oder weniger auch im Galopprennsport. Hat ein Pferd erst mal einen Knax weg, dann kommt es fast nie wieder auf die alte Höhe. Manchmal aber gelingt es doch. Der nicht zuletzt durch den Film „Seabiscuit – mit dem Willen zum Erfolg“ bekannteste Fall dieser Art dürfte derjenige von Seabiscuit sein, der beim Comeback nach einer Sehnenverletzung das Santa Anita Handicap gewann, es war einer seiner größten Siege. Aber auch Luigi fällt mir ein, der nach seinem Derbysieg im Jahre 1988 fast zehn Monate pausieren musste und danach auf Anhieb den Gerling-Preis gewann. Und nun Enable. Im April schockte die Nachricht von einer Knieverletzung die Rennsportwelt, die Titelverteidigung im Prix de l´Arc de Triomphe schien in weite Ferne gerückt. Am Samstag, nach einer Pause von 342 Tagen, erschien sie wieder an der Öffentlichkeit und präsentierte sich bei ihrem Sieg in den G3-September Stakes von Kempton Park als dieselbe Kraftmaschine wie im Vorjahr, als sie in den größten Rennen Europas mit ihren Gegnern nur so spielte.

Video: September Stakes Kempton Park (Gr. III) - Enable

Das Besondere an diesem Comeback war ja, dass es nicht etwa das gut ausgesuchte, leichte Rennen war, das man sich vielleicht vorgestellt hatte, sondern dass sie mit Crystal Ocean einen Gegner von größtem Kaliber vorgesetzt bekam. Der hatte zuletzt in einem epischen Duell mit Poet´s Word in den King George and Queen Elizabeth Stakes sein Rating auf 128 (104 kg) hochgeschraubt, also exakt die Marke, die auch für Enable am Ende des Vorjahres zu Buche stand. Gut – Enable bekam von Crystal Ocean außer den drei Pfund Stutenerlaubnis zusätzlich noch fünf Pfund, stand also insgesamt acht Pfund günstiger im Rennen. Unter Berücksichtigung der langen Rennpause war es aber trotzdem eine große Aufgabe. Obwohl nur vier Pferde liefen ging es richtig zur Sache, in der Zielgeraden entfernten sich Enable und Crystal Ocean auf nicht weniger als 17 Längen von den beiden anderen Pferden im Rennen, zwei ordentlichen Handicappern. Als ich danach das Rennen analysierte, kam ich zu dem verblüffenden Ergebnis, dass alle vier Teilnehmer exakt ihre aktuelle Handicapmarke eingestellt hatten: Enable und Crystal Ocean jeweils 128, Cribbs Causeway 95, Peak Princess 93.
Die Rennbahn von Kempton Park ist ja erst vor 12 Jahren aufwendig saniert worden, dabei wurde das Grasgeläuf auf der Flachbahn durch eine Polytrack-Piste ersetzt. Für die am südwestlichen Rand von London gelegene Bahn war der Sieg von Enable einer der Highlights im 140. Jahr ihres Bestehens. Dabei hat die Rennbahn ein auch bei uns bestens bekanntes Problem: sie soll verkauft werden, 3000 Wohnungen sollen dort entstehen, der englische Jockey Club als Eigentümer erwartet einen Erlös von 600 Millionen Pfund. Natürlich gibt es Protest gegen eine Schließung, vor allem von den Freunden des Hindernissports, denn Kempton Park veranstaltet vor allem große Hindernisrennen, von denen die am zweiten Weihnachtstag gelaufene King George VI. Chase am populärsten ist. Für den echten britischen Sportsfreund bildet dieses Rennen den Höhepunkt eines jeden Weihnachtsfestes - trotz Santa Claus und Christmas Pudding.

 

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