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Handicapper-Blog

Chefhandicapper Harald Siemen spricht hier über Aktuelles zum Thema Handicappen.

30. November 2016

A

m Mittwoch voriger Woche fand im Kölner Direktorium ein Handicapper-Seminar der European and Mediterranian Horseracing Federation (EMHF) statt. In dieser Organisation sind zahlreiche „Schwellenländer“ des europäischen und mediterranen Galoppsports organisiert, die zwanzig Teilnehmer kamen aus Marokko, der Türkei, der Niederlande, der Schweiz, Ungarn, Tschechien, Polen, Litauen und den Channel Islands. Christoph von Gumppenberg und ich waren auch da, ebenso Rennleitungschef Frank Becker, er wollte mal gucken, wie die Ausgleicher so arbeiten. Leiter des Seminars war Phil Smith, der Chef-Handicapper aus England. Smith war in seinem früheren Leben Mathematiklehrer (alle Handicapper haben ein früheres Leben), mit entsprechendem pädagogischem Geschick konnte er den Stoff dann auch vermitteln, soweit es die unterschiedlich entwickelten Englischkenntnisse der Teilnehmer gestatteten.
Zunächst kamen die allgemeinen Prinzipien des Handicappens zur Sprache, sie sind mehr oder weniger in jedem Land gleich oder zumindest ähnlich. Unterschiede wurden deutlich, als die britische Methode im Umgang mit Aufgewicht und Nachlass in Handicaps zur Sprache kam. Bei uns in Deutschland (und auch in vielen anderen Ländern) richten sich Aufgewicht und Nachlass vor allem danach, auf welchem Platz das Pferd im Ziel landet. Sieger erhalten Aufgewicht, Platzierte behalten ihre Marke, Unplatzierte erhalten Nachlass. Das ist, ganz grob gesagt, das deutsche System. Es ist relativ einfach und durch jahrzehntelange Übung hat sich auch jeder daran gewöhnt.
Beim britischen System entscheidet neben der Platzierung auch die dabei gezeigte Leistung. Es dürfte alles in allem etwas genauer sein, aber auch komplizierter. Hier als Beispiel die Rechnung, wenn im Ausgleich I am 23. Oktober in Baden-Baden die englische Methode zur Anwendung gekommen wäre: 

Baden-Baden, 23.10.2016
Pferd Abstände getragenes Gewicht gezeigte Leistung GAG voher GAG nachher
Be Famous
55,0 82,0 80,0 82,0
Sweet Thomas Hals 52,0 77,0 76,0 77,0
Jungleboogie 1 1/4 60,5 84,5 84,5 84,5
Northern Rock Kopf 63,5 87,5 87,5 87,5
Empoli 3 1/2 59,5 81,0 83,5 83,0
Tim Rocco 12 60,0 72,5 84,0 83,0
Agosteo 32 54,5 46,0 78,5 77,0

Ausgangspunkt der Rechnung ist das drittplatzierte Pferd Jungleboogie, weil er über eine sehr zuverlässige Form verfügt. Der Sieger Be Famous, von mir mit drei Kilo belastet, käme nach dieser Rechnung mit zwei Kilo Aufgewicht davon, dafür handelt sich aber auch der Zweite Sweet Thomas ein Kilo ein. Das ist überhaupt die allgemeine Tendenz bei dieser Methode, dass nämlich die Sieger etwas besser wegkommen, dafür aber auch die Platzierten mit einem Aufgewicht bedacht werden. In seltenen Fällen vergeben meine Kollegen und ich auch in unserem jetzigen System schon einmal ein kleines Aufgewicht für einen zweiten Platz im Handicap, was aber – wie ich aus Erfahrung weiß – sehr unpopulär ist.

Seminarleiter Phil Smith
Seminarleiter Phil Smith

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Einmal war ich beim Japan Cup dabei, das war 1982, ist also schon eine Weile her. Es war eine angenehme Reisegruppe damals, Bernd Albers, Otto-Werner Seiler, Werner Schmeer, Dietmar Plautz und Hans-Heinrich Burkatzky fallen mir als Teilnehmer noch ein. Für Deutschland war Pageno aus dem Stall von Ossi Langner am Start, er wurde Letzter, Sieger war der Amerikaner Half Iced. Erst ein Jahr vorher war das Rennen gegründet worden, es sollte zum Symbol für den rasanten Aufstieg der japanischen Vollblutzucht und des dortigen Rennsports werden. Japanische Rennpferde standen damals nicht gerade in hohem Ansehen, die wenigen japanischen Pferde, die den internationalen Vergleich suchten, brachten nicht viel zuwege. Das sollte sich schnell ändern, und heute ist es so, dass die Besitzer aus dem Rest der Welt schon froh sind, wenn ihre Pferde im Japan Cup überhaupt auf die Plätze sechs bis zehn laufen und so ein „Teilnahmegeld“ gewinnen. Das schaffte jetzt auch Iquitos mit seinem siebten Platz, er schien mit seinem gewohnten Schussangriff kurz sogar weiter zu kommen, zum vierten Platz fehlte ja auch nur eine halbe Länge. Als Handicapper wird man das Rennen über den Zweiten Sounds of Earth rechnen müssen, der mit einer Vorleistung von 118 (99 kg) ins Rennen ging. Danach hat sich der Sieger Kitasan Black um anderthalb Kilo auf 122 (101 kg) verbessert, Iquitos kommt demnach auf 116 (98 kg), verfehlte seine Bestleistung aus dem Großen Preis von Baden also um ein Kilo. Nightflower blieb als Zwölfte mit 106 (93 kg) unter ihren Möglichkeiten.

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In der nächsten Woche erscheint hier kein Beitrag, da ich zum Handicapper-Meeting in Hongkong unterwegs bin.

 

 
 

23. November 2016

J

ohn Henry Rous war ein Seemann, er brachte es in der British Royal Navy bis zum Admiral. Als er 1841 im Alter von 46 Jahren ins House of Commons gewählt wurde, gab er das Seefahren auf und widmete sich ganz dem Galoppsport. Seine große Leidenschaft war das Handicappen, für das er geradezu eine Obsession entwickelte. Er tüftelte die erste Altersgewichtabelle aus, erstmals 1850 in seinem Buch “On the Laws and Principles of Horse Racing“ erschienen. Es ist jenes tabellarische Zahlenwerk, das Rennpferde verschiedenen Alters unter Berücksichtigung von Jahreszeit und Renndistanz verschiedene Gewichte zuordnet, um deren unterschiedlichen Reifeprozess auszugleichen. Das klingt kompliziert, ist es wohl auch, und es steht deshalb geradezu als Synonym für die angebliche Kompliziertheit dieses Sports. Viele scheren sich deshalb auch einen Teufel um diese Tabelle und deren Bedeutung, und tatsächlich: der durchschnittliche Rennbahnbesucher kommt, ohne Einbußen am Genuss einer Rennveranstaltung befürchten zu müssen, auch ohne sie aus.

Für den Profi dagegen ist die Altersgewichtstabelle von Bedeutung, schließlich ist sie Grundlage für die Arbeit des Handicappers. Es spricht für die nur als genial zu bezeichnende Arbeit von Rous, dass sie noch 166 Jahre nach ihrer Erfindung in verschiedener Ausprägung auf der ganzen Welt in Gebrauch ist. Gewiss, seit die Tabelle erstmals erschienen ist, wurde sie verschiedentlich angepasst, revidiert und erweitert (am häufigsten von Rous selbst), aber das von ihm ersonnene System und dessen Anwendung ist bis heute unverändert. 

Nun aber steht eine neue Modifikation an, die ab dem 1. Januar 2017 Gültigkeit erlangen wird – und zwar einheitlich für alle im europäischen Pattern-Race-System vereinten Länder. Grund für Änderung war das Gefühl, das dann durch nachfolgende statistische Auswertungen im Wesentlichen bestätigt worden ist, dass die Dreijährigen in Europa in der zweiten Jahreshälfte über längere Distanzen einen ungerechtfertigten Vorteil gegenüber den vierjährigen und älteren Pferden haben. Nach langen Vorarbeiten fand schließlich am 19. April dieses Jahres bei France-Galop in Paris ein Treffen der europäischen Handicapper statt, bei dem die Änderungen festgelegt wurden. Ich habe seinerzeit daran teilgenommen und konnte zusammen mit meinem französischen Kollegen erreichen, dass weiter gehende Vorschläge von englischer und irischer Seite keine Umsetzung gefunden haben. (Die Erfolgsrate der Dreijährigen in England/Irland lag etwas höher als in Frankreich und Deutschland.) 

Die neue Altersgewichtstabelle läutet also keine Revolution ein, die geringfügigen Änderungen wurden bereits im Wochenrennkalender Nr. 32 veröffentlicht. Zusammenfassend kann gesagt werden, dass die Dreijährigen gegenüber den Älteren künftig ab Monat Juli über Distanzen von 1800 Meter bis 2400 Meter ein halbes Kilo, über Distanzen von mehr als 2400 Metern maximal anderthalb Kilo ungünstiger stehen werden. Für den Großen Preis von Berlin zum Beispiel bedeutet dies, dass die Dreijährigen dort künftig nur noch viereinhalb Kilo statt bisher fünf Kilo Erlaubnis haben.

Henry John Rous (* 23. Januar 1795; † 19. Juni 1877)
Henry John Rous (* 23. Januar 1795; † 19. Juni 1877)
 

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Z

u diesem Thema passt die Diskussionsrunde zum Thema Handicappen, an der ich vor einigen Wochen beim „Vollblut-Experten-Tag“ der Besitzervereinigung im Hotel Courtyard by Marriott in Hannover teilgenommen habe. Nicht unerwartet stand die Einschätzung der Dreijährigen im Mittelpunkt der Kritik. Zu den Anforderungen, die man an einen Handicapper stellt gehört ja, dass er unempfindlich gegen Kritik sein soll, auch das sagte schon der alte John Henry Rous. So kann ich zwar verstehen, dass gerade dieser Gegenstand (also die Einschätzung der Dreijährigen, nicht die Unempfindlichkeit gegenüber Kritik) offenbar immer wieder die Gemüter erregt, da das eigene Pferd ja oft mit anderen Augen gesehen wird. Gleichwohl findet der auch in Hannover wieder erhobene Vorwurf, wonach „alle“ Dreijährigen zu hoch eingestuft werden, durch die Fakten keine Bestätigung. Aber in Zeiten, in denen „gefühlte Wahrheiten“ häufig mehr zählen als Tatsachen, hat es die Wirklichkeit manchmal schwer. 

Also: In diesem Jahr hat es auf der Grasbahn 261 Handicaps unter der Teilnahme von Dreijährigen gegeben, von den 2732 Startern in diesen Rennen waren 485 dreijährig. Statistisch war demnach zu erwarten, dass die Dreijährigen 17,8 Prozent der Rennen gewinnen würden. Tatsächlich lag ihre Erfolgsquote aber bei 18,8 Prozent, sie waren also leicht überproportional erfolgreich. Zugegeben, im Einzelfall liegt man als Handicapper schon mal falsch, wir korrigieren das dann, sobald das erkennbar wird. Lord Oaksey hat in einem Artikel für den „Observer“ sogar einmal behauptet, dass die Handicapper – gemessen an der Zielsetzung, nämlich totes Rennen zwischen allen Startern – eigentlich nie etwas richtig machen. So weit möchte ich dann allerdings doch nicht gehen.

 

 
 

16. November 2016

A

m Freitag hat in Neuss die neue Sandbahnsaison begonnen. Für uns Handicapper, in erster Linie für meinen Kollegen Christoph von Gumppenberg, der die Sandbahnrennen regelmäßig besucht, heißt es jetzt wieder Längen zählen, denn das Geläuf in Neuss und auch in Dortmund ist sehr selektiv, im Ziel sind die Abstände zwischen den Pferden häufig sehr groß. Bei der Berechnung der Rennen halbieren wir deshalb auch die Abstände, so werden aus vier Längen zwei, aus sechs Längen drei usw.
Für Sandbahnrennen wird bekanntlich ein eigenes Handicap geführt, seit dem 1. November 2005 ist das so. Diese Maßnahme hat sich bewährt, denn die Leistungen mancher Pferde sind doch häufig sehr unterschiedlich, je nachdem, ob auf Gras oder auf Sand gelaufen wird. Diplomat zum Beispiel hat als Gruppe-II-Sieger ein aktuelles GAG von 94,5 kg, auf Sand steht er bei 62 kg. Diese Marke hat er sich 2015 und 2016 durch drei Starts in Dortmund „verdient“, und er könnte damit, wenn sein Besitzer nach den gemachten Erfahrungen noch Spaß daran hätte, im Ausgleich III oder sogar im Ausgleich IV laufen.
Um an eine „garantierte“ Sandmarke wie Diplomat zu gelangen, muss ein Pferd allerdings entweder auf Sand gewinnen oder mindestens drei Mal laufen, es gelten also dieselben Regeln, wie bei der Erlangung einer Marke auf Gras. Da aber nach drei Starts die Sandbahnsaison schon halb zu Ende sein dürfte, besteht auch die Möglichkeit, sofort in einem Sandbahnhandicap zu laufen, dann allerdings mit dem aktuellen Gras-GAG. Ist das Pferd damit unplatziert, bekommt es anderthalb Kilo Nachlass, beim zweiten unplatzierten Start noch einmal zweieinhalb bis drei Kilo, und erst nach dem dritten Start wird die Sandmarke ausschließlich aus den Ergebnissen der drei Sandbahnstarts gebildet und dann auch veröffentlicht. Daraus folgt, dass ein Pferd, das sofort beim Sandbahndebüt gewinnt, eine Marke bekommen muss, die nicht niedriger als sein Gras-GAG sein kann. Hierüber existieren verschiedentlich falsche Vorstellungen. Wenn z.B. ein 75-Kilo-Pferd beim ersten Sandstart mit zehn Längen gegen 55-Kilo-Pferde gewinnt (ähnliches kommt vor), dann wird seine „gezeigte“ Leistung in diesem Rennen zwar nur maximal 65 kg sein, es wird aber trotzdem – auch auf Sand – erst einmal bei 75 kg stehen bleiben. „Das war doch niemals 75 wert!“, bekomme ich dann zu hören. Richtig, sage ich, aber soll ich das Pferd zehn Kilo runternehmen, nur weil es das Glück hatte, schwache Gegner zu treffen? Es musste eben „nicht mehr zeigen“, wie wir Handicapper sagen.

Beginn der Sandbahnsaison in Neuss  © Marc Rühl
Beginn der Sandbahnsaison in Neuss © Marc Rühl

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Da ich neben meiner Tätigkeit als Ausgleicher auch noch einen Posten in der Rennbahnprüfungskommission habe, hier noch ein Wort über das Sandbahngeläuf in Neuss und Dortmund. Die Vereinigung der Besitzertrainer hat in einem offenen Brief in der “Sport-Welt“ harte Kritik an deren Zustand geäußert, die „Sport-Welt“ selbst hat das aufgegriffen und meint, „eine Bahn mit Tapeta-Belag sollte reichen“ (also entweder in Neuss oder in Dortmund). Nun ja, Tapeta. Es wurde von dem seit dreißig Jahren in Amerika tätigen, ehemaligen NH-Championtrainer Michael Dickinson entwickelt und besteht aus einer Mischung von Sand, Textilfasern, Gummi und Wachs. In Amerika hat sich der Belag nicht durchgesetzt, auch Meydan hat ihn wieder entfernt. In England sind die Bahnen in Wolverhampton und neuerdings auch in Newcastle damit ausgestattet, auch Toronto (Woodbine) hat vor zwei Jahren von Polytrack auf Tapeta umgerüstet. Tapeta verursacht kein Kickback, ist freundlich zu Pferdebeinen und garantiert Rennverläufe und Ergebnisse, die mit denjenigen auf der Grasbahn vergleichbar sind. Getrennte Handicaps könnte man dann vergessen. Der Belag verlangt aber sehr sorgfältige und aufwändige Pflege und ist bei starkem Frost nicht so einfach offen zu halten wie eine Sandbahn. Und: Tapeta ist teuer, womit das Thema für Deutschland eigentlich erledigt sein sollte.

Den englischen Hindernissport verfolge ich nicht sehr intensiv, es gibt für den Handicapper auch nur wenige Verbindungen zum Sport in Deutschland, soweit dieser überhaupt noch existiert. Rennen von Sprinter Sacre habe ich (am Bildschirm) aber nur selten versäumt. Wenn dieses wunderbare Pferd über die schweren Hindernisse flog und sich dann von seinen Gegnern verabschiedete, war das auch ästhetisch immer ein Genuss. Es erinnerte an Pferde wie Toronja, Tangelo oder Registano, die besten Hindernispferde, die ich in Deutschland gesehen habe. Aber das liegt alles weit zurück.
Sprinter Sacre erhielt von den britischen Handicappern als bestes Rating 188, nach Kauto Star (190) das höchste seit den Zeiten von Arkle in den Sechziger Jahren. Seine beste Leistung war wohl der 19-Längen-Sieg in der Queen Mother Champion Chase 2013 in Cheltenham. Für das englische Rennsportpublikum, das gerade seine großen Hindernispferde auf eine ganz eigene und einnehmende Art verehrt, war es ein großer Schock, als Sprinter Sacre am zweiten Weihnachtstag 2013 in Kempton Park, nach zehn Siegen in Folge mit zusammengerechnet 124 Längen Vorsprung, nach halber Distanz angehalten werden musste – Herzrhytmusstörungen. Aber er kämpfte sich zurück und seine größte Stunde kam im März diesen Jahres in Cheltenham, als er, woran kaum noch jemand geglaubt hatte, die Champion Chase ein zweites Mal gewinnen konnte. „Aus den sich vereinigenden Anfeuerungsrufen der englischen und irischen Zuschauer konnte man nur den einen, tief empfundenen Wunsch heraushören, dass dieses Pferd gewinnen möge“, schrieb die „Racing Post“ jetzt in einer Würdigung. Wie am Sonntag bekannt gegeben, hat dieses außergewöhnliche Pferd, ein Sohn des Union-Siegers und Monsun-Sohnes Network, jetzt im Alter von zehn Jahren seine Rennlaufbahn aufgrund einer im Training erlittenen Verletzung beenden müssen.

Video: Sprinter Sacre - The Season A Champion Resurrected

 

 
 

9. November 2016

Gelegentlich werde ich gefragt, ob ich denn bei der Festlegung der Gewichte einen schlechten Rennverlauf, eine Behinderung oder andere Unwägbarkeiten berücksichtige. Nein, in fast allen Fällen tue ich das nicht, oder doch nur in sehr geringem Maße. Denn wir Handicapper können ja schließlich nur das bewerten, was das Pferd gezeigt hat und nicht das, was es vielleicht hätte zeigen können. 

Glück und Pech beim Rennverlauf gleichen sich auf lange Sicht ohnehin aus. So wie das jetzt bei Colomano der Fall war, den Sieger im Ratibor-Rennen am vorigen Sonntag in Krefeld. Zuvor im Preis des Winterfavoriten war er ganz außen, hart am Zaun, in eine wirklich bedrohliche Situation geraten und fast von den Beinen gekommen. Dass er es danach noch auf den fünften Platz geschafft hat, nur fünf Längen hinter dem Sieger Langtang, brachte ihm nichts ein, außer zwei dicken Pluszeichen hinter seinem Rating für diese Leistung (89++). 

Nach seinem Sieg in Krefeld ist das ohnehin vergessen, denn diesmal tat sich in der Zielgeraden eine Lücke auf, durch die ein Möbelwagen gepasst hätte und durch die der Hengst zu einem beeindruckenden Sieg galoppierte. Im Übrigen wurde die Winterfavoriten-Form ein wenig durcheinander geschüttelt. 

Real Value, in Köln noch Dritter, wurde Vorletzter; Enjoy Vijay dagegen korrigierte seinen letzten Platz in Köln (auch er wurde dort behindert) mit einem dritten Platz. Das macht die Rechnung für das Rennen nicht einfacher. Wir glauben aber, dass die Qualität im Ratibor-Rennen mindestens an die aus dem Winterfavoriten heranreicht. 

Das sagt nicht nur die historische Perspektive, sondern das sagen auch die Vorformen der Platzierten, so dass wir auch Colomano, wie zuvor schon Langtang und Skarino Gold, ein GAG von 94,5 kg (Rating 109) gegeben haben.

Video aus Krefeld: Herzog von Ratibor-Rennen Krefeld (Gruppe 3) - Sieger: Colomano

 

 
 

Video aus Krefeld: Niederrhein-Pokal (Gruppe 3) - Siegerin: Amazona

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erzeit hat es ja den Anschein, als erlebe die Taktik des Vorneweggehens durch den Stall Schlenderhan/Ullmann eine Renaissance. Nahezu alle großen Siege in letzter Zeit kamen Start-Ziel zustande, ob durch Ito, Guignol oder Savoir Vivre (in Deauville). Und nun auch noch Amazona, die im Niederrhein-Pokal am Sonntag, resolut nach vorne geschickt, nie in Gefahr geriet und beim letzten Start ihrer Laufbahn eine neue Bestleistung zeigte – 94,5 kg. 

Dieses Rating ist über die nach ihr Platzierten Palace Prince und Devastar gut abgesichert. Selbst nach Schlenderhaner Maßstäben sollte Amazona als Mutterstute eine herausragende Stellung einnehmen, stammt sie doch von Dubawi aus der Diana-Siegerin und Monsun-Tochter Amarette. Die Monsun-Festspiele gehen also weiter.

 

 
 

14-9-2-3. Das ist nicht etwa der Tipp für die nächste Viererwette, sondern die bisherige Rennbilanz von Potemkin. Vierzehn Starts, neun Siege, zwei Zweite und drei Dritte Plätze, eine nur selten anzutreffende Formkonstanz, zumal auf diesem Niveau. 

Er ist jetzt sogar Gruppe-I-Sieger, auch wenn der Premio Roma nicht zu den am schwersten zu gewinnenden Rennen dieser Kategorie zählt. Deutsche Ställe waren in den letzten 12 Jahren fünf Mal erfolgreich, zuletzt vor drei Jahren mit Feuerblitz (Rating 116/98 kg), davor waren es Zazou (99 kg), Estejo (96,5) und zwei Mal Soldier Hollow (jeweils 98). 

In diesen Regionen wird auch Potemkins Sieg einzuordnen sein. Elliptique, der Dallmayr-Sieger, als Dritter mehr als sieben Längen geschlagen, lief klar unter Form. Der knapp dahinter auf Platz vier eingekommene Wireless zeigt dagegen recht konstante Leistungen um die 91 kg. 

Darüber berechnet ergeben sich 96 kg (Rating 112) für den Zweiten Robin of Navan, der seine diesjährige Bestmarke damit um drei Pfund steigerte, im Vorjahr allerdings schon einmal bei 96 kg stand. Potemkin kommt danach auf 97,5 kg (115), also jene Marke, die er auch bei seinem Sieg im Prix Dollar erreicht hatte. 

Es soll für ihn jetzt in den Hongkong Cup gehen, wo gewiss ein paar 100-Kilo-Pferde auf ihn warten. Wenn danach seine makellose Formkurve immer noch intakt ist, könnte er sogar ein aussichtsreicher Anwärter für den Titel „Pferd des Jahres“ sein.

Video: Potemkin bei seinem Gruppe 1-Sieg im Premio Roma 2016

 

Breeders' Cup 2016
 
 

Breeders' Cup Classic

Man fragt sich ja manchmal, oder wird gefragt, bei welchem Pferderennen man gerne dabei gewesen wäre, wenn man die Wahl hätte. Also – ich wäre gerne am vorigen Samstag in Santa Anita Park gewesen, beim Breeders´ Cup Classic. 

Da Wünschen heute aber nicht mehr hilft, musste ich mich mit dem begnügen, was ich am frühen Sonntagmorgen um 1:45 Uhr auf dem Bildschirm gesehen habe: Eines der größten Rennen überhaupt, vergleichbar mit den legendären Duellen zwischen Grundy und Bustino in den King George 1975, Affirmed und Alydar in den Belmont Stakes 1978, oder mit dem Alleingang von Secretariat in den Belmont Stakes 1973. 

Damit ein Ereignis als etwas Besonderes wahrgenommen wird, bedarf es einer gewissen Dramaturgie. Diese lag hier zum einen in dem Aufeinandertreffen zweier außergewöhnlich guter Pferde, laut aktueller Weltrangliste die Nummern eins und zwei, zum anderen im Rennverlauf. 

Als California Chrome in der Gegenseite geradezu majestätisch vor seinen Gegnern dahinsegelte, da fand sich selbst Arrogates Trainer Bob Baffert, wie er später gestand, innerlich schon mit dem zweiten Platz ab („werden wir eben Zweiter“). In der Zielgeraden schien „Chromie“, wie ihn seine Fans nennen, den Angriff seines Gegners schon abgewehrt haben, als dieser plötzlich noch einmal ungeahnte Energien frei machte und sich mit immer länger werdenden Galoppsprüngen auf den letzten Metern noch an seinem Rivalen vorbeischob. 

Als Folge dieses Duells wurde aus dem Rest des Feldes, das ausnahmslos aus gestandenen Gruppe-I-Pferde bestand, regelrecht Kleinholz gemacht, es folgte mit mehr als zehn Längen Rückstand und wurde kaum wahrgenommen. Dieser große Abstand erlaubt es dem Handicapper auch, große Zahlen zu schreiben. 

Wie diese genau aussehen, wird in der nächsten Weltrangliste zu sehen sein, die morgen, am 10. November erscheint. Unter 107 kg (Rating 134) wird es nicht abgehen, das kann ich jetzt schon sagen.

Video: Der dreijährige Arrogate aus dem Besitz von Khalid Abdullah schlägt den heißen 19:10 Favoriten California Chrome im mit 6 Millionen Dollar dotierten Breeders' Cup Classic (Gr.1) über 2011 Meter

Breeders' Cup Turf

D

ie Grasbahn von Santa Anita Park gilt als eine der schnellsten der Welt, im Frühjahr hat man das Geläuf noch einmal erneuert und frisch eingesät. Die Website „Guinness World Records“ nennt als Weltrekord für die 2400-Meter-Strecke eine Zeit von 2:22,80 Minuten, aufgestellt am 14. Oktober 1989 durch den dreijährigen Hawkser in – Santa Anita. 

Highland Reel ist bei seinem Sieg im Breeders´Cup Turf in 2:23,00 Minuten diesem Rekord ziemlich nahe gekommen, hat die 2400 Meter in einer Durchschnittsgeschwindigkeit von mehr als 60 km/h zurückgelegt. Dabei hat er nahezu das ganze Rennen von vorne aus bestritten, das letzte Drittel davon ziemlich isoliert von den anderen, nachdem Seamus Heffernan ihn Ende der Gegenseite auf acht bis neun Längen vor das Feld geschickt hatte. 

Die Sorglosigkeit seiner Gegner war schon erstaunlich, hatte Highland Reel mit ähnlicher Taktik im Sommer doch schon die King George VI. and Queen Elizabeth Stakes in Ascot gewonnen. Seine Marke von 122 (101 kg) hat der Hengst mit diesem Sieg noch einmal geringfügig gesteigert, es wird wohl auf 123 (101,5 kg) hinauslaufen. 

Die Saison, die dieses außergewöhnlich harte Pferd bisher schon nach Dubai, Hongkong und Kalifornien geführt hat, ist damit aber noch nicht beendet. Sein Trainer nennt den Japan Cup oder ein Rennen in Hongkong als nächstes Ziel. Oder beide.

Video: Highland Reel bei seinem Sieg im 2016 Longines Breeders' Cup Turf (Gr.1)

 

 
 
 

Melbourne Cup 2016

Ich weiß, dieser Blog hat Überlänge. Aber dies muss noch sein. Vor allem Anhängern des Spruches „Für den Sieg gibt es keinen Ersatz“ sei dieses 45-Sekunden-Video empfohlen, das sich zu einem Hit im Netz entwickelt hat. 

Aidan Shiels, Mitbesitzer von Heartbreak City, wurde über den zweiten Platz seines Pferdes im Melbourne Cup schier verrückt vor Freude und brachte dabei sogar einen völlig verdutzten Reporter in Not.

 
 
 

03. November 2016

F

ür den Einsatz eines Pacemakers beim Pferderennen gibt es keine Gebrauchsanweisung. Er soll, im günstigsten Fall, seinen Stallgefährten zum Sieg verhelfen indem er für ordentliches Tempo sorgt, daher sein Name. Was sich einfach anhört, ist aber durchaus kompliziert. Zum einen muss der Pacemaker selbst über das richtige Maß an Können verfügen (nicht zu wenig, nicht zu viel), zum anderen muss sein Reiter auch das richtige Tempo anschlagen. Es nützt wenig, wie von der Tarantel gestochen vorneweg zu jagen, zu langsam darf es aber erst recht nicht sein. Dies vorausgeschickt, machte Michael Cadeddu am Dienstag bei seinem Schock-Sieg im Großen Preis von Bayern alles richtig, wobei freilich offen bleibt, ob er mit Guignol tatsächlich als Pacemaker ins Rennen geschickt wurde. Sein Besitzer versicherte, allerdings erst nach dem Rennen, dem Reiter freie Hand in der Gestaltung des Rennverlaufs gelassen zu haben. Von Bedeutung ist dies nicht, denn Guignol wurde vom Publikum als Pacemaker wahrgenommen (zweite Farbe, Toto 335:10) und de facto war er es ja auch. Jedenfalls bis Ende gegenüber. Bis dahin führte er in gleichmäßig zügigem Tempo mit drei bis vier Längen vor der „ersten Farbe“, dem Stallgefährten Savoir Vivre und ich hatte das gute Gefühl, ein reell gelaufenes Rennen zu sehen. Dann aber geschah etwas Unerwartetes. Ohne ersichtliche Anstrengung von Seiten seines Reiters vergrößerte Guignol den Vorsprung auf zehn Längen, und bis die Gegner, insbesondere die Reiter der Godolphin-Pferde, richtig mit der Arbeit anfingen, war die Zielgerade erreicht. Von diesem Terraingewinn konnte Guignol bis ins Ziel gut leben.
Was soll man als Handicapper mit so einem Ergebnis nun anfangen? Da versammelt sich an der Startstelle ein Feld von erlesener Qualität, das Beste, was auf einer deutschen Rennbahn in diesem Jahr geboten wurde. Und dann gewinnt, wenn auch vielleicht nicht der erklärte Pacemaker, so doch in jedem Fall die „zweite Farbe“. Ein Pferd mit einer bisherigen Bestleistung von 94 kg. Nur der überforderte Girolamo stand noch unter ihm, fast die Hälfte seiner Gegner aber traten mit Ratings von 100 kg oder nicht weit darunter an. Als erstes dreht man jeden Stein um, vielleicht liegt darunter ja ein bisher noch erkanntes Geheimnis für den überraschenden Sieg. Was ist da zu finden? Für einen bald Fünfjährigen ist Guignol noch relativ unverbraucht, es war erst sein neunter Start; bei seinem Debüt als Dreijähriger hat er den späteren Derbysieger Nutan geschlagen; und schließlich könnte in der Taktik des konsequenten Gehens des Rätsels Lösung liegen. Bei der Bewertung des Ergebnisses bieten sich also zwei Sichtweisen an: Entweder hat Guignol sich enorm gesteigert, oder Michael Cadeddu hat ein Kaninchen aus dem Hut gezaubert. Bis zum Vorliegen neuer Erkenntnisse neigen wir zu Ersterem und haben Guignol vorerst mit einem GAG von 99 kg (Rating 118) ausgestattet.

Video: n-tv Beitrag GERMAN RACING Champions League: Pastorius Großer Preis von Bayern

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Der Stall Ullmann hat ja gute Erfahrungen mit Pacemakern gemacht, auch wenn diese schon einige Zeit zurück liegen. So erhielt Tiger Hill nicht selten ein Helferlein namens Saugerties zugeteilt, einmal, im Großen Dallmayr-Preis, hätte er fast gewonnen. Erfahrene Rennbahnbesucher erinnern sich auch noch an Landos treuen Knappen Embarcadero. Manchmal, wenn Lando einen schlechten Tag hatte (das heißt: wenn der Boden weich war), landete er sogar vor seinem Herrn und Meister. Danach kam der Pacemaker hier wieder aus der Mode, bis Baron Ullmann den braven Next Vision 2010 als Tempomacher für Wiener Walzer im Prix d´Ispahan einsetzte. Denselben Next Vision mietete Dr. Christoph Berglar zwei Jahre später einmal für sechs Tage an, um Novellist zu helfen, den Großen Preis von Baden2012 zu gewinnen. Leider war sein Reiter der Situation nicht gewachsen, legte nur ein Bummeltempo vor, Novellist wurde Vierter.
In der Liste der Pferde, die als Pacemaker Gruppe-I-Rennen gewonnen haben, findet man auch Guignols Vater Cape Cross, 1998 in Godolphins zweiter Farbe in den G1-Lockinge Stakes erfolgreich. Und Maroof, der 1994 für Hamdan Al Maktoum als 66:1-Außenseiter die Queen Elizabeth II. Stakes gewann und mit dieser Pacemaker-Leistung zu Europas Champion-Meiler aufstieg. Sieben Jahre später war im gleichen Rennen erneut der „Hase“ erfolgreich, als Summoner gegen Barathea gewann, beide Pferde gehörten Godolphin.

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Als der Jahrhundert-Deckhengst Monsun am 11. September 2012 im Alter von 22 Jahren aufgrund einer neurologischen Erkrankung im Gestüt Schlenderhan eingeschläfert werden musste, stand er überall in höchstem Ansehen. Überall? In Australien war er vielleicht noch nicht so bekannt. Das hat sich jetzt, nur vier Jahre später, geändert, heute kennen alle australischen Rennsportfreunde seinen Namen, also nahezu jeder der 24 Millionen Einwohner dieses Kontinents. Denn seitdem haben drei seiner Söhne den Melbourne Cup gewonnen, Australiens größtes Sportereignis. Das ist umso bemerkenswerter, als insgesamt nur vier verschiedene Monsuns dort gelaufen sind: Fiorente, Protectionist und jetzt Almandin haben gewonnen, Fiorente war zudem einmal Zweiter, nur Excess Knowledge (Siebter und Sechzehnter) ging bisher leer aus. Seit 1861 wird der Melbourne Cup gelaufen und Monsun ist erst der fünfte Deckhengst mit drei individuellen Siegern. Übertroffen werden alle nur von Positano, dessen Nachkommen zu Beginn des vorigen Jahrhunderts fünfmal siegten.

Video: Melbourne Cup 2016 (Full Race) ~ Almandin wins Australia's Greatest Horse Race

 
 

Almandin ist hier ja bekannt als Sieger im Großen Preis der Badischen Wirtschaft 2014 gegen Protectionist und Lucky Speed. Sein Sieg war damals eine große Überraschung, war er doch zuvor noch nie in einem Gruppe- oder Listenrennen gelaufen und zudem unmittelbar vorher in zwei D-Rennen in Frankreich nur Zweiter geworden. Ich hatte ihn damals bei 83 kg stehen, so dass die 97 kg (Rating 114), die er für seinen Sieg in Baden-Baden bekam, einen großen Sprung bedeuteten. Wir waren gespannt, ob er diese Marke würde bestätigen können, aber dazu fand sich keine Gelegenheit mehr, denn Schlenderhan verkaufte ihn nach Australien, offizielles Ausfuhrdatum war der 26. Juni 2014. Dann hörte man lange Zeit nichts mehr, außer der spärlichen Nachricht von einer Sehnenverletzung und einem langsamen Neuaufbau. Erst am 18. Juni 2016, nach mehr als zwei Jahren Pause, bestritt er wieder ein Rennen, wurde in einem Handicap in Moonee Valley Sechster. Nach zwei weiteren erfolglosen Handicapstarts fasste er aber Tritt, gewann am 3. September ein Listenrennen über 2400m in Caulfield und anschließend, am 2. Oktober, die G3-Bart Cummings Stakes, ein „Win-and-you-are-in“-Rennen für den Melbourne Cup, für den er mit einer Marke von 108 (94 kg) bedient wurde. Almandin gehörte damit zu den Leichtgewichten, ging mit 52 kg ins Rennen. Das Höchstgewicht trug mit 58 kg Hartnell, also jenes Pferd, das vor zwei Wochen im Cox Plate mit acht Längen das Nachsehen gegen Winx hatte.
Almandin wird jetzt eine neue Handicapmarke bekommen. Greg Carpenter, seit 2005 Handicapper für Racing Victoria und den Melbourne Cup, ist heute mit 114 (97 kg) herausgekommen. Exakt die Marke, mit der er Deutschland vor zweieinhalb Jahren verlassen hat.

Almandin siegt im Grossen Preis der Badischen Unternehmer 2014  © Marc Rühl
Almandin siegt im Grossen Preis der Badischen Unternehmer 2014 © Marc Rühl
 

 
 

26. Oktober 2016

Der deutsche Galoppsport mag sich vielleicht manches vorwerfen lassen, nicht jedoch die Namensgebung seiner beiden größten Zweijährigenrennen. Die Worte Winterfavorit und Winterkönigin klingen gut, sie setzen die Phantasie in Gang und lassen Bilder entstehen, die den erfolgreichen Besitzer an kalten Winterabenden mit einem Glas Rotwein vor dem flackernden Kamin von Derby oder Diana träumen lassen. Meistens bleibt es ja beim Träumen, denn die Realität sagt uns, dass Winterfavorit und Winterköngin nur recht selten einen der großen Klassiker gewinnen. So muss man nun schon 25 Jahre zurückblättern, bevor man die letzte Winterkönigin in den Annalen des Preises der Diana findet, das war Martessa. Ersatzweise die deutschen 1000 Guineas gewinnen, ist für eine Winterkönigin auch nicht einfach – das gelang zuletzt 1993 Quebrada. Allerdings konnten seit 2006 drei Zweitplatzierte aus der Winterkönigin Diana-Siegerinnen werden: Serienholde, Feodora und Almerita.

Well Spoken hatte sich in meiner Datei schon nach ihrem Debüt im Winterkönigin-Trial während der Großen Woche zwei dicke ++Pluszeichen ++ verdient, als sie an der letzten Ecke erst geradeaus lief und trotzdem noch Zweite wurde. Ohne dieses Missgeschick könnte sie also noch ungeschlagen sein. Wir haben ihr für den Sieg am Sonntag 92,5 kg (Rating 105) gegeben, ein Pfund mehr als Dhaba und Bourree in den beiden Jahren zuvor. Die Rechnung geht über die Dritte Arazza, die mit einer gut abgesicherten Marke von 88 kg ins Rennen ging und vier Längen und einen Kopf hinter Well Spoken einkam. Was den Henkel-Preis der Diana im nächsten Jahr angeht, so hat die neue Winterkönigin immerhin das richtige Pedigree dafür, denn Stehvermögen schein gewiss, wie auch ihr Trainer nach dem Rennen betonte. In ihren Adern fließt zudem berühmtes Blut: In 13. Generation geht sie auf Kincsem zurück, das ungarische Wunder, unbesiegt in 54 Rennen.

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Video: Preis der Winterkönigin (Gruppe 3), Baden-Baden - Siegerin: Well Spoken

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„The Wonder from Down Under“. Das war vor einigen Jahren die unvergleichliche Black Caviar, ungeschlagen in 25 Rennen. Spätestens seit vorigen Samstag nun hat Australien eine neue Wunderstute, denn was anderes soll man über Winx jetzt sagen, nach dem eher surrealen Acht-Längen-Erfolg im Cox Plate, ihrem 13. Start in Folge ohne Niederlage. Das Cox Plate ist auch nicht irgendein Rennen, sondern das sportlich anspruchsvollste des ganzen australischen Rennjahrs. Alle Größen des australischen Galoppsports sind in der Siegerliste verewigt, von Phar Lap bis So You Think. An einen dieser Sieger habe ich persönliche und sehr gute Erinnerungen, das war Strawberry Road. Er startete 1984 eine Reise um die Welt, die ihn zunächst nach Europa und dann weiter nach Amerika und Japan führte. Im Oettingen-Rennen in Baden-Baden wurde er Zweiter, fünf Tage später gewann er den Großen Preis von Baden in einem denkwürdigen Finish gegen Esprit du Nord und Abary. 

Moonee Valley, wo das Cox Plate gelaufen wird, ist ja eine recht merkwürdige Rennbahn. Der Umfang ist mit 1800 Metern noch normal, aber das Ziel steht nicht auf einer der langen Seiten, sondern auf einer kurzen, die Zielgerade ist nur 173 Meter lang. Das wäre so, als wäre in Hamburg-Horn das Ziel am Ende des Horner Bogens. Als die ersten Pferde am Samstag um die letzte Ecke kamen, hatte Winx, weit außen herum gehend, gerade die Führung übernommen und baute diese auf den nun noch verbleibenden 173 Metern auf kaum glaubliche acht Längen gegenüber Hartnell aus, das ist Australiens aktuell zweitbestes Pferd (Rating 122=101 kg). Von dem hier gut bekannten Vadamos ganz zu schweigen, der nach zwischendurch deutlicher Führung schon früh das Handtuch geworfen hatte und Vierter wurde.

Video: 2016 Cox Plate, Australien - Sieger: Winx

Was für ein Rating hat Winx nun verdient? 130 (105 kg) ist die Marke, die Ausnahmepferde von den „nur“ sehr guten trennt. Für Stuten ist es ja immer etwas schwerer auf so hohe Ratings kommen, da sie im Rennen stets drei Pfund Erlaubnis haben. Wenn also ein Hengst und eine Stute in totem Rennen durchs Ziel gehen, dann wird das Rating für die Stute immer um drei Pfund niedriger ausfallen. Danedream, Zenyatta und Zarkava, alles denkwürdige Rennstuten, kamen auf eine Marke von 128, Rachel Alexandra auf 127. Nur drei Stuten schafften in diesem Jahrhundert 130 oder mehr: Black Caviar (132), Goldikova und Trève (beide 130). Zu diesen drei Ausnahmestuten wird wohl bald auch Winx gehören. Die Zahlen, die bisher in die internationale Ausgleicherdatei eingetragen wurden, sind derzeit jedenfalls nicht kleiner als 130. Sie wäre damit die Nummer zwei in der Welt hinter California Chrome. Aber die Meinungsbildung ist noch im Gange. Die nächste Weltrangliste erscheint nach den Breeders´ Cup-Rennen im November. Winx selbst soll in diesem Jahr nicht mehr laufen. Sie bekommt erst einmal ein paar Wochen Ferien auf der Koppel.

 

 
 

19. Oktober 2016

Für den Handicapper sind Rennen für Zweijährige eine heikle Angelegenheit, denn die Grundlage für seine Arbeit ist meist dürftig. Häufig liegen nur wenige bis gar keine aussagekräftigen Formen vor, die Zweijährigen laufen ja immer weniger. Beim Preis des Winterfavoriten am vorigen Sonntag in Köln zum Beispiel. Da hatte nur ein Pferd von neun mehr als zwei Starts Rennerfahrung, sechs Pferde waren noch sieglos. Der Trend zum sparsamen Einsatz gerade von Zweijährigen ist nicht auf Deutschland beschränkt. Überall auf der Welt hat sich in den Köpfen offenbar festgesetzt, der beste Weg zum Geldverdienen sei das Nichtstarten. Selbst in England, wo Zweijährige traditionell häufig laufen, sind die Zeiten eines Provideo schon lange vorbei. Provideo war jenes Pferd, das 1984 in England als Zweijähriger bei 24 Starts 16 Siege schaffte und damit den Weltrekord von The Bard einstellte, der stammte aus dem 19. Jahrhundert.

Wenn die Pferde heute weniger laufen, heißt aber nicht, dass sie schlechter sind als ihre Vorgänger. Sie sind für den Ausgleicher aber rechnerisch schwerer zu erfassen, so dass man sich gelegentlich mit der historischen Perspektive behelfen muss. Diese sagt, dass von einem „Winterfavoriten“ ein Rating von ungefähr 95 kg (110) erwartet werden kann, ohne dass man befürchten muss, damit ganz falsch zu liegen. Das Durchschnitts-Rating für die letzten zehn Winterfavoriten belief auf 94,75 kg. Ein Jahr später, als Dreijährige, kamen diese zehn Pferde dann auf durchschnittlich 95,0 kg, also auf einen fast identischen Wert. Diesmal braucht man die Historie aber nur am Rande zu Rate ziehen, denn mit Real Value landete ein Pferd auf dem dritten Platz, dessen Marke von 90,5 kg durch Starts in Frankreich und im Zukunfts-Rennen recht gut abgesichert ist. Legt man diese Marke zu Grunde, so ergeben sich für Langtang 94,5 kg (Rating 109). Dass es sich bei Langtang darüber hinaus noch um ein optisch herausragendes Pferd handelt, spielt dabei keine Rolle, darf hier aber doch erwähnt werden.

Video: Preis des Winterfavoriten (Gruppe 3), Köln - Sieger: Langtang

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Fast zeitgleich mit dem Preis des Winterfavoriten ging es in Mailand um den Sieg im Gran Criterium, Italiens Zweijährigen-Championat, erstaunlicherweise über 1500 Meter und damit über einen 100 Meter kürzeren Weg als bisher. Das Rennen hatte bis vor drei Jahren den Status eines Gruppe-I-Rennens, was viele ausländische Ställe anzog, die zwischen 1996 und 2012 ohne Unterbrechung den Sieger stellten. Am Sonntag war Skarino Gold der vierte Sieger aus Deutschland, zuvor waren Noble Pearl, Lateral und Königstiger erfolgreich gewesen. Skarino Gold muss in den letzten Wochen in der Hierarchie seines Stalles mächtig aufgerückt sein, eine Derbynennung kam erst nach Verlängerung des Nennungsschlusses zustande, einen Tag nachdem er in Dortmund überzeugend gegen Nerud und Windstoß gewonnen hatte. Jetzt schloss sich ein verblüffend leichter Sieg an, gegen schwer zu taxierende Gegner. Das Rating für den Sieger in diesem Rennen lag in den vergangenen zehn Jahren meist geringfügig über dem des Winterfavoriten, dafür sorgte schon der Gruppe-I-Status. Diesmal ist der italienische Kollege mit einem Rating von 109 (94,5 kg) herausgekommen, dem ich mich angeschlossen habe. Damit sind derzeit Langtang und Skarino Gold gemeinsam an der Spitze des Jahrgangs.

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Stellen wir uns einmal vor, wir säßen in der Rennsportschule und auf dem Stundenplan steht: Taktik. Was schreibt der Lehrer als ersten Grundsatz auf die Tafel? Richtig: 

1. Langsames Tempo – vorne dabei sein!

2. Schnelles Tempo – hinten bleiben!

Das ist das Prinzip. Es gibt natürlich Ausnahmen, bei spezieller Veranlagung oder Persönlichkeit des Pferdes. So gesehen lief am Sonntag in Woodbine/Toronto für die beiden deutschen Pferde alles schief. Parvaneh, eigentlich ein Speedpferd, sauste in rekordverdächtigem Tempo vorneweg. Am Ende kamen 2:01,60 für die 2000 Meter heraus, die zweitschnellste Zeit in der Geschichte des Rennens. Das konnte nicht gutgehen. Ebenso wenig bei Protectionist. Bei Bummeltempo glaubte sein Reiter, sich am Ende des Feldes am besten aufgehoben. Als in der Schlussgeraden dann alles losrannte, war das die schlechteste Ausgangslage. Im Ziel waren beide nicht sehr weit geschlagen, Parvaneh zweieinhalb Längen, Protectionist viereinhalb, so dass die Ratings für ihre Leistungen noch ganz passabel sind. 93 kg für Parvaneh und 95,5 für Protectionist. Aber dafür fährt man nicht nach Kanada. Die Trainer wollen an die Jockeys auch anderslautende Instruktionen gegeben haben. Aber der Trainer denkt, der Reiter aber lenkt.

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Dass Almanzor das beste Pferd in Europa ist, daran kann es jetzt keinen Zweifel mehr geben. Der Sieg am vorigen Samstag in den Champion Stakes von Ascot kam mit fast spielerischer Leichtigkeit zustande, wieder gegen Found. Selbst wenn man annehmen darf, dass Found aufgrund ihres gerade einmal elf Tage zurückliegenden Sieges im Prix de l´Arc de Triomphe etwas unter ihrer dort gezeigten Form geblieben ist, kommt Almanzor auf eine neue Bestmarke. 129 ist das neue Rating für den Hengst aus Frankreich, das sind 104,5 kg. Er ist damit die neue Nummer zwei der Weltrangliste, gemeinsam mit Arrogate und A Shin Hikari, nur California Chrome (133) steht noch über allen. Auch ein anderer Superstar steigerte in Ascot das Rating, Minding kommt nach ihrem Sieg in den Queen Elizabeth II. Stakes jetzt auf 122 (101 kg), zwei Pfund mehr als bisher. Sie hat in diesem Jahr Gruppe-I-Rennen über 1600, 2000 und 2400 Meter gewonnen und damit eine Vielseitigkeit gezeigt, die auf diesem Niveau fast beispiellos ist, mir fällt auf Anhieb nur Sea The Stars ein. Beide Pferde, Almanzor und Minding, werden dieses Jahr wohl nicht mehr laufen, sollen aber in Training bleiben.

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Auf unseren kleineren Bahnen passieren ja manchmal die tollsten Sachen. In Saarbrücken zum Beispiel, da lief La Carolina, eine sechsjährige Stute aus Bulgarien. Im Vorjahr noch bei Andreas Bolte in Training, ging sie nach Bulgarien, wo sie, den eingereichten Unterlagen zufolge, drei Rennen bestritt und gewann. Welche Rennen das waren, gegen welche Gegner sie lief und mit welchem Vorsprung sie gewann, das alles konnte man diesen Unterlagen nicht entnehmen. Die Rennordnung verlangt auch nicht mehr. Da die Stute das vorige Rennjahr in ziemlich schwacher Form mit einem GAG von 57 kg beendet hatte, glaubten wir, drei Kilo Aufgewicht für ihre bulgarischen Siege sollten ausreichen, eine Leistungsexplosion bei einem sechsjährigen Pferd sei wohl kaum zu erwarten. Da hatten wir uns aber getäuscht. Mit fünf Kilo Mehrgewicht im Sattel stürmte ihr Reiter sofort energisch nach vorne, hatte unterwegs an die 15 Längen Vorsprung und kam leicht nach Hause. Am Sonntag in Baden-Baden könnte sie wieder laufen, jetzt mit GAG 69. Ob wir bei Vorliegenden der vollständigen Rennergebnisse aus Bulgarien ein anderes Gewicht vergeben hätten, weiß ich nicht. Ein bisschen mehr an Informationen über ausländischen Starts könnte die Rennordnung aber schon verlangen.

 

 
 

12. Oktober 2016

Jetzt, da es in die Spätsaison geht, kommen die entscheidenden Rennen für die Zweijährigen, der Preis des Winterfavoriten macht am Sonntag in Köln den Anfang. Ich hatte diesen Text schon fertig und ganz auf Navarra King abgestellt, als die Nachricht von dem Unglück kam. Ein Schock. Der Hengst aus dem Gestüt Ammerland schien ein wenig aus der Zeit gefallen, hergekommen aus einer Ära, als noch möglich war, das Zukunfts-Rennen zu gewinnen und trotzdem als Derbyfavorit gehandelt zu werden. Ein Pferd mit einem Steher-Pedigree, aber zweijährig schon schnell genug für Gruppesiege. Wie früher Lando, Nebos und Lombard, oder, vor einigen Jahren noch, Pastorius. Navarra King stand nach dem beeindruckenden Sieg im Zukunfts-Rennen an der Spitze seines Jahrgangs, eine große Karriere lag vor ihm. Gerade vor einigen Tagen noch hatten wir seine Marke aufgrund der nachfolgenden guten Leistung der in Baden-Baden hinter ihm platzierten Miss Infinity um ein Pfund auf 93 kg angehoben. Das hat jetzt keine Bedeutung mehr. Jetzt ist die Spitzenposition bei den Hengsten erst einmal vakant. Am Sonntag wird sie neu besetzt.

Navarra King

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Bei den Stuten stand bisher Hargeisa mit einem Rating von 92,5 kg alleine an der Spitze. Sie wird jetzt aber Gesellschaft von der am vorigen Wochenende im Premio Dormello erfolgreichen Rainbow Royal bekommen. Mit meinem italienischen Kollegen Lorenzo Rossi habe ich mich auf ein Rating von 105 (92,5 kg) geeinigt. Andreas Wöhler hat dieses Rennen vor 15 Jahren schon einmal gewonnen, mit einer gewissen Kazzia. Scheich Mohammad war damals persönlich anwesend um sein Pferd Slickly in einem Gruppe-I-Rennen zu beobachten. Er war von Kazzia so beeindruckt, dass sofort ein Kaufangebot kam, das der Rennstall Wöhler nicht ablehnen konnte. Der Rest ist Geschichte, Kazzia wurde doppelte klassische Siegerin in England. Eddie Pedroza verpasste damals den Ritt auf Kazzia weil sein Flug nach Mailand Verspätung hatte. Diesmal schaffte er es und zeigte starke Nerven, als er in der Geraden einen Zehn-Längen-Vorsprung der Favoritin Mi Raccomando aufholte um im Ziel hauchdünn einzunicken.

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Am Wochenende zuvor war viel los, so dass einiges liegen geblieben ist. Zum Beispiel der Preis der Deutschen Einheit mit dem Sieg von Devastar. 

Video: 26. Preis der Deutschen Einheit (Gruppe 3), Hoppegarten - Sieger: Devastar

 gab zwei große Überraschungen. Erstens das - man darf wohl sagen: Versagen des 14:10-Favoriten Wai Key Star und Zweitens die große Steigerung des Drittplatzierten Global Storm. Wai Key Star stand mit einem Rating von 97 kg klar über den Gegnern, so dass eine Erklärung für die komplette Niederlage nicht leicht fällt. Hier und da war von dem langsamen Tempo die Rede. Wer das zu Ungunsten von Wai Key Star auslegt, muss sich allerdings die Frage stellen, warum das im Ex-Fürstenberg-Rennen in Hannover im August, als das Tempo auch nicht schneller war, offensichtlich keine Rolle gespielt hat. Denn damals siegte Wai Key Star und ließ Capitano viereinhalb Längen hinter sich, denselben Capitano also, der jetzt mehr als eine Länge vor ihm einkam. Wai Key Star hat wohl einfach nur einen schlechten Tag erwischt.

Was Global Storm angeht, so hatte er sich in meiner Datei schon mit seinem Fünf-Längen-Sieg beim Handicap-Debüt im Juni den Eintrag „besseres Pferd“ verdient. Dass er danach noch drei Niederlagen in Ausgleichen hinnehmen musste, hätte ich nicht gedacht. Rückblickend versteht man es besser, denn er verlor diese Rennen gegen Sun at Work, gegen Northern Rock und gegen Fort Good Hope. Das sind die drei größten Seriensieger der Saison, zusammen haben sie in diesem Jahr bei 20 Starts 15 Rennen gewonnen. Global Storms Marke ist von 75 kg (mit mehreren Pluszeichen dahinter) jetzt bei 92 angekommen. Auch der Sieger Devastar kommt auf eine neue Bestmarke, er steigerte sich um ein Kilo auf 94 (Rating 108), wobei die Rechnung über den zuletzt recht zuverlässigen Brisanto geht.

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Eine der spannendsten Geschichten ist derzeit der Kampf um die aktuell längste Siegesserie auf der Welt. Nachdem Va Bank durch seine überraschende Niederlage in Warschau ausgeschieden ist, konzentriert sich das Geschehen auf die beiden Stuten Winx (Australien) und Songbird (Kalifornien). 12:12 steht es derzeit, nachdem Winx am vorigen Samstag mit ihrem Sieg in den Caulfield Stakes gleichgezogen hat. Beide haben also ein Dutzend Rennen in Folge ohne Niederlage überstanden. Jetzt wird es aber wirklich ernst, denn der ominöse 13. Start steht an. Für Winx soll das am 22. Oktober die Titelverteidigung im Cox Plate sein, für Songbird das Breeders´Cup Distaff am 5. November in Santa Anita, in dem sie voraussichtlich auf zwei andere Stars des amerikanischen Rennsport treffen wird, auf Beholder und Stellar Wind. Rekordhalterin in Amerika ist die unvergleichliche Zenyatta, die zwischen 2007 und 2010 in 19 Rennen ungeschlagen blieb, bevor sie in ihrem letzten Rennen, dem Breeder´s Cup Classic, eine ebenso tragische wie heroische Niederlage nach Zielfotoentscheid hinnehmen musste. In der am Donnerstag erscheinenden neuen Weltrangliste nehmen beide prominente Plätze ein. Winx steht mit einem Rating von 127 (103,5 kg) an vierter, Songbird mit 123 (101,5) an zehnter Stelle.

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Große Prüfungen warten am kommenden Wochenende auf einige deutsche Pferde. Protectionist und Parvaneh sollen am Sonntag in Toronto laufen, in den Canadian International und in den E.P.Taylor Stakes. Schon einen Tag vorher kommt Articus in Melbourne im Caulfield Cup an den Start. Hier steht das Starterfeld schon fest, es laufen 20 Pferde, Articus startet aus Box elf. Das Rennen ist ein Handicap über 2400 Meter, also ein Pendant zum Melbourne Cup. Handicapper Greg Carpenter hat das deutsche GAG von Articus übernommen, er ist also mit einer Handicapmarke von 95 kg (Rating 110) unterwegs. Mit dabei auch der Ex-Schlenderhaner Ivanhowe, der aktuell bei 98,5 kg (117) steht. Etwas mehr als zwei Millionen Euro sind zu gewinnen.

 

 
 

5. Oktober 2016

Die französische Rennsportzeitung „Paris-Turf“ hat aus Anlass ihres 70-Jährigen Erscheinens auf ihrer Website ein virtuelles Rennen mit den ihrer Meinung nach 16 besten Siegern des Prix de l´Arc de Triomphe veranstaltet (coursedeslegendes.fr). Favorit war Sea Bird (5:1), längster Außenseiter Sinndar (35:1), deutsche Pferde waren nicht dabei. Am Samstagmittag um 13.10 Uhr wurde das Rennen gestartet und es gewann – darauf konnte man kommen – der in 16 Rennen ungeschlagene Ribot, vor Sea The Stars, Alleged, Tantième und Sea Bird. Unter „ferner liefen“ Allez France, Zarkava und Trève, die als einzige Stuten teilnehmen durften. Trève kam als Sechste noch am weitesten. Im echten „Arc“ war dann einen Tag später mit Found eine Stute vorne. Wieder einmal muss man sagen. Es war der sechste Stutensieg in den letzten neun Jahren, lediglich die englischen Derbysieger Sea The Stars, Workforce und Golden Horn konnten diese Serie unterbrechen. Ähnliches gab es schon einmal, in der Zeit von 1972 bis 1983 gewann acht Mal eine Stute. Dazwischen, also von 1984 bis 2007, kam als Stute nur Urban Sea zum Zuge. Betrachtet man alle diese Arc-Siegerinnen mit den Augen eines Handicappers, so schneidet die jüngste Siegerin Found, bei allem Respekt vor ihren Leistungen, mit einem vorläufigen Rating von 123 (101,5 kg) nicht sonderlich gut ab. Hier die offiziellen Ratings der „Arc“-Siegerinnen, seit es die Internationale Klassifikation gibt (1977):

Rating Pferd Jahr
132 Three Troikas 1979
130 Trève 2013
129 All Along 1983
128 Danedream 2011
128 Zarkava 2008
126 Trève 2014
126 Akiyda 1982
126 Gold River 1981
125 Urban Sea 1993
124 Detroit 1980
123 Found 2016
122 Solemia 2012

Die niedrige Marke für Found war vorhersehbar, denn dem diesjährigen Feld für den Prix de l´Arc de Triomphe mangelte es doch etwas an Qualität in der Tiefe. Das Pferd mit dem höchsten Pre-Race-Rating war mit 124 (102 kg) Postponed, das ist für einen Arc-Favoriten nicht viel. Hinzu kam das völlige Versagen der Dreijährigen, deren bester Vertreter als Achter tatsächlich noch der deutsche Derbyzweite Savoir Vivre war. So gesehen hat er sich also noch ordentlich geschlagen.

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Jetzt hat es auch Va Bank erwischt. Beim 13. Start, der ja, wie ich vor 14 Tagen schrieb, zumindest aus deutscher Erfahrung gefährlich ist. In der Wielka Warszawska über 2600m, dem „Arc“ Polens, unterlag er dem dreijährigen Derbysieger Caccini. Das war umso überraschender, als tags zuvor Potemkin den Prix Dollar gewonnen hatte, also jenes Pferd, das gegen Va Bank in Baden-Baden den Kürzeren gezogen hatte. Potemkin zeigte in Chantilly eine neue persönliche Bestleitung, seine Marke haben wir um ein Kilo auf vorläufig 97,5 kg (Rating 115) angehoben. Va Bank hat das wenig geholfen, denn seine schöne Serie ist zu Ende. Vielleicht war die Niederlage unnötig, denn in einem taktischen Rennen ignorierte sein Reiter den vorne in sehr langsamer Fahrt mit mehreren Längen Vorsprung führenden Caccini. Zwischendurch wurden 400-Meter-Zeiten von 29 Sekunden gemessen, also drei bis vier Sekunden langsamer als üblich. Die letzten 1000 Meter absolvierte Caccini dann in beachtlichen 58,5 Sekunden. Da muss man sich nicht wundern, dass Va Bank nicht mehr herankam, eine halbe Länge geschlagen blieb. Zumal Caccini im Großen Preis von Berlin gezeigt hat, dass er ein bisschen laufen kann. Seine Leistung in Hoppegarten hatten wir seinerzeit mit 92 kg berechnet. 

Video: 02.10.2016 Wielka Warszawska - Sieger: Caccini

Nach Va Banks Niederlage ist nun Songbird das Pferd mit der weltweit längsten Siegesserie. Die Amerikanerin gewann vor zehn Tagen auch ihr elftes Rennen, und wieder kam keine Gegnerin auch nur in ihre Nähe. Ich habe diese Leistung erst einmal mit 123 bewertet, Songbird also auf eine Stufe mit Found gestellt.

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Die Faszination des Rennsports offenbart sich ja nicht nur in diesen hohen Sphären, sondern auch ganz unten, an der sogenannten Basis. Also mal runter von den 101,5 Kilo von Songbird und hin zu den 44 Kilo, die Kepheus in Köln zu verteidigen hatte. Als ich mich am Montag von der Rennbahn in Hoppegarten auf den Weg zur S-Bahn machte und noch einen kurzen Blick auf den Bildschirm warf, wo gerade das letzte Rennen aus Köln lief, da sah ich einen lila Dress meilenweit vor den Anderen. Aha, dachte ich sofort, Kepheus. Dieser achtjährige Wallach ist ja ein bemerkenswertes Pferd. Obwohl er selbst in seiner allerbesten Zeit nicht mehr als 58 Kilo konnte, hat es geschafft, mit seinem begrenzten Können 13 Handicaps zu gewinnen. Er hat dafür aber auch 102 Starts benötigt. Distanzen sind bei diesem Pferd egal, alles zwischen 1200 Meter und 2500 Meter ist recht, ob Gras oder Sand. Gerne geht er im Rennen auf Vorsprung vor das Feld, was fürs Publikum immer besonders unterhaltsam ist. Sein Trainer und Besitzer Manfred Türk aus Bad Liebenstein in Thüringen hat mir einmal den Plan zu erklären versucht, der hinter den ständigen Distanzwechseln steht. Ich habe das, ehrlich gesagt, nicht recht verstanden. Aber das macht ja nichts.

 

 
 

28. September 2016

Sollte es noch irgendjemanden geben im deutschen Galoppsport, der Martin Luthers Spruch „Weiberregiment nimmt selten ein gut End“ etwas abgewinnen kann, der müsste sich nach den jüngsten Rennergebnissen Sorgen um die Zukunft machen. Denn nur eine Woche nach dem St. Leger mit dem Sieg von Near England und dem dritten Platz von Techno Queen, belegten die Stuten im Preis von Europa am vorigen Sonntag in Köln sogar die Plätze eins, drei und vier.

Video: 54. Preis von Europa (Gruppe I), Köln - Siegerin: Nightflower

Die Siegerin Nightflower hatte das Rennen ja bereits im Vorjahr gewonnen. Doppelsiegerinnen in einem der fünf deutschen Rennen für Pferde aller Altersgruppen, die wie der Preis von Europa heute zur Gruppe I zählen, sind seltener als das Auftauchen des Halley´schen Kometen. Es gibt in der zum Teil mehr als hundertjährigen Geschichte dieser Rennen neben Nightflower überhaupt nur zwei andere: Danedream und Kincsem. Beide haben – im Abstand von 133 Jahren - den Großen Preis von Baden mehrfach gewonnen, Kincsem sogar drei Mal.

Das plötzliche Auftreten von Stutendominanz in großen und größten Rennen ist ja ein Phänomen, das immer wieder einmal auftritt. Am bekanntesten sind die fünf aufeinander folgenden Siege von Three Troikas, Detroit, Gold River, Akiyda und All Along im Prix de l´Arc de Triomphe in den Jahren 1979 bis 1983 und die vier von Danedream, Solemia und zweimal Treve von 2011 bis 2014 in demselben Rennen. Das Jahr 2016 scheint in Anbetracht der Leistungen nicht nur von Nightflower, sondern vor allem von Minding und Found in Europa, Winx in Australien und Songbird in Amerika ohnehin weltweit ein Stutenjahr zu werden. Es ist ja eine bekannte Tatsache, dass Stuten, wenn sie gut sind, manchmal geradezu unfassbar gute Leistungen zeigen. Nicht von ungefähr wird die Liste der Ungeschlagenen von zwei Stuten angeführt, von Kincsem und Black Caviar, und zwar mit Abstand (54 bzw. 25 Siege ohne Niederlage). Und Deutschland hat, abgesehen von Danedream, schließlich auch noch zwei „Wunderstuten“ zu bieten: Schwarzgold und Nereide. Trainer John Gosden hat sich zu diesem Thema einmal geäußert und meint, dass der Unterschied im Kopf auszumachen ist. Stuten seien häufig mental stärker als Hengste. Im Positiven, aber auch im Negativen. Für den Handicapper hat ein Stutensieg zur Folge, dass die Zahlen kleiner ausfallen als beim Sieg eines Hengstes oder Wallachs. Denn Stuten tragen in großen Rennen bekanntlich drei Pfund weniger als ihre männlichen Artgenossen, was bei der Berechnung zu berücksichtigen ist. 

Ausgangspunkt der Rechnung für diesen Preis von Europa war Parvaneh. Sie war als Vierte noch recht nah dabei, sollte aber doch eine Kleinigkeit unter ihrer Bestleistung von 95 kg geblieben sein. Daraus ergeben sich 95,5 kg für Kasalla, 97 für Red Cardinal und 96,5 (Rating 113) für Nightflower. Das ist ein Kilo weniger als im Vorjahr, als sie mit zwei Längen gegen Sirius gewann, Dubday und Ito dahinter. Nightflowers Leistungskurve in diesem Jahr ging stetig bergauf, in Zahlen heißt das bei ihren fünf Starts: 90/93,5/ 93,5/95/96,5 kg. Im Vergleich zu den drei anderen Stuten, die vor ihr den Preis von Europa gewinnen konnten, steht Nightflower mit ihren 96,5 kg recht gut da. Albanova und Gonbarda kamen auf jeweils 96, Baila Me auf 95,5 kg.

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Northern Rock hat schon wieder gewonnen, sein sechstes Rennen in diesem Jahr. Nach seinem ersten Sieg in einem harmlosen Sieglosenrennen im Mai in Köln stieg er mit 60,5 kg ins Handicap ein und gewann mit dieser Marke das letzte Rennen des Baden-Badener Frühjahrs-Meetings. Mit 15 Längen. Das ist der größte Vorsprung in einem Handicap, an den ich mich erinnere, jedenfalls bei einem Rennen auf Gras. Hierfür gab es 7,5 kg Aufgewicht, soviel wie auch Iquitos für seinen Elf-Längen-Erfolg ein Jahr zuvor bekommen hatte. Die leise Sorge, dass dies vielleicht noch zu wenig war, verschwand erst einmal, als er beim nächsten Start in Düsseldorf nur Sechster wurde. Seitdem aber hat er vier weitere Handicaps gewonnen, wobei es stets so aussah, als sollte er langsam an seine Grenzen kommen. So hielt sich das jeweilige Aufgewicht immer noch in Grenzen, aber der Ausgleicher soll ja auch kein Siegverhinderer sein. Jetzt steht Northern Rock bei 83,5 kg, also 23 Kilo höher als vor vier Monaten. Dreiundzwanzig Kilo – das ist genau das Gewicht eines prall gefüllten großen Koffers, den man ohne Übergepäckgebühren zahlen zu müssen noch am Flughafen aufgeben darf. So einen Koffer also muss Northern Rock nun am kommenden Montag in Hoppegarten im Vergleich zu seinem ersten Handicapstart zusätzlich über die Rennbahn tragen – bildlich gesprochen natürlich. Denn dort gibt es einen Ausgleich I, in den er noch gut reinpasst, und das will man offenbar ausnutzen. Bayarsaikhan Ganbat ist schon als Reiter angegeben. 

 

 
 

21. September 2016

Er hat es wieder getan. Pakistan Star, dreijähriger Wallach aus Wittekindshof, dessen sensationelles Debüt vom 1. Juli in Hongkong im Internet Kultstatus erreicht hat („craziest horse racing debut ever“), lieferte bei seinem zweiten Start am Sonntag in Sha Tin eine Kopie dieser außergewöhnlichen Leistung. An der 1400-Meter-Startstelle kroch er erneut viel zu langsam aus seiner Startbox, lag lange Zeit deutlich zurück an letzter Stelle und rollte dann das gesamte Feld mit unwiderstehlichem Speed auf um locker mit 1 ¼ Längen zu gewinnen. Er ging mit einem Rating von 73 (76,5 kg) in dieses Class-3-Handicap, für den Sieg gab es 14 Pfund Aufgewicht, so dass er jetzt nach zwei Siegen schon bei 83,5 kg steht. Sein Trainer Tony Cruz sieht ihn jedoch in ganz anderen Regionen. „Er ist ein Class 1-Pferd“, sagte er der „South China Morning Post“, „wir hoffen nur, dass er noch lernt besser zu starten und im Feld mitzugehen.“ Pakistan Star stammt von Sharmardal aus der Nina Celebre und wurde 2014 in Deauville unter dem Namen Nina´s Shadow für €180.000 dem Hong Kong Jockey Club zugeschlagen, auf den Hongkong-Sales brachte er dann umgerechnet ca. €700.000.

Video: 2016 - Sha Tin, Rennen vom 18.9.16 - Sieger: Pakistan Star

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Va Bank, der „Polen-Frankel“ und Sieger im Baden-Badener Sparkassen-Preis, war im Vergleich dazu mit einem Preis von €4.500 bei den Tattersalls September Yearling Sales vor drei Jahren geradezu ein Geschenk. Vor kurzem ist er bekanntlich zur Hälfte an Team Valor verkauft worden. Er ist in 12 Rennen noch ungeschlagen und damit seriösen Recherchen zufolge das Pferd mit der augenblicklich längsten Siegesserie auf der Welt. Seit Samstag aber folgt ihm Winx dicht auf den Fersen. Die australische Stute gewann in Randwick mit den Gr1-George Main Stakes ihr elftes Rennen in Folge. Seit Mai 2015 hat sie nicht mehr verloren, darunter in sieben Gruppe-I-Rennen, mit einem Rating von 127 (103,5 kg) ist sie aktuell die Nr. 4 in der Welt. Va Bank dürfte das nächste für ihn vorgesehene Rennen kaum verlieren, das ist die Wielka Warszawa am 2.Oktober. Für Winx dagegen stehen jetzt mit dem Caulfield Cup und dem Cox Plate zwei der schwersten Rennen Australiens auf dem Programm. 12 Rennen in Serie sind im Übrigen auch der Rekord für Deutschland. Vier Pferde haben das geschafft: Pergolese (geb. 1914)), Ordensjäger (1918), Birkhahn (1945) und Acatenango (1982). Am 13. Start sind alle gescheitert, bei Acatenango war das der legendäre Prix de l´Arc de Triomphe 1986.

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„Das Henckel-Rennen gewinnt das früheste, das Derby das glücklichste und das St. Leger das beste Pferd.“ 

Dieser Spruch stammt aus längst versunkenen Zeiten, als unsere 2000 Guineas noch den Namen des alten Grafen Henckel trug und die Dreifache Krone das höchste anzustrebende Ziel war. Davon ist nichts mehr übrig geblieben und der Spruch hat wahrscheinlich auch nur selten gestimmt. Der letzte Derbysieger, der auch das St. Leger gewann, war 2006 Schiaparelli, und das war auch das letzte St. Leger im klassischen Sinn, denn ab 2007 waren nicht nur Dreijährige, sondern auch ältere Pferde zugelassen. Grund hierfür war Startermangel, denn immer weniger Besitzer waren bereit, ihre besten Dreijährigen über so lange Distanzen wie die 2800 Meter des St. Legers zu schicken. Der deutsche Rennsport folgte damit der allgemeinen Entwicklung, weg von den langen Distanzen und hin zu kürzeren Stecken. Ob das der Stein der Weisen ist, darf man anzweifeln, so wie es der britische Spitzentrainer John Gosden kürzlich in einem bemerkenswerten Beitrag für die „Racing Post“ tat. Gosden bezeichnete darin die kommerzielle Zucht mit ihrer Hinwendung zu immer mehr Frühreife und Schnelligkeit als eine Gefahr für gesamte Vollblutzucht. Als leuchtendes Gegenbeispiel nannte er dann Coolmore Stud mit seinem Trainer Aidan O´Brien, das weiter konsequent auf Stehvermögen setzt und sich nicht scheut, auch seine besten Pferde in Rennen wie St. Leger oder Ascot Gold Cup zu starten. Sie seien damit zu Recht das erfolgreichste Zuchtunternehmen weltweit, so Gosden.

Seit Schiaparellis Sieg vor zehn Jahren fällt vor allem die völlige Abwesenheit von guten dreijährigen Hengsten im Starterfeld zum Deutschen St. Leger auf. Diese Lücke füllen jetzt die Stuten aus. Am Sonntag gab es zum vierten Mal in Folge einen Stutensieg, auf Hey Little Görl, Kaldera und Virginia Sun folgte nun Near England. Sie gewann überzeugend und in einem reell gelaufenen Rennen, denn die Zeit von 2:56,96 Minuten ist die viertschnellste in der Geschichte des Rennens (den Rekord hält Ungaro seit 1997 mit 2:53,0). Das Rating von 93 kg (106) hält sich im Rahmen der Vorjahre. Höhere Marken in den letzten zehn Jahren erreichten Valdino (97,5), Sassoaloro (96), Altano (95,5), Fox Hunt (95), Virginia Sun (94) und El Tango (93,5). Kaldera, Hey Little Görl und Val Mondo kamen auch auf 93.

Video: Deutsches St. Leger (Gruppe 3), Dortmund - Siegerin: Near England

 

 
 

14. September 2016

Wir haben in Deutschland zwar keine große Anzahl an Meilern der Spitzenklasse, aber die wenigen, die da sind, finden ein regelmäßiges Betätigungsfeld. Seit Ende Mai hat es hier fünf Grupperennen für Dreijährige und Ältere auf Distanzen von 1600 bis 1750 Meter gegeben, zwischen den beiden letzten, dem Oettingen-Rennen in Baden-Baden und der Großen Europa-Meile in Düsseldorf, lagen nur elf Tage. Und in drei Wochen geht es weiter, mit dem Preis der Landeshauptstadt, wieder in Düsseldorf. In den bisherigen fünf Rennen hat es fünf verschiedene Sieger gegeben und die Frage, wer davon denn nun der Beste ist, ist nicht so leicht zu beantworten. Vorerst steht noch Pas de Deux mit 97 kg (Rating 114) vorne, aber Noor Al Hawa ist ihm jetzt durch seinen Sieg am vorigen Sonntag in der Europa-Meile mit 96,5 kg (113) auf den Pelz gerückt. Auch Potemkin und Kaspersky (jeweils 96) sind dichtauf, während Royal Solitaire in der Badener Meile auf 92,5 kg kam. Nimmt man die Dreijährigen Degas (95,5) und Millowitsch (95) noch dazu, dann sieht man, wie eng es um den Titel des Champion-Meilers in Deutschland zugeht.

Dabei… – Bei genauerer Betrachtung ist keines der genannten Pferde Deutschlands bester Meiler, jedenfalls nicht nach Rechnung der Handicapper. Denn es gibt noch ein Pferd, genauer gesagt eine Stute, die zwar noch nie in unserem Land gelaufen ist, die aber nach den renntechnischen Regeln als dem deutschen Rennsport zugehörig betrachtet werden muss: Spectre. Die Dreijährige war bis zum Sommer bei Besitzertrainer Markus Münch in Frankreich in Training, ist jetzt aber, bis weitere Lizenzauflagen von France-Galop erfüllt sind, zusammen mit den anderen Münch-Pferden wieder in Deutschland zu Hause, in Warendorf. Diese Stute ist wirklich bemerkenswert. Sie startete das Jahr gleich mit einem Sieg im Gr3-Prix Imprudence, war dann – knapp geschlagen – Fünfte in den französischen 1000 Guineas und lief dann platziert in drei Gr1-Rennen: Dritter im Prix Jean Prat, Vierter im Prix Jacques le Marois und am vorigen Sonntag sogar Zweite im Prix du Moulin, geschlagen nur von Vadamos, aber vor den zwei sehr hoch gehandelten Dreijährigen Hengsten Zelzal und Zarak. Mein französischer Kollege und auch ich haben hierfür 98 kg (116) gegeben. Für eine Stute ist das schon ein Wort.

Spectre stammt übrigens aus der Schlenderhaner I-Familie von Ito und Ivanhowe. Dass ihr Name mit „S“ und nicht mit „I“ anfängt, liegt daran, dass sie als Fohlen in Frankreich registriert wurde.

Markus Münch
Markus Münch

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Jeder, der schon etwas länger auf die Rennbahn geht, wird sich an mindestens ein Rennen erinnern, bei dem er froh ist, dabei gewesen zu sein. Bei mir war das, an erster Stelle, der Prix de l´Arc de Triomphe 2011, als Danedream gewann. 

Die meisten der 14.550 Zuschauer am vorigen Samstag im irischen Leopardstown werden sich gewiss noch lange Zeit an diese Irish Champion Stakes und den Sieger Almanzor erinnern. 

Video: 2016 - QIPCO Irish Champion Stakes (Group 1) - Sieger: Almanzor

Zum einen, weil das Feld eine Qualität aufwies, wie schon seit längerem kein anderes Pferderennen mehr in Europa. Zum anderen, weil der Sieger seine elf Gegner aussehen ließ, als seien sie aus einem Verkaufsrennen ins Feld gelangt und nicht selbst nahezu allesamt Hochkaräter, sieben Gruppe-I-Sieger mit insgesamt 16 Gruppe-I-Siegen. Da wurden Erinnerungen wach an den großen Dancing Brave, an dessen Sieg im Prix de l´ Arc de Triomphe 1986, ein Rennen, das immer noch als das am besten besetzte Pferderennen aller Zeiten angesehen wird (Acatenango war dabei), getoppt allenfalls von Sea Birds „Arc“ 1965. Wenn am Donnerstag die neue Weltrangliste erscheint, dann wird Almanzor wohl mit 127 (103,5 kg) erscheinen, so ganz sind wir uns im Ranking-Komitee noch nicht einig. Er wird aber in jedem Fall Europas neue Nummer 1, vor ihm nur noch die beiden Amerikaner California Chrome und Arrogate, der Japaner A Shin Hikari und gleichauf mit der australischen Stute Winx.

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Als Handicapper muss man manchmal schier verzweifeln angesichts des Managements mancher Trainer oder auch Besitzer, das weiß man nicht immer so genau. Ich möchte hier keine Namen nennen (wen es interessiert, der wird es ohnehin herauskriegen), aber am Wochenende lief ein Dreijähriger in einem ordentlich besetzten Sieglosenrennen, einige Teilnehmer hatten Ratings hoch in den 60-er-Regionen. Der Dreijährige, um den es geht, war in seinem Rennen vorher knapp geschlagen Zweiter geworden, in einem Ausgleich IV, Kategorie F. Mit einer Marke von 52! Tiefer geht es derzeit für einen Dreijährigen kaum, er hatte vorher bei fünf Starts nur zwei Pferde hinter sich gelassen. Anstatt aber mit dieser niedrigen Marke mit besten Siegaussichten im Handicap zu bleiben, lief das Pferd in einem Maidenrennen, Kategorie D – und wurde Dritter. Hinter einer offenbar sehr veranlagten Debütantin und zwischen den beiden Ende-60-Kilo-Pferden.
Was soll man als Handicapper jetzt tun? Bei 52 Kilo lassen geht ja wohl nicht, da würden die Gegner beim nächsten Handicapstart schön gucken. Ein Riesenaufgewicht von mehr als 10 Kilo geben scheut man aber auch, denn die vorherige Gesamtform darf ja auch nicht ganz außer Acht gelassen werden. In solchen Fällen (so etwas kommt tatsächlich öfters vor) wählen wir häufig einen Kompromiss und geben als Aufgewicht nur die Hälfte der Differenz zwischen dem bisherigen GAG (52 kg) und der zuletzt gezeigten Leistung, in diesem Fall 63,5 kg. Also fünfeinhalb Kilo. Kein gutes Geschäft für 600 Euro Preisgeld.

 

 
 

7. September 2016

„Win and You´re In“. 

So geht der Leitspruch für die Breeders´ Cup Challenge, eine Serie von 77 Rennen in 10 Ländern, bei denen der Sieger eine Startberechtigung und $40.000 Reisekostenzuschuss für eines der Breeders´ Cup-Rennen am 4. und 5. November in Santa Anita, Kalifornien, erhält. Zwei der 28 Rennen, die außerhalb Nordamerikas zu den Challenge-Rennen gehören, fanden am vorigen Wochenende in Baden-Baden statt, der Zastrow-Stutenpreis und der Longines Großer Preis von Baden. 

Die Umgebung von Parvaneh scheint einem Start beim reichsten Renntag weltweit durchaus aufgeschlossen gegenüber zu stehen, jedenfalls war das den Kommentaren nach dem Sieg der Stute am Samstag zu entnehmen. Der Start eines deutschen Pferdes in einem Breeders´ Cup-Rennen wäre ja wirklich mal etwas Neues, ich jedenfalls weiß nicht genau, wann zuletzt ein in Deutschland trainiertes Pferd dabei war. In Erinnerung geblieben ist der zweite Platz von Borgia im Breeders´ Cup Turf, das war 1997. Kaum zu glauben, dass sie wirklich der letzte deutsche Starter dort gewesen sein soll. (Shirocco zählt nicht, er war damals bei André Fabre im Training.)

Parvaneh hat sich für das Fillies & Mare Turf über 2000 Meter qualifiziert. Um dort zu gewinnen, musste man in den letzten zehn Jahren im Durchschnitt 99 kg (Rating 118) können. Für einen vierten Platz, ein eher realistisches Ziel, waren es 96,5 kg (113). 

Davon ist Parvaneh gar nicht mehr so weit entfernt, denn für den Sieg am Samstag haben wir ihr 95 kg (110) zugedacht, das passt recht gut zu den Vorleistungen der hinter ihr platzierten Kasalla (93 kg), Techno Queen (93) und Apple Betty (92,5). Bemerkenswert an Parvaneh ist ja die Tatsache, dass sie im zeitigen Frühjahr bereits ein Grupperennen über 1600 Meter gewinnen konnte, jetzt hat sie 2400 Meter problemlos bewältigt. Ihre große Stärke ist das Finish, sie hat Speed. Am augenfälligsten war dies im Henkel Preis der Diana, als sie aus unmöglicher Position (Vorletzte am Berg) noch auf den fünften Platz lief.

Video: T. von Zastrow Stutenpreis (Gruppe 2), Baden-Baden - Siegerin: Parvaneh

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Speed, also die Fähigkeit, in jeder Phase eines Rennes zu beschleunigen, ist auch das herausragende Merkmal von Iquitos, dem überzeugenden Sieger im Longines Großer Preis von Baden. Der Reiter kann den Speed seines Pferdes (sofern es diese Gabe hat) aus jeder Position heraus einsetzen, aus dem Mittelfeld, von der Spitze aus oder aber – und das ist die klassische und eindrucksvollste Form – nach einem Rennen auf Warten von hinten, am besten vom letzten Platz. Genau diesen klassischen Typ verkörpert Iquitos in Reinkultur, denn wenn ich in unsere Ausgleicherdatei schaue, dann finde ich hinter vier seiner bisher fünf Siege die Bemerkung “kam vom letzten Platz.“ Die erste Kostprobe seines Könnens bot Iquitos bekanntlich beim Frühjahrs-Meeting des Vorjahres, als er einen Ausgleich III „hochüberlegen mit 11 Längen“ gewann. Ich habe ihm damals 7 ½ Kilo Aufgewicht gegeben, mehr als jemals zuvor für einen Handicapsieg in meiner nun doch schon recht langen Tätigkeit als Ausgleicher. Das hat ihn allerdings nicht daran gehindert, gleich das nächste Handicap wieder zu gewinnen.

Was war dieser Große Preis von Baden wert? Bei Lichte betrachtet muss man sagen, dass sowohl die Besetzung als letztendlich auch das Ergebnis – jedenfalls aus Sicht des Handicappers – enttäuschend war, denn die Dreijährigen blieben bis auf Pagella unter Form. Es gab zwar vier Gruppe-I-Sieger im Feld, aber bis auf Serienholde datieren deren Gruppe-I-Erfolge aus vergangenen Jahren. Zudem fehlten – aus unterschiedlichen Gründen – die vier Pferde mit dem bis dahin höchsten Rating in Deutschland: Protectionist, Ito, Isfahan und Savoir Vivre. So konnte eigentlich von vornherein nicht viel herauskommen. Für die vier Erstplatzierten ergibt sich derzeit ein Rating-Durchschnitt von 111,50, also etwas mehr als 95,5 kg. Das ist der tiefste Wert seit mindestens 1996, solange kann ich die Ratings zurückverfolgen. Das alles kann sich zwar noch bessern, wenn sich der eine oder andere aus dem Vordertreffen bis Jahresende noch steigert. Geschieht das nicht, kann mittelfristig sogar der Gruppe-I-Status in Gefahr geraten, denn hierfür wird ein Dreijahres-Durchschnitt von 97,5 kg verlangt.

Wir haben Iquitos vorerst auf 99 kg (118) gesetzt, zwei Kilo mehr als bisher. Das ergibt eine Rechnung über Nightflower, die mit einem GAG von 95 ins Rennen ging und die als Zweite ihre beste Saisonleistung gezeigt hat. 99 Kilo sind für den Sieger im Großen Preis von Baden zwar ordentlich, aber doch weniger als der Durchschnitt. Auf diese Marke kamen in den letzten 20 Jahren auch Prince Gibraltar und Warrsan, dieser zweimal. Prince Flori, Night Magic und – Überraschung – Danedream (2012) und Novellist kamen bei ihren Siegen nur auf 98,5 kg. Dagegen erhielten 13 der letzten 20 Sieger zum Teil deutlich höhere Marken, an der Spitze Danedream im Jahr 2011 mit 103, gefolgt von Tiger Hill (1999) und Samum mit jeweils 102. 

Preis von Europa und Großer Preis von Bayern wurden als nächste Ziele für Iquitos genannt. Da wird es nicht leicht sein, das Rating noch zu verbessern. Ganz anders könnte es aussehen, wenn die Breeder´s Cup-Option gezogen wird, denn er ist ja „drin“. Im Breeders´ Cup Turf. Aber davon war bisher nichts zu hören.

Video: 144. Longines - Grosser Preis von Baden (Gruppe 1), Baden-Baden - Sieger: Iquitos

 

Nachtrag

Zwei Stunden nach der Veröffentlichung des Blogbeitrages meldete sich Norbert Rumstich aus Düsseldorf und teile weitere deutsche Starter im Breeders' Cup mit

2000 Catella im Breeders' Cup Filly Turf, sie wurde Dritte
1998 Caitano im Turf, er wurde Achter
1998 Waky Nao im Turf Mile, er wurde 13.


 
 

31. August 2016

Die Liste der ungeschlagenen Rennpferde führt – und dies vermutlich auf immer und ewig - die ungarische Stute Kincsem an, die zwischen 1876 und 1879 in 54 Rennen ohne Niederlage blieb. In moderner Zeit ragt Black Caviar mit ihren 25 Starts und Siegen heraus, Ribot (16), Frankel (14), Nearco (14) und Personal Ensign (13) folgen dahinter. Nun hat Baden-Baden am Sonntag mit Va Bank ein Pferd gesehen, das nach seinem Erfolg im Sparkassen-Preis in nunmehr 12 Rennen ohne Niederlage ist. Da werden Erinnerungen wach an den unvergessenen Overdose, der erst bei seinem 15. Start seine erste Niederlage einstecken musste, das war in der Goldenen Peitsche 2010. Auch für Va Bank werden die Aufgaben nun schwerer, womit auch die Möglichkeit einer ersten Niederlage näher rückt. Aber zunächst einmal feiert ganz Polen den Sieg dieses Pferdes, der ja auch sportlich einiges wert ist. Der zuverlässige und formstarke Potemkin war als Zweiter sechs Längen vor dem Rest, er sollte damit seine Bestform gezeigt haben, also 96,5 kg. Daraus ergeben sich für Va Bank 97 kg (Rating 114).
Mit dieser Marke ist Va Bank das mit Abstand beste Pferd aus Polen seit Jahrzehnten, seine Umgebung spricht voller Euphorie sogar vom besten polnischen Pferd aller Zeiten. Ich erinnere mich noch gut an eine Zeit, als polnische Rennpferde einen guten Ruf hatten. Das war in den 1970er- und 1980er-Jahren, als Pawiment, Czubaryk und Krezus für deutsche Besitzer und Trainer große Rennen gewannen und im GAG bis an die 100-Kilo-Marke heranliefen, Pawiment sogar darüber hinaus. Als es den Ostblock noch gab und das alljährliche Meeting der sozialistischen Länder, waren die polnischen Pferden meistens die zweitbesten, nach den Russen. Danach folgte ein Abstieg, und derzeit ist die Leistungsdichte dort nicht sehr groß. Dies wird am Beispiel der Stute Uczitelca Tanca deutlich, die im polnischen Generalhandicap bei den älteren Pferden an 10. Stelle steht und Mühe hat, hier mit einer Marke von 68 ein Handicap zu gewinnen.

Va Bank siegt unter Martin Seidl im 61. Preis der Sparkassen Finanzgruppe
Va Bank siegt unter Martin Seidl im 61. Preis der Sparkassen Finanzgruppe

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Wenn ein Pferd wegen Behinderung zurückgesetzt wird, ist das für die Betroffenen immer bitter. Wir Ausgleicher kümmern uns aber nicht groß darum und beurteilen die Pferde im Wesentlichen so, wie sie durchs Ziel gekommen sind. Deshalb hat Donnerschlag nach der Goldenen Peitsche auch eine neue Marke von 95,5 kg bekommen, die Leistung des zum Sieger erklärten Markaz war dagegen nur 94,5 kg wert. Er war im Ziel ja auch eine dreiviertel Längen hinter Donnerschlag und hatte mit der Behinderung nichts zu tun.  

Video: 146. Goldene Peitsche (Gruppe 3), Baden-Baden - Sieger: Markaz

Anders werden Fälle behandelt, in denen bei einem Pferd ein unerlaubtes Mittel festgestellt wird. Da das Pferd dann ganz aus der Wertung fällt, wird auch die gezeigte Leistung von uns gestrichen. Für ein Handicappferd wirkt sich dies günstig aus, da das Aufgewicht wieder wegfällt. Eher ungünstig ist es aber nach einem Gruppesieg, denn in der Regel wollen Besitzer und Züchter in einem solchen Fall ein möglichst hohes Rating. Der spektakulärste Fall dieser Art ereignete sich 2008, als Oriental Tiger seinen überragenden 7-Längen-Sieg im Rheinland-Pokal gegen den frischen Derbysieger Kamsin verlor und damit auch die ihm zugedachten 101 kg (Rating 122). 

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Vorige Woche schrieb ich, dass wir in Baden-Baden näheren Aufschluss über den Leistungsstand unserer Dreijährigen erhalten werden. Nun ist das doch schon früher und woanders eingetreten, nämlich am vorigen Sonntag in Deauville beim dortigen Grand Prix, den unser Derbyzweiter Savoir Vivre gewinnen konnte. Das war eine feine Leistung, auch wenn nur vier Pferde liefen und es ein taktisches Rennen war. Die hinter Savoir Vivre eingekommenen Siljan´s Saga und Erupt waren vorher immerhin platziert im Grand Prix de Saint-Cloud gelaufen und mit ordentlichen Ratings ausgestattet. Siljan´s Sagas aktuelle Marke ist 112 (96 kg) und hierüber gerechnet kommt Savoir Vivre auf 116 (98 kg) und damit auf die gleiche Marke wie Derbysieger Isfahan. Da beide in Hamburg nur um einen kurzen Kopf voneinander getrennt waren, passt das sehr gut. Für das Deutsche Derby jedenfalls war das nach dem Erfolg von Wai Key Star eine Woche vorher in Hannover eine weitere Aufwertung, die auf den Hamburger Renn-Club beruhigend wirken dürfte, der ja immer etwas in Sorge um das Derby-Rating ist.

Video: 2016 Grand Prix de Deauville - Sieger: Savoir Vivre

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Aus Amerika kommt nur eine Woche nach den großartigen Siegen von California Chrome und Songbird erneut die Nachricht von einem Monster-Sieg. In den Travers Stakes in Saratoga siegte der von Hall-of-Fame-Trainer Bob Baffert vorbereitete Arrogate mit nicht weniger als 13 ½ Längen Vorsprung gegen einige der besten amerikanischen Dreijährigen. Dabei verbesserte er auch noch den von General Assembly gehaltenen 37 Jahre alten Bahnrekord für die 2000-Meter-Strecke um 64 Hundertstel auf 1:59,36 Minuten. Es war der vierte Sieg beim fünften Start für den Sohn von Unbridled´s Song, der als Jährling für $560.000 von Juddmonte Farms gekauft wurde. Als Handicapper steht man jetzt vor der Aufgabe, einen solch überragenden Sieg einzuordnen. Es wird wohl auf ein Rating von 130 (105 kg) oder knapp darunter hinauslaufen, Arrogate wäre damit die Nummer zwei in der Welt hinter California Chrome. Man plant jetzt ohne Umwege einen Start im Breeders´ Cup Classic, das in diesmal das Rennen des Jahres zu werden verspricht.

 

 
 

24. August 2016

D

as 147. Deutsche Derby liegt nun schon eine Weile hinter uns, und jetzt hat sich auch einer der vier Erstplatzierten aus Hamburg wieder an die Öffentlichkeit gewagt. Wai Key Star, der Vierte von Horn, gewann am Sonntag den Großen Audi-Preis in Hannover.

Video: Großer Audi Sport Preis (Gruppe 3), Hannover - Sieger: Wai Key Star

Das ist das ehemalige Fürstenberg-Rennen, das 130 Jahre lang in Baden-Baden gelaufen wurde, seit 2011 aber wie ein Wanderpokal zwischen Hannover, Krefeld und Düsseldorf hin- und hergereicht wird. In den Iffezheimer Glanzzeiten gewannen Pferde wie Carroll House, Zampano oder Lirung dieses Rennen. Mit denen kann sich Wai Key Star zwar noch nicht vergleichen, er ist aber auf einem guten Weg dahin. Denn die 97 kg (Rating 114), die sich Wai Key Star für den Sieg verdient hat, sind der zweitbeste Wert in diesem Rennen in den letzten 20 Jahren, der Beste war Liang Kay mit 98 kg.

TOP 5 seit 1996

Jahr Pferd Kilogramm
2008 Liang Kay 98,0
2016 Wai Key Star 97,0
1998 Indikator 96,5
2007 Persian Storm 96,0
2003 Big Bad Bob 96,0

Das Rennen in Hannover war fast eine Kopie des Frühjahrs-Preises in Iffezheim, als Wai Key Star gegen El Loco und Noble House gewann. Die Form steht also, nur das Wai Key Star diesmal mit noch mehr Autorität gewann und sein GAG um ein Kilo verbessern konnte. Er bleibt aber vorerst die Nummer vier in der Rangordnung der Dreijährigen, hinter den Pferden, die in Hamburg vor ihm waren. Für das Derby war eine erste, aber deutliche Bestätigung der Form. Was diese wirklich wert ist, steht allerdings weiter in den Sternen. Denn bisher sind unsere besten dreijährigen Hengste weder international noch gegen ältere Spitzenpferde geprüft worden. Wenn nicht alles täuscht, wird das demnächst in Baden-Baden passieren.

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Obwohl er mit dem Juddmonte International in York am vorigen Mittwoch sein sechstes Rennen in Folge gewonnen hat, tut sich Postponed immer noch ein wenig schwer mit dem Status eines Superstars. Mehr als eine Marke von 124 (102 GAG) wird auch diesmal kaum herauskommen, in der zuletzt am 11. August veröffentlichten Weltrangliste wird er sich damit nicht verbessern können. Derzeit ist er Fünfter. Dagegen faszinieren Superstars derzeit die Rennsportöffentlichkeit in den Vereinigten Staaten, allen voran California Chrome und die nach ihrem erneuten Sieg am Wochenende in Saratoga nunmehr in zehn Rennen ungeschlagene Songbird (Rating 122=101 GAG). 

Del Mar in Kalifornien war am vorigen Samstag Schauplatz des weltweit vielleicht am besten besetzten Pferderennens dieses Jahres, denn im Pacific Classic kam zu einem Aufeinandertreffen von California Chrome mit der Championstute Beholder und dem sehr guten Dortmund. 

Video: 2016 TVG Pacific Classic - Sieger: California Chrome

Wer sich dieses Rennen ansieht, zweifelt nicht mehr daran, dass California Chrome derzeit das beste Pferd der Welt ist, und zwar mit Abstand. Vom Start weg deutlich voraus, hatte der bunte Fuchs im Ziel fünf Längen Vorsprung vor Beholder und Dortmund. Damit sind auch die Tage von A Shin Hikari (Rating 129=104,5 GAG) als Nummer eins in der Welt gezählt, denn wenn die neue Weltrangliste am 14. September erscheint, wird California Chrome ganz oben stehen. Ein Rating von mehr als 130 (105 GAG) ist ihm sicher.

Der Aufstieg von California Chrome zum besten Pferd der Welt ist ja eine von den Aschenputtel-Märchen, die den Rennsport am Leben halten und ihn so faszinierend machen. Wegen seiner - gelinde gesagt - gewöhnlichen Abstammung gibt es viele Geschichten um dieses Pferd, am schönsten finde ich die Story über die Entstehung des Stallnamens, unter dem California Chrome in seinen ersten drei Rennzeiten gelaufen ist. Die kalifornischen Kaufleute Steven Coburn und Perry Martin kauften die Mutterstute Love The Chase auf einer Auktion für nur 8000 Dollar. Nach dem Zuschlag schnappten sie die Bemerkung eines Besuchers auf, wonach „nur ein Vollidiot“ diese Stute kaufen konnte („only a dumb ass would buy that mare“). Als die Stute dann zwei Jahre später nach Bedeckung durch den eher obskuren Deckhengst Lucky Pulpit ein wunderschönes Hengstfohlen mit vier weißen Beinen und einer großen Blesse brachte, waren sie überzeugt, einen künftigen Kentucky Derby-Sieger zu besitzen. Sie erinnerten sich an den Spruch auf der Auktion und gaben ihrer Partnerschaft den Namen „DAP“, eine Abkürzung für „Dumb Ass Partners“. Die drei Buchstaben schmücken zusammen mit einem Eselskopf auch ihren Renndress. California Chrome gewann neben dem Pacific Classic auch das Kentucky Derby, die Preakness Stakes und den Dubai World Cup und hat mit 13,2 Millionen Dollar mehr gewonnen, als jedes andere amerikanische Pferd. Seine Website findet man unter www.thechampisback.com

 

 
 

17. August 2016

Für den Handicapper stellt sich nach dem Zieleinlauf oft die Frage nach dem Wert des gerade gelaufenen Rennens. Dabei gibt es mancherlei zu bedenken, in erster Linie natürlich die Güte der Teilnehmer und die Abstände zwischen ihnen, die Gewichte, aber auch äußere Einflüsse wie Bodenbeschaffenheit und anderes mehr. Auch die Zeit, in der das Rennen gelaufen wurde, kann eine Rolle spielen. Dabei liefern erfahrungsgemäß gleichmäßig schnell gelaufene Rennen die zuverlässigsten Ergebnisse, verbummelte oder überpacete Rennen die unzuverlässigsten. Hilfestellung bei der Frage, ob ein Rennen nun schnell oder langsam gelaufen wurde, gab es bisher lediglich durch die Gesamtzeit, die der Zielrichter durch eine halbautomatische Messung feststellt. Dank seines Sponsors Longines hat der Rennverein Hoppegarten nun auch den deutschen Rennsport in das Zeitalter moderner Zeitmessung geführt. Er hat auf seiner Rennbahn ein hochmodernes Trackingsystem installiert und nach einigen Testläufen beim Festival-Meeting am vergangenen Wochenende in Betrieb genommen. Wesentlicher Teil dieser Neuerung sind dabei Zwischenzeiten, die alle 200 Meter genommen werden, so dass man jetzt bei der Analyse eines Rennens nicht mehr allein auf den Augenschein und sein Gefühl angewiesen ist, sondern das Tempo eines Rennens in jeder Phase exakt verfolgen kann. Dieses „Sectional Timing“ ist woanders seit langem Gang und Gäbe und Hoppegarten kann sich in dieser Beziehung jetzt in eine Reihe mit den großen internationalen Rennbahnen stellen.

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Der Longines Großer Preis von Berlin am vergangenen Sonntag gab gleich Gelegenheit, sich vom Wert des neuen Zeitmess-Systems in der Praxis zu überzeugen. Dass es ein taktisches Rennen würde, war zu ahnen, auch dass Protectionist sich notfalls das Rennen selber machen würde. Dass Eddie Pedroza dabei aber derart extrem auf die Bremse drücken würde, dürfte sogar sein engstes Umfeld etwas nervös gemacht haben.

Video: 126. Longines Gr. Preis von Berlin (Gruppe 1), Berlin-Hoppe - Sieger: Protectionist

Eine sehr gute Zeit auf den letzten 400 Metern bei einer im Übrigen schnellen Pace – das ist das Grundmuster, an dem man ein Klassepferd erkennen kann. Protectionist musste nun nichts mehr beweisen, aber das Anfangstempo am Sonntag in Hoppegarten war beängstigend langsam, und das der Hengst hier nicht in eine Falle gelaufen ist und sich nicht von einem Speedpferd hat überraschen lassen, lag daran, dass er selber das überragende Speedpferd im Rennen war. Der Hengst verfügt bei praktisch unbegrenztem Stehvermögen über eine so enorme Grundschnelligkeit und ein so großes Beschleunigungsvermögen, dass der den Überrumpelungsversuch, den Andrasch Starke mit Nightflower unternahm, gegen die Wand lief. Das war der Moment zu Beginn der Zielgeraden, als Eddie Pedroza den höchsten Gang einlegte und von gemächlichen 53,5 km/h auf enorme 65,7 km/h beschleunigte. Diese 65,7 km/h war die Durchschnittsgeschwindigkeit zwischen der Sechshundert- und der Zweihundert-Meter-Marke, die Protectionist in brillanten 21,90 Sekunden zurücklegte. Bis zum Ziel fiel das Tempo dann wieder auf immer noch beachtliche 63,5 km/h. Sieht man von der Startphase ab, so lag die langsamste Teilstrecke zwischen 2200m und 1800m, dort joggte Protectionist mit 49,7 km/h über die Piste und kam erst nach erstaunlichen 1:27, 17 Minuten an der 1200-Meter-Marke an. Die auf den Bildschirmen während der Übertragung angezeigten Zwischenzeiten bezogen sich natürlich nur auf den Führenden, das in diesem Fall in jeder Phase auch der spätere Sieger war. Das System liefert aber sicher auch die Zeiten für die anderen Teilnehmer. Der Hoppegartener Rennverein sollte einen Weg finden, diese zu veröffentlichen.

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Protectionist ging mit einem GAG von 100 (Rating 120) in das Berliner Rennen, in der Weltrangliste ist er damit die Nummer 24. Es war von vornherein nicht zu erwarten, dass er diese Marke erreichen oder sogar noch verbessern würde. Dazu hätte es – bei allem Respekt – stärkerer Gegner bedurft. Über den sehr zuverlässigen Guignol (GAG 94) gerechnet kommt Protectionist auf 98 kg (Rating 116), die drittbeste Leistung seiner Laufbahn. Nur die Siege in Melbourne Cup und Idee-Hansa-Preis wurden höher bewertet.


 

 
 

10. August 2016

In der Theorie gibt es keinen Unterschied zwischen Theorie und Praxis. In der Praxis schon.

 Das ist nicht etwa das Motto des Handicappers, sondern ein Zitat, das unterschiedlichen Personen zugeschrieben wird, am häufigsten der amerikanischen Baseball-Legende Yogi Berra. Die Richtigkeit dieses Spruchs zeigte sich wieder einmal am Sonntag in Düsseldorf beim Henkel-Preis der Diana. Theoretisch konnte die englische Stute Architecture gar nicht verlieren, sie stand viereinhalb Kilo über dem restlichen Feld. Praktisch hat sie dann aber doch verloren, recht deutlich sogar. Seit die Diana im August gelaufen wird, seit 2008 also, war Architecture die dritte Stute, die vorher bereits in den englischen Oaks gelaufen war. Die erste war 2011 Dancing Rain, die sowohl in Epsom als auch in Düsseldorf siegte. Secret Gesture wurde in beiden Rennen Zweite, Architecture kam nach ihrem zweiten Platz in England jetzt in Düsseldorf auf Rang drei.

Architecture
Architecture

Unsere Diana ist also seit der Verlegung in den August (vorher wurde das Rennen im Juni gelaufen) deutlich attraktiver geworden. Das zeigt sich auch am Rating, das unmittelbar nach dem Rennen für die Siegerin vergeben worden ist. In den neun Jahren von 1999 bis 2007 waren das durchschnittlich 94,8 kg, danach von 2008 bis 2016 waren es 96,3 kg, eine Steigerung von immerhin 1,5 kg. Der Verlust des Gruppe-I-Status, der früher immer wie ein Damoklesschwert über dem Rennen schwebte, ist derzeit kein Thema mehr.
Für ihren Sieg hat Serienholde 96,5 kg bekommen (Rating 113). Dabei sind wir von der Annahme ausgegangen, dass Architecture zwar recht deutlich unter ihrer Form aus den englischen Oaks (97 kg) geblieben ist, als sie Minding richtig ans Arbeiten gebracht hatte und acht Längen vor dem Rest ins Ziel kam. Aber an ihre Leistung aus den irischen Oaks, sollte sie doch so ungefähr heran gekommen sein. Also haben wir für Architecture 94,5 in Rechnung gestellt, woraus sich dann für Serienholde 96,5 kg ergeben. Das alles ist – wie immer – nur vorläufig und bedarf am Jahresende noch der Bestätigung durch das World Ranking Committee.

Video: 158. Henkel-Preis der Diana - German Oaks (Gruppe 1), Düsseldorf - Siegerin: Serienholde

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Ob das geschieht, wird von den weiteren Leistungen der Erstplatzierten in den kommenden Wochen und Monaten abhängen. In dieser Beziehung ist allerdings leichte Skepsis angebracht, zumindest was die Siegerin angeht. Denn die weitere Performance der Diana-Siegerinnen der letzten Jahre ist, gelinde ausgedrückt, steigerungsfähig. Von den acht deutschen Siegerinnen seit 2008 hat einzig und allein Night Magic später noch gewinnen können. Meist nahte nach einem erfolglosen Start, entweder im Prix Vermeille oder Prix de l´Opera, schon das Ende der Karriere. Serienholde aber hat eine Nennung für den Großen Preis von Baden bekommen, ein Start dort wäre einmal etwas ganz Neues für eine frische Diana-Siegerin. Und das Gestüt Wittekindshof ist auch bekannt dafür, seine besten Stuten noch länger in Training zu behalten. Von den vier anderen Diana-Siegerinnen dieses Gestüts sind Night Petticoat, Elle Danzig und Next Gina auch vierjährig noch gelaufen, nur Rosenreihe ging schon Ende dreijährig in die Zucht. 

Mit ihrer neuen Marke steht Serienholde im Vergleich zu anderen europäischen Diana-Siegerinnen zwar deutlich unter der Ausnahmestute Minding (100 kg), aber doch in der Nähe der noch ungeschlagenen La Cressonniere aus Frankreich und Seventh Heaven aus Irland (beide 97,5) und klar über Nepal (92,5), der italienischen Oaks-Siegerin. Für eine deutsche Diana-Siegerin sind 96,5 kg eine gute Zahl, übertroffen nur von Dancing Rain (98,5 kg). Auf 96,5 kg kamen sonst zuletzt auch Turfdonna, Night Magic, Rosenreihe und Mystic Lips.

Serienholde
Serienholde
 

 
 

3. August 2016

Wenn Herr Fabre ein Pferd nachnennt, dann hat es immer eine Siegchance. 

Das sagte Frankie Dettori am Sonntag in München voller Hochachtung vor den fachlichen Qualitäten dieses Trainers, als wir nach dem Sieg von Elliptique im Dallmayr-Preis ein paar Worte wechselten. Erinnerungen kommen dabei auf an Vadamos, der voriges Jahr als von André Fabre nachgenanntes Pferd mit dem Darley Oettingen-Rennen auf und davonging, obwohl man dies nach Vorleistungen auch nicht unbedingt erwarten konnte. Vadamos, der vorher nur ein Rating von 92 kg hatte, erhielt für seinen Sieg seinerzeit 97,5 kg und er hat diese Marke später sogar noch steigern können. Elliptique ging mit 95 kg in den Dallmayr-Preis, jetzt hat er 97,5 kg, eine deutliche Verbesserung. Außer der Erwartungshaltung, die sich durch die Nachnennung äußerte, und der Verpflichtung von Dettori deutete eigentlich wenig auf einen Sieg von Elliptique hin. Mit Ito, Iquitos, Potemkin und Articus als höher oder zumindest gleich hoch eingestufte Pferde durfte man hoffen, das Rennen im Lande zu halten. Daraus wurde nun nichts. Es gibt auch keine Entschuldigungen, es sei denn die Vermutung, dass für Ito und Iquitos die 2000 Meter doch etwas zu kurz waren. Die Marke von 97,5 kg (Rating 115) ergibt sich über den sehr zuverlässigen Articus (95 kg), der, nicht weit geschlagen, als Fünfter seine zuvor gezeigten Leistungen aus Baden-Baden und Hamburg eingestellt hat. Auch Potemkin und Iquitos liefen ihre Form aus, Royal Solitaire konnte sich noch einmal steigern, nicht unerwartet.

Video: Großer Dallmayr Preis (Gruppe 1), München - Sieger: Elliptique

Die besten Dallmayr-Sieger seit 2000

Jahr Siegpferd GAG Rating
2012 Pastorius 101 122
2000 Greek Dance 101 122
2008 Linngari 99,5 119
2001 Kutub 99,5 119
2014 Lucky Lion 99 118
2011 Durban Thunder 99 118
2013 Neatico 98,5 117
2009 Pressing 98,5 117
2003 Ransom o´ War 98,5 117

Es war der erste Gästeerfolg im Dallmayr-Preis seit Lady Jane Digby vor sechs Jahren. Danach scheiterten einige ausländische Pferde mit durchaus prominenten Namen wie Famous Name (an Durban Thunder) oder Noble Mission (an Lucky Lion). Das Rating von 97,5 kg (115) für Elliptique liegt mehr als ein Kilo unter dem Durchschnitt für den Sieger aus den letzten zehn Jahren und es ist nach den 96,5 kg für Guiliani aus dem Vorjahr auch die niedrigste Marke seit Lord of England, der 2006 auf ebenfalls 97,5 kg kam. Ein Star wie Pastorius, dessen Dallmayr-Sieg 101 kg wert war, ist derzeit nicht zu sehen. Er wird aber dringend gebraucht.

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16 Pferde sind zugelassen über 2200 Meter in Düsseldorf, aus Sicherheitsgründen. Aber 18 wollen laufen am Sonntag im Henkel Preis der Diana, jedenfalls nach dem Stand vom heutigen Mittwoch. Also Ausscheidungsverfahren, nach der Rennordnung erfolgt dies über das Rating. Nun stehen auf Platz 16 mit Nordwienerin und Sarandia zwei Stuten, die beide mit einem vierten Platz in Listenrennen ein GAG von 84 kg erreicht haben. Es muss also eine vernünftige Lösung gefunden werden, und die sieht so aus, dass nunmehr die zweitbeste Leistung entscheidet. So wie das auch in der Leichtathletik der Fall ist, wenn Weitspringer oder Speerwerfer auf die gleiche Weite kommen. Danach ist der Fall recht eindeutig, denn Sarandia hat als nächstbeste Leistungen 78 und 72,5 kg vorzuweisen, während Nordwienerin zuvor zweimal 68 erreicht hatte. Ähnliches gab es übrigens schon einmal, vor sechs Jahren. Damals kam die Röttgenerin Enora mit einem GAG von 72 als Nummer 16 so gerade noch ins Feld – und gewann.

 

 
 

27. Juli 2016

„Vorne kann man nicht behindert werden“. Das war meist die Antwort von Heinz Jentzsch, dem größten Trainer, den Deutschland je hatte, auf die Frage, warum denn so viele seiner Pferde im Rennen immer vorne gehen. Aber diese Antwort war vielleicht nur ein vorgeschobenes Argument. Denn vorne kann man nicht nur nicht behindert werden, sondern man kann dort vor allem das Tempo bestimmen. Und das Geheimnis des Erfolges im Galopprennen ist nun einmal das richtige Tempo. Für das beste Pferd im Feld muss es schnell sein, deshalb wird in großen Rennen auch gerne ein Pacemaker eingesetzt. Steht ein solcher nicht zur Verfügung, muss sich der Favorit das Rennen am besten selber machen, aber hier das richtige Maß zu finden, ist eine große Kunst. Der größte Künstler auf diesem Gebiet ist derzeit Ryan Moore, am vorigen Samstag zu Recht gefeiert für seine – wie soll man sagen? – Choreographie eines Rittes auf Highland Reel in den King George VI and Queen Elizabeth Stakes in Ascot. Mit mehreren genialen Tempowechseln setzte er seine Gegner von der Spitze aus matt.


Video: Zieleinlauf 2016 King George VI and Queen Elizabeth Stakes - Sieger: Highland Reel

Mit Favoriten wird selten ein Start-Ziel-Sieg versucht, jedenfalls in großen Rennen ist das so. Vielleicht weil eine entsprechende Order selten gegeben wird, und auf eigene Faust will kaum ein Reiter etwas riskieren. So wie Lester Piggott beim zweiten Sieg von Alleged im Prix de l´Arc de Triomphe 1978, über den Trainer John Gosden, damals Assistent am Stall von Vincent O´Brien, folgendes berichtet: „O´Brien hielt Piggott im Führring von Longchamp eine ellenlange Predigt, wie er das Rennen anzugehen habe. Lester rollte mit den Augen, und aus dem Mundwinkel heraus fragte er mich, ob ich nicht ein Notizbuch für ihn hätte. Im Rennen sprang Piggott dann vorne ab und gab die Spitze bis ins Ziel nicht mehr ab. Ein prägendes Erlebnis für meine Laufbahn.“ Start-Ziel-Siege in großen Rennen sind auch bei uns eher selten, zuletzt hat dies wohl Christophe Soumillon am eindrucksvollsten vorgeführt, bei seinem Elf-Längen-Sieg mit Sea The Moon im Deutschen Derby 2014.

Im Übrigen waren diese „King George“ nur ein schwacher Abglanz früherer, größerer Tage, als Nijinsky, Mill Reef, Brigadier Gerard, Dahlia, Shergar, Dancing Brave, Nashwan, Montjeu oder Galileo hier siegten, um nur die Besten zu nennen. Ratings von weit über 130 =105 kg bis hin zu 140=110 kg für den Sieger waren nicht selten. Danedream (127 incl. Stutenerlaubnis) und Novellist (128) gehörten noch zu besseren Siegern aus den vergangenen Jahren, während zuletzt Postponed und nun Highland Reel mit einer Einschätzung von 121=100,5 den vorläufigen Tiefpunkt für dies so ruhmreiche Rennen bilden. Trotz der hohen Dotierung von rund 1,5 Mio. Euro haben die Trainer und Besitzer dieses Rennen nicht mehr auf dem Radar, sie warten lieber auf die großen Rennen im Herbst oder gehen in die kommenden Gruppe-I-Rennen über 2000 Meter in York und Leopardstown. Unsere Spitzenpferde brauchen zum Glück keine Sommerpause. Für sie stehen hier an den kommenden Wochenenden drei entscheidende Gruppe-I-Rennen an.

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Ich werde häufig gefragt, wie denn die Handicapmarken aus England oder Frankreich umgerechnet werden. Ob es denn eine Tabelle gibt oder eine Formel. Die gibt es nicht und der Grund hierfür ist, dass die Handicapsysteme in Deutschland auf der einen und in Frankreich und England auf der anderen nicht miteinander kompatibel sind, sie passen nicht recht zueinander.
Leider wird es jetzt etwas kompliziert, aber es geht nicht anders: Frankreich fasst seinen Pferdebestand in einen Bereich zwischen 15 kg und 60 kg zusammen, also in einer Spanne von 45 kg. Auch in England beträgt die Spanne ungefähr 45 kg. Hier in Deutschland sind es aber 56 kg (44 bis ca. 100). Wenn man nun mit dem Umrechnen oben anfängt, klappt zunächst alles noch recht gut. Ein deutsches 100-Kilo-Pferd entspricht einem französischen Pferd mit einem Valeur von 55 und einem englischen mit einem Rating von 120 (lbs. = 450 Gramm). Diese Zahlen sind auch international abgestimmt, und zwar bis in einen Bereich von rund 90 kg GAG, die Marke für den durchschnittlichen Sieger eines Listenrennens. Geht man nun aber weiter linear nach unten, also in die Handicap-Regionen, gerät man in Schwierigkeiten. Denn in Frankreich ist bei einem Valeur von 15 Schluss, in England bei einem Rating von 30. Das entspräche dann aber in beiden Fällen einem GAG von 60 kg, was viel zu hoch ist. Denn liefe das schwächste englische oder französische Pferd mit einer Marke von 60 in einem deutschen Handicap - es wäre chancenlos. Also müssen wir mit den Handicap-Pferden aus England und Frankreich schneller runter gehen, als wir es mathematisch eigentlich tun müssten. Übersetzt man ein englisches Rating von 65 oder ein französisches Valeur von 27 mit ungefähr 65 kg GAG, kommt man zu recht guten Ergebnissen. Von hier aus kann man dann nach unten und oben rechnen, nach unten in etwas größeren Schritten.

 

 
 

20. Juli 2016

Federico Tesio, der „Hexer von Dormello“, antwortete einmal auf die Frage, welche Art von Pferden das Ziel der Vollblutzucht sein sollte: 

“Sehr lange Pferde. Denn wenn es gelingt, ein tausend Meter langes Pferd zu züchten, dann hat es ein Tausendmeter-Rennen schon gewonnen, bevor die anderen überhaupt vom Start sind.“

 Die Züchter in Deutschland haben diese Anregung nicht aufgegriffen, sie haben aber, überwiegend wenigstens, ein anderes Zuchtziel ausgemacht: den speedbegabten Steher, der eine Rennstrecke von mindestens 2000 Meter braucht, besser noch 2400 Meter. Auf diesen Distanzen jedenfalls sind deutsche Rennpferde auch auf international höchstem Niveau konkurrenzfähig, wenn auch nicht in jedem Jahr. Flieger und Meiler dagegen haben es schwerer. Seit 1986, dem Jahr, in dem Deutschland Mitglied der International Classification (jetzt World Rankings) wurde, haben 136 in Deutschland trainierte Pferde ein Rating von 115 (GAG 97,5) oder mehr erreicht, die Grenze für die Aufnahme in die Welt-Klassifikation. Nur 20 davon waren Flieger oder Meiler, also nicht einmal 15 Prozent. Das zeigt eindrucksvoll, wo die Stärken der deutschen Rennpferde liegen. Und wo nicht.

Düsseldorf war am Sonntag Schauplatz der Aengevelt Meilen-Trophy. Das ist die ehemalige Berlin-Brandenburg-Trophy in Hoppegarten, ein Gruppe II-Rennen über die Meile, die dort bis 2004 gelaufen wurde. Wer danach die Odyssee dieses Rennens über die deutschen Rennbahnen fehlerfrei aufsagen kann, der hätte gute Chancen bei der Gedächtnis-Weltmeisterschaft. Köln, Hannover, Krefeld und Düsseldorf waren mal in diesem, mal in jenem Jahr die Ausrichter, wobei das Rennen nicht weniger als acht verschiedene Titel trug. Nun also wieder Düsseldorf, zum dritten Mal nach 2009 und 2011. Der Mangel an guten Meilenpferden zeigte sich auch daran, dass nur sechs Pferde liefen, darunter kein Dreijähriger. Und der Sieger war ein Italiener! Kaspersky.

Video: Aengevelt Meilen Trophy (Gruppe 2), - Sieger: Kaspersky

Das ist ja nun einmal etwas ganz Besonderes. Ich habe mein Gedächtnis angestrengt und in den Rennkalendern geblättert, und wenn ich nichts übersehen habe, war dies der erste und einzige Gruppesieg eines italienischen Pferdes in Deutschland seit es überhaupt Grupperennen gibt, also seit 1972. Allerdings gewann Nandino im Frühjahr 1984 den Großen Preis von Düsseldorf offiziell unter Trainer A. Aiello, als er im Frühjahr 1984 drei Tage vorher aus seinem Winterurlaub in Pisa in den Rennstall von Heinz Hesse zurückgekehrt war. Der letzte große Sieg eines italienischen Pferdes in einem bedeutenden deutschen Rennen müsste demnach der von Stradford im Großen Preis von Baden 1969 gewesen sein. An dessen Sieg jedenfalls, gegen Cortez, kann ich mich noch gut erinnern. Wir haben Kaspersky ein GAG von 96 kg gegeben. Nach Guiliani im Düsseldorfer Frühjahrs-Preis (96,5) war dies die beste Leistung über die Meilendistanz in diesem Jahr auf einer deutschen Rennbahn, zusammen mit dem Mehl-Mülhens-Sieger Knife Edge. Degas steht bei 95,5 kg, Millowitsch bei 95. Wild Chief und Pas de Deux haben es in französischen Rennen bisher auf 95 kg gebracht. Da ist für unsere Meilenelite noch Luft nach oben.

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Kaspersky hat die 1600 Meter in Düsseldorf in einer Zeit von 1:34,98 Minuten zurückgelegt. Das dürfte Bahnrekord sein. Ebenso wie die 2:13,08 Minuten, die eine halbe Stunde später Sarandia für ihren nun wirklich beeindruckenden Sieg in einem kleinen Siegerrennen über die Diana-Distanz von 2200 Meter benötigte. Die schnellste Diana-Siegerin in Düsseldorf war bisher Penelopa mit 2:13,53. 

Penelopa siegt unter Eduardo Pedroza im 155. Henkel-Preis der Diana - Deutsches Stutenderby, 2013
Penelopa siegt unter Eduardo Pedroza im 155. Henkel-Preis der Diana - Deutsches Stutenderby, 2013

Das heißt natürlich nicht, dass Sarandia nun auch die Diana gewinnen wird, aber gute Aussichten sollte sie, vor allem auf schneller Bahn, schon haben, denn Rekordzeiten, das zeigt sich immer wieder, schaffen nur wirklich gute Pferde. Für uns Handicapper ist die Zeit eines Rennens in einem Sport, in dem es vor allem ums Gewinnen geht, von eher untergeordneter Bedeutung. Sie hilft aber doch häufig bei der Interpretation eines Rennverlaufs. Sie würde dies noch viel mehr tun, wenn es – so wie das woanders üblich ist – auch auf den großen deutschen Rennbahnen ein „Sectional Timing“ gäbe, also eine deutlich aussagekräftigere Zeitmessung mit den Zwischenzeiten alle 200 Meter. Die gab es ganz früher schon einmal, ist aber nach dem Krieg wieder vergessen worden. Aber es tut sich etwas. Hoppegarten will jetzt ein neues, modernes Zeitmessverfahren einführen, die technischen Voraussetzungen dafür sind bereits geschaffen und am Renntag mit dem Diana-Trial auch schon einmal ausprobiert worden.

Was Sarandia angeht, so haben wir uns noch einmal ihren Start zuvor angesehen, als sie in einem Listenrennen auf schwerer Bahn Vierte wurde. Unser Basis-Pferd für die Berechnung dieses Rennens war damals die Aga Khan-Stute Erennda, die unser französischer Handicap-Kollege seitdem aber um zwei Kilo angehoben hat. Wir haben diese Aufwertung übernommen, so dass Sarandia jetzt bei 84 kg (vorher 82) steht.

Sarandia
Sarandia
 

 
 

14. Juli 2016

Das Hamburger Wetter ist ja, glaubt man einem der vielen Sprichwörter über dieses Thema, in der einen Hälfte des Jahres schlecht, während es in der anderen Zeit regnet. Altgediente Derbygänger sind geneigt, dies im Kern als richtig anzuerkennen. Denn die Wörter „Hamburg, Derby, Wetter“ assoziiert das Gehirn blitzschnell mit Begriffen wie Sumpfderby, Schlammderby oder Regenderby. In der Derbychronik des Hamburger Renn-Clubs sind mit diesen Wörtern auch die Berichte über die langsamsten Derbys der letzten hundert Jahre überschrieben: Mah Jong (3:02,20), Navarino (2:48,10) und Robertico (2:45,12). Hier reiht sich nun, an dritter Stelle, der jüngste Derbysieger ein, denn Isfahan brauchte 2:45,97 Minuten, um die 2400 Meter zu bewältigen. Auch für den Handicapper sind Rennen auf extremen Bodenverhältnissen nicht beliebt, bringen sie doch häufig das ganze mühsam aufgebaute Zahlengebäude ins Wanken. Aber auch das „Sumpfhuhn“ verdient Anerkennung, ja es vollbringt physisch eine vielleicht noch größere Leistung als das Schönwetterpferd. „War of Attrition“, also Abnutzungskrieg, nannte der Informationsdienst „Thoroughbred Daily News“ den Kampf um das diesjährige Deutsche Derby, in dem einige der Favoriten, als erstes Landofhopeandglory, danach El Loco und dann auch Boscaccio schon früh die weiße Fahne hissen mussten. Dann, ganz zum Schluss, wurde es aber doch noch ein richtig spannendes Derby, mit einer Kampfankunft, die man so intensiv schon lange nicht mehr erlebt hat.

Video: IDEE 147. DEUTSCHES DERBY (Gruppe 1), Hamburg - Sieger: Isfahan

Die Frage, ob ein Derbysieg auf tiefem Geläuf nun weniger wert ist, als einer auf gutem Boden, kann nicht grundsätzlich beantwortet werden. Es gibt eben solche und solche. Schaut man sich die Liste der zehn langsamsten Derbys aus den vergangenen 100 Jahren an, dann waren Orofino, Lavirco und Augias Klassepferde, Mah Jong und Navarino immerhin recht gute, die anderen eher schwächere Vertreter ihres Jahrgangs.

Die zehn langsamsten Hamburger Derbyzeiten seit 1916:

Jahr Pferd Derbyzeit
1927 Mah Jong 3:03,20
1980 Navarino 2:48,10
2016 Isfahan 2:45,97
1998 Robertico 2:45,12
1978 Zauberer 2:43,20
1958 Wilderer 2:43,10
1916 Amorino 2:42,80
1981 Orofino 2:42,00
1996 Lavirco 2:41,70
1923 Augias 2:41,50

Wo Isfahan historisch einzustufen ist, wird die Zukunft zeigen. Vorerst haben wir uns auf ein Rating von 98 kg geeinigt, wobei Ausgangspunkt das aktuelle GAG des Viertplatzierten Wai Key Star(96 kg) ist. Dadurch kommen Savoir Vivre und Dschingis Secret auf für Derbyplatzierte relativ hohe Ratings, die sie – wie natürlich alle anderen auch – in ihren nächsten Rennen bestätigen müssen. Beruhigend auf den Handicapper wirkt in dieser Hinsicht die Tatsache, dass alle Genannten Nennungen für die kommenden Gruppe-I-Rennen haben. 

Im historischen Kontext betrachtet ist eine Derbyleistung von 98 kg ordentlich. In den letzten 20 Jahren sind neun Derbysieger besser beurteilt worden, acht schlechter. Wildpark und Belenus kamen, wie jetzt Isfahan, auch auf 98. Einige meiner ausländischen Kollegen aus dem Weltranglisten-Komitee haben sich auch schon gemeldet, wobei Japan die 98 kg bestätigt hat. England, Frankreich und Australien haben ein Pfund weniger gegeben. Alle diese Zahlen sind natürlich wie immer vorläufig und unterliegen Änderungen durch die kommenden Ereignisse.

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„They never come back“. Dieser Spruch stammt aus dem Boxsport und teilt die Erfahrung mit, dass ein Boxchampion, wenn er erst einmal auf die Bretter zu liegen kam, nicht wieder hochkommt. Bildlich gesehen, natürlich. Beim Galoppsport verhält es sich ähnlich. Hat ein Pferd erst einmal eine Verletzung erlitten, dann wird es schwer, es wieder auf den alten Leistungsstand zu bringen. Es gibt Ausnahmen, auch im Boxsport, wie Floyd Patterson und Muhammad Ali gezeigt haben. Aber es ist die Regel. Nun hat Quasillo am vorigen Dienstag in Hannover sein Comeback gegeben, nach 14 Monaten Pause wegen einer Hufgeschichte. 

Quasillo
Quasillo

Er hat verloren, zum ersten Mal und vielleicht etwas unnötig, wenn man an Start und Rennverlauf denkt. Aber der Gesamteindruck war doch so, dass man noch einiges erwarten kann. Das gilt auch für den Sieger Articus, der seine Form aus Baden-Baden eingestellt hat, als er Zweiter war, zu Iquitos, aber vor Ito. Wieder 95 kg also, was bedeutet, dass Quasillo hier auf 93,5 kg kommt. Fürs Erste, wie gesagt, nicht schlecht, aber es ist noch Luft nach oben. Beide Pferde, also Articus und Quasillo, sind nun Kandidaten für die jetzt anstehenden Gruppe-I-Rennen, wobei Andreas Wöhler zusehen muss, wie er seine vielen Cracks auseinander kriegt. Jedenfalls sind die Aussichten für unsere Grand-Prix-Rennen für die zweite und entscheidende Hälfte der Saison, besser als zu Beginn des Jahres. Mit Protectionist, Iquitos, Articus und Quasillo, um nur diese vier zu nennen, hat unsere schmale Elite erfreulichen Zuwachs erhalten. Und die Dreijährigen kommen ja jetzt noch dazu.

Video: Maxios Trophy (ex Hamburg Trophy) (Gruppe 3), Hannover – Sieger: Articus

 

 
 

6. Juli 2016

Es ist ja eine gesicherte Erkenntnis, dass das Können eines Rennpferdes nicht allein durch seine Gene bestimmt wird, sondern auch durch Umwelteinflüsse. Also Klima, Aufzucht, Haltung, Futter, Training, Bodenbeschaffenheit, solche Sachen. Von diesem Standpunkt aus betrachtet, muss mit der Umwelt bei Protectionist während seines einjährigen Aufenthalts in Australien etwas sehr in Unordnung gewesen sein, denn anders ist wohl kaum zu erklären, wie der Hengst, nachdem er von Andreas Wöhler in die Obhut von Kris Lees gewechselt war, acht Mal mehr oder weniger hinterhergelaufen ist und jetzt, nach seiner Rückkehr, den Idee-Hansa-Preis in einem Stil gewann, dass man an die zweite Auferstehung nach Lazarus glauben muss. Mehr als drei Längen vor Iquitos (GAG 97 kg) und sieben Längen vor Guignol (94 kg) ergeben eine Handicapmarke, die verdächtigt nahe an diejenige herankommt, die er sich durch seinen Sieg im Melbourne Cup 2014 verdient hat. Das waren 100 kg. Wenn wir es erst einmal bei 99,5 kg haben bewenden lassen, dann deshalb, weil der Boden in Horn doch schon sehr schwer geworden war und Ergebnisse bei solchen Bodenverhältnissen immer mit einem kleinen Fragezeichen zu versehen sind. Die Rechnung sollte aber auf solidem Fundament stehen, denn die vorangegangene Frankreich-Form von Guignol ist eine Stunde vor dem Idee-Hansa-Preis im Grand Prix de Saint-Cloud bestätigt oder sogar leicht aufgewertet worden. In der Liste der nach GAG aktuell besten deutschen Rennpferde liegt Protectionist damit erst einmal ein halbes Kilo hinter Ito auf Rang zwei. Ito haben wir nach dem Gerling-Preis 100 kg gegeben, eine Marke, die durch die nachfolgenden Leistungen der Erstplatzierten (Ito selbst sowie Sirius und Fair Mountain) aber leicht unter Druck geraten ist.

Video: Großer Hansa-Preis (Gruppe 2), Hamburg - Sieger: Protectionist

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Im Derby sollen also 19 Pferde laufen. Wer gewinnt, kann auch der Handicapper nicht sagen, seine Arbeit fängt ja auch erst an, wenn das Rennen vorbei ist. Ich habe mich aber einmal in die Rolle eines Profilers versetzt, also eines Menschen, dessen Aufgabe es ist, anhand von bestimmten Mustern einen Straftäter zu ermitteln. Nur dass ich keinen Straftäter suche, sondern einen Derbysieger. Anhand der Ergebnisse der letzten 20 Derbys ergibt sich dabei folgendes Bild: Der Derbysieger

• hatte vorher ein GAG von mindestens 90 kg: 19 der letzten 20 Derbysieger
• hatte über mindestens 2000m gewonnen: 18/20
• war schon Gruppe- oder Listensieger: 17/20
• war unmittelbar vorher in einem Grupperennen gestartet: 17/20
• war beim Start vorher Erster, Zweiter oder Dritter: 17/20
• trug die Programmnummer 1 bis 9: 17/20
• war vorher nicht mehr als 5 Mal gestartet: 17/20


Alle diese Kriterien werden nur von zwei Pferden erfüllt: Von Wai Key Star und von Boscaccio, also von den beiden Pferden mit dem augenblicklich höchsten GAG. Sechs dieser Voraussetzungen treffen auf Dschingis Secret, Isfahan und Noble House zu. Für uns Ausgleicher besonders erfreulich ist die Tatsache, dass bis auf einen alle Derbysieger der letzten 20 Jahren 

mit einen GAG von mindestens 90 kg ins Rennen gingen. (Die Ausnahme war Robertico, der es als Dritter in einem außergewöhnlich schwachen Union-Rennen nur auf 88,5 gebracht hatte.) Das zeigt, dass für den Derbysieg ein gewisses Grundkönnen vorhanden sein muss.

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Weder in der Zucht noch in unserem Rennsystem wird der Flieger, also das Kurzstreckenpferd, sonderlich gefördert. Bevorzugt werden Pferde für längere Distanzen, über die das deutsche Rennpferd international auch auf höchster Ebene konkurrenzfähig ist. Für Rennen über Fliegerdistanz gilt das nur eingeschränkt. Definiert man die Fliegerrennen großzügig bis 1400 Meter, so haben, wenn ich mich nicht täusche, seit Pentathlons Sieg im Prix de l´Abbaye de Longchamp vor 49 Jahren nur A Magicman (GAG 100,5) und Toylsome (99,5) auf Gruppe-I-Ebene bestehen können. Ansonsten hat es in letzter Zeit keiner unserer Spitzenflieger auf wesentlich mehr als 96 kg gebracht, ob sie nun Smooth Operator, Contat, Electric Beat, Soave, Lucky Strike, Raffelberger, Areion und Munaaji hießen. Oder aktuell Shining Emerald, derzeit in Sommerpause. Nun aber hat man am Dienstagabend in Hamburg-Horn mit Schäng ein junges Fliegertalent gesehen, das viel Eindruck hinterlassen hat. Dreijährige findet man ja nicht gerade häufig in der Siegerliste des Hamburger Fliegerpreises, Schäng befindet sich jetzt in der Gesellschaft u.a. von Overdose, Electric Beat und Areion, die später auch die Goldene Peitsche gewinnen konnten. Das ist jetzt auch das logische Ziel für Schäng. Wir werden in Ruhe überlegen, was das wert war. 95 kg scheinen aber sicher.

Video: Hamburger Flieger Trophy (Gruppe 3), Hamburg - Sieger: Schäng

 

 
 

29. Juni 2016

Rennpferde offenbaren ihr Können ja zu ganz unterschiedlichen Zeiten. Manche sind schon zweijährig auf der Höhe, für andere dagegen braucht man Zeit und Geduld, ehe der Knoten platzt. Noch andere haben in ihrer Jugend mit Krankheiten oder Verletzungen zu kämpfen und können deshalb erst spät, sagen wir: im Alter von vier Jahren zeigen, was in ihnen steckt. Das sind diejenigen Pferde, gegen die der Handicapper keine Chance hat. Zu dieser Sorte gehört Potemkin, der am vorigen Sonntag den Großen Preis der Wirtschaft in Dortmund gewann. Aufgrund gesundheitlicher Malaisen durfte er im vorigen Jahr ganz unten anfangen, als siegloser Vierjähriger. Von den acht Rennen, die er seitdem bestritten hat, konnte er nur eines nicht gewinnen, einen Ausgleich I in Hamburg, als er dummerweise auf Wildpark traf, der damals ebenfalls auf steilem Weg nach oben war. Potemkin fing im Mai 2015 im Handicap mit einem GAG von 69 kg an, gewann vier Ausgleiche und danach zwei Gruppe-III-Rennen und steht jetzt bei 96 kg. Eine Steigerung von 27 Kilo in 13 Monaten. Und wer weiß, wo das noch endet. Viel Luft nach oben bleibt jetzt allerdings nicht mehr.

Video: 29. Großer Preis der Wirtschaft (Gruppe 3), Dortmund - Sieger: Potemkin

Dieses Profil erinnert an zwei große Rennpferde aus jüngerer Vergangenheit, an Quijano und Altano. Auch sie begannen aus Gesundheitsgründen eine Tellerwäscherkarriere als sieglose Vierjährige. 

Quijano gewann nach seinem Maidensieg noch neun weitere Rennen in Folge, davon sieben Handicaps. Er begann mit 67 kg und endete neun Monate später bei 98 kg. Auch mein Kollege in den Vereinigten Arabischen Emiraten bekam ihn nicht in den Griff, denn seine letzten beiden Handicaps gewann Quijano beim Racing Carnival 2007 in Dubai. 

Altano konnte sein erstes Rennen als Vierjähriger im Juli gewinnen und stieg dann innerhalb von 15 Monaten von 63 kg auf 95 kg. 

Seriensieger sind ja gut für den Rennsport. Sagen wenigstens die PR-Abteilungen. Aber auch der Handicapper hat im Prinzip nichts gegen sie und er wird sich, selbst nach einigen Siegen in Folge, immer genau überlegen, ob er mehr Aufgewicht geben soll als üblich. Denn - § 1 des Handicapper-Gesetzes – auch der Seriensieger soll immer noch eine Siegchance haben. Seine Gegner allerdings auch.

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Das Dortmunder Grupperennen ist nun schon seit langen Jahren das erste Rennen auf höherer Ebene, in dem es regelmäßig zu einem Vergleich zwischen dreijährigen und älteren Pferden kommt. Die Dreijährigen schneiden dabei gar nicht so schlecht ab, in den Jahren 2004 bis 2006 gewannen sie sogar drei Mal in Folge (Tahreeb, Santiago und Lord of England). Seitdem ist die Erfolgsrate etwas kleiner geworden, All Shamar war 2012 der einzige Dreijährige, der danach noch gewinnen konnte. Aber viele Vertreter des Derbyjahrgangs konnten sich platzieren, so wie am vorigen Sonntag. Noor Al Hawa (93,5 kg) hat dabei als Zweiter seine Form aus dem Mehl-Mülhens-Rennen bestätigt und damit Nacar (93) und Pagino (91,5) im GAG leicht nach oben gezogen. Für Potemkin stehen, wie gesagt, jetzt 96 kg zu Buche, aus der historischen Perspektive gesehen ein guter Wert. Besser haben es in diesem Rennen in den letzten 15 Jahren nur Lord of England (97,5), Elle Shadow (97) und Soldier Hollow (96,5) machen können.

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Das Derby-Trial in Bremen hat wie erwartet wenig neue Erkenntnisse in Bezug auf das Derby gebracht. Außer vielleicht, dass die Formen von Boscaccio, die er vor dem Union-Rennen gezeigt hat, auch etwas wert sind. Denn der durchaus beeindruckende Sieg von Moonshiner in Bremen färbt ja auf den Derbyfavoriten ab, der Moonshiner zweimal schlagen konnte. Die Form steht also. Auch Nacar und Pagino liefen ordentlich. Sollte das Bavarian Classic, in dem beide auf die Plätze zwei und vier liefen, also doch etwas wert sein? Zuletzt hatten wir das Ergebnis dieses Rennens mit etwas Skepsis betrachtet. Den Sieger Isfahan jedenfalls haben wir wieder auf 94 kg (von 93) angehoben.

 

 
 

22. Juni 2016

Die vorläufige Hackordnung unter den Derbypferden steht jetzt so ziemlich fest, nachdem bis auf das Bremer Rennen am kommenden Sonntag alle Derbytrials gelaufen sind.

Und es sieht so aus, als sollte Wai Key Star (GAG 96) am 10. Juli in Hamburg-Horn die Nummer 1 auf der Satteldecke tragen, falls kein höher geratetes Pferd mehr nachgenannt wird. Der Sieger des Gruppe-3-Rennens in Baden-Baden also und nicht Boscaccio, der Union-Sieger, dessen Leistung in Köln für uns Handicapper 95,5 kg wert war. 

Das mag einige überraschen, gilt doch die Union – und das zu Recht – als der ultimative Derbytest. So stand denn auch in den letzten 20 Jahren neun Mal der Union-Sieger als die Nummer eins im Rennprogramm des Derbys. Aber eben elf Mal auch nicht. Da Handicappen viel mit Mathematik zu tun hat, war die Rechenaufgabe nach dem Union-Rennen eigentlich recht einfach: El Loco ist ein sehr zuverlässiges Pferd, das sowohl in Baden-Baden als auch in Köln mit einer Marke von 94,5 kg ins Rennen ging. Da Wai Key Star dabei in seinem Rennen deutlicher vor El Loco blieb als Boscaccio das im Union-Rennen tat, lag das Ergebnis nahe. 

Leider muss ich jetzt die für uns Ausgleicher etwas betrübliche Mitteilung machen, dass die Vergabe der Nummer eins im Derby nahezu ein „Kiss of Death“ ist, denn von den letzten 20 Derbysiegern konnten nur Wiener Walzer und Lavirco von der Pole-Position aus gewinnen. Aber das Derby ist ja ein Rennen um etwas herauszufinden und nicht unbedingt ein Rennen, um etwas bestätigt zu bekommen. So wie die Handicapmarke nicht eine Bewertung der absoluten Leistungsfähigkeit eines Pferdes ist, sondern eher eine rückschauende Auswertung von Formen, eine Aussage über das Leistungsverhältnis der gegeneinander gelaufenen Pferde. Die 95,5 kg bedeuten also keineswegs die Leistungsgrenze von Boscaccio, zumal er noch ungeschlagen ist und man die Grenzen von ungeschlagenen Pferden nie kennt. 

Noch etwas aus der Statistik: Boscaccio ist aus den letzten 100 Jahren das achte Pferd, das nach seinem Union-Sieg noch ungeschlagen ist. Vorher gelang dies 1917 Landgraf (4 Starts – 4 Siege), 1967 Luciano (3-3), 1978 Limbo (6-6), 1981 Orofino (4-4), 1990 Mandelbaum (6-6), 2005 Königstiger (4-4), 2012 Novellist (4-4) und 2014 Sea The Moon (3-3). Landgraf, Luciano, Orofino und Sea The Moon gewannen danach auch das Derby.

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Royal Ascot brachte vorige Woche eine Menge herausragender Ereignisse.

Im Gedächtnis bleiben vor allem die Siege der beiden amerikanischen Stuten Tepin in den Queen Anne und Lady Aurelia in den Queen Mary Stakes sowie der Gold Cup-Erfolg von Order of St George

Bei Tepin beeindruckte nicht nur die Leistung gegen allerdings nicht übermächtige Gegner (Rating 118=99 kg), sondern die Art und Weise wie sie zustande kam: 10.000 Kilometer fern der Heimat, auf völlig ungewohntem Kurs (gerade Bahn) und ohne die gewohnte medizinisch-technische Unterstützung mit Lasix und Nasal Strips. Es war ihr siebter Sieg in Folge. 

Geradezu überwältigend war der Sieg von Lady Aurelia in den Queen Mary Stakes für zweijährige Stuten (Rating ca. 120=100 kg). So etwas hat man von einer zweijährigen Stute seit Jahrzehnten nicht mehr zu sehen bekommen. Ihr Vorsprung von sieben Längen war der größte in diesem 1000-Meter-Rennen seit der sagenhaften Schimmelstute Mumtaz Mahal, die 1923 für den Aga Khan mit acht Längen gewann.

Überhaupt sind amerikanische Pferde derzeit nach einigen kritischen Jahren erfolgreicher und populärer als je zuvor. Neben Tepin gibt es derzeit noch eine ganze Reihe von Pferden mit langen Siegsequenzen oder herausragenden Leistungen wie California Chrome, Songbird, Beholder oder Nyquist. Und Frosted. Der Stil, mit dem dieser Vierjährige, der im Vorjahr stets im Schatten des großen American Pharoah stand, kürzlich das Metropolitan Handicap in New York gewann, war atemberaubend. Unbedingt angucken! Mehr als 14 Längen Vorsprung holte er in der Zielgeraden heraus. Die internationalen Handicapper sind sich nicht ganz einig, wie das Rennen zu bewerten ist. Die Position von A Shin Hikari an der Spitze der Weltrangliste ist aber gefährdet.

Video: 2016 Metropolitan Handicap - Frosted

 

 
 

15. Juni 2016

Einer der bekanntesten und nach Ansicht Vieler, die es wissen müssen, besten Handicapper Englands, war Geoffrey Freer (geb. 1887). Nach ihm ist sogar ein Gruppe-Rennen benannt, das in Newbury gelaufen wird. Er ist 1962 einmal von der „Sporting Life“ gefragt worden, wie das Handicappen denn so funktioniert. Seine Antwort: „Die Gewichte sind so anzusetzen, dass jedes Pferd die gleiche Siegchance hat.

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abei ist natürlich vieles zu berücksichtigen.“ Der Journalist, etwas enttäuscht: „Darunter lässt sich ja allerhand verstehen.“ „Zweifellos“, sagte Mr. Freer „und damit ist so ziemlich alles gesagt.“ Auch heute noch gibt es keine geschriebenen Regeln für die Tätigkeit des Ausgleichers. „Ein Ausgleich ist ein Rennen, in dem das zu tragende Gewicht vom Ausgleicher festgelegt wird, um gleiche Gewinnaussichten zu erzielen“, heißt es lapidar in Ziffer 248 der deutschen Rennordnung. Das ist alles. Gleichwohl haben sich durch praktische Tätigkeit ungeschriebene Regularien herausgebildet, was nötig ist, damit gleichgelagerte Fälle auch gleich behandelt werden. Ich werde bei Gelegenheit an dieser Stelle darauf zurückkommen.

Ab und an erhalte ich Anrufe, in denen Besitzer oder Trainer die Frage stellen, was passiert, wenn ihr Pferd in diesem oder jenem Rennen nach vorne läuft. Ob das gefährlich wäre, wegen Aufgewicht und so. Im Sinne Geoffrey Freers antworte ich dann oft: „Das kommt darauf an.“ Und so ist es ja auch. Man kann nicht alle Eventualitäten eines Rennens im Vornherein durchbuchstabieren. Zu Vieles und auch Ungewöhnliches kann passieren. In einem Punkt aber haben wir Handicapper uns festgelegt: Platzierte in Rennen der Kategorie E und F erhalten kein Aufgewicht. Egal was passiert. Und der Sieger maximal drei (in Rennen der Kat. F) oder fünf Kilo (Kat. E). Das ist im Wochenrennkalender auch schon mehrfach veröffentlicht worden. Gelesen haben es aber – so mein Eindruck – noch nicht alle.

 
 

 
 

Am vorigen Sonntag waren Rennen in Verden an der Aller, früher die Hochburg des Halbblutsports in Deutschland. Davon ist nicht mehr viel übrig geblieben. Ein vorgesehenes Halbblutrennen musste ausfallen, es gibt nicht mehr genug Pferde.

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rotzdem hatten die Freunde des Halbblutsports einen großen Tag, denn in Hoppegarten gewann Apoleon (H) den Ausgleich I mit einer Marke von 87,5 kg. Nun steht er bei 91 kg. Ich bin zu Hause einmal in den Keller gestiegen und habe in alten Rennkalendern nach dem letzten Halbblüter gesucht, der eine Handicapmarke von 90 kg oder mehr erhalten hat. Das war Dornkaat (H) im Jahre 1967, da war er bereits zehn Jahre alt. Insgesamt brachte es Dornkaat im Jahres-Generalausgleich sechs Mal auf 90 kg oder mehr, die höchste Marke gab es 1965 mit 92,5. Der König aller Halbblüter war aber wohl Dompfaff (H), trainiert von Willy Schütz. Für ihn stehen 97 kg aus dem Rennjahr 1956 zu Buche. 

Der Jahres-GAG war damals aber noch anders strukturiert, mit dem heutigen nur bedingt vergleichbar. So wurde das Spitzenpferd Masetto seinerzeit mit 106 kg bedacht, was heutzutage kaum noch möglich wäre. Wie man hört, soll Apoleon (H) nun wieder Listenrennen und auch Grupperennen bestreiten. Mal sehen, wie weit er es noch bringt. Für Zuchtexperten ist er schon jetzt ein Phänomen. Sein Vater Ogatonango (H) gab 2011 im Alter von zehn Jahren sein Rennbahndebüt und brachte es in zwei Rennzeiten auf ein Jahres-GAG von 44 kg. Verglichen damit verbesserte er seinen Sohn also um nicht weniger als 47 kg. Eine rekordverdächtige Zuchtverbesserung.


 
 

8. Juni 2016

Dass in einem klassischen Rennen alle 16 Starter innerhalb von nur 9 ¾ Längen das Ziel passieren, ist ja wohl noch nicht dagewesen. So ist es aber passiert, am vorigen Sonntag in Düsseldorf, in den Wempe 1000 Guineas. Als Handicapper sieht man solche engen Ankünfte natürlich gerne - aber nur in Ausgleichen, nicht in den ganz großen Rennen.

Denn eine enge Ankunft bei einem großen Feld deutet meist darauf hin, dass nicht etwa alle ganz außergewöhnlich gute, sondern doch eher etwas weniger gute Pferde sind. Und so kann man das Ergebnis dieser 96. Auflage der deutschen 1000 Guineas auf den Kopf stellen, von links nach rechts drehen oder durcheinander schütteln: Es kommt für die Siegerin Hawksmoor einfach nicht mehr heraus als die 93 Kilo, mit der sie schon in das Rennen gegangen war. Das ist wenig für diesen Klassiker. Genauer gesagt: so wenig wie in diesem Jahrhundert noch nie. Aber trotzdem kein Grund zur Panik. Denn im GAG-Durchschnitt der vier Erstplatzierten (die ja für die Qualitätssicherung der Grupperennen relevant sind), sieht es gar nicht so schlecht aus, da nimmt das Ergebnis vom Sonntag im Vergleich der letzten zehn Jahre genau den Mittelplatz ein.

Es bleibt ja auch noch genug Zeit, dass sich das eine oder andere Pferd aus dem Vorderfeld im Laufe der Saison noch verbessert. Eine rundum überzeugende 1000-Guineas-Siegerin hat es nun aber schon länger nicht mehr gegeben. Die letzte war wohl Mi Emma, bei ihrem Neun-Längen-Sieg im Jahr 2007. Überhaupt haben alle großen Siegerinnen dieses Klassikers immer mit deutlichem Vorsprung gewonnen: Neben Mi Emma (GAG 97) waren das in den letzten 20 Jahren Anna Monda (4 Längen, GAG 95), Crimplene (4 Längen, 96,5), Elle Danzig (3 ½ Längen, 96), Que Belle (4 ½ Längen, 95,5) und La Blue (3 Längen, 95). Die diesjährige Entscheidung hat aber auch gezeigt, wie wichtig ein innerer Startplatz bei einem großen Feld in Düsseldorf ist. Von den sechs Erstplatzierten starteten fünf aus den Boxen eins bis sechs.

Dass ein Melbourne Cup-Sieger in Deutschland läuft, hat es auch noch nicht gegeben. Aber in Düsseldorf ist es geschehen, in einem kleinen Altersgewichtsrennen der Kategorie E. Es gab 2400 Euro zu gewinnen, ziemlich genau ein Tausendstel der Summe, die der Hengst am 4. November 2014 auf der Rennbahn von Flemington für seine Besitzer gewann (2.337.662 Euro). Wichtig war hier aber nicht der Geldpreis, sondern dass Protectionist überhaupt wieder einmal gewonnen hat. In der verkorksten Saison 2015 zeigte er eigentlich nur ein gutes Rennen, als Fünfter in den BMW Stakes am 28. März, eine Leistung die mein australischer Kollege Greg Carpenter seinerzeit mit einem umgerechneten GAG von 96,5 kg (Rating 113) bewertet hat. Nach dem Melbourne-Cup-Sieg hatte er bei GAG 100 (Rating 120) gestanden.

Ein Kinderspiel, wie die Bedeutung des Rennens es vermuten ließ, war die Aufgabe für Protectionist in Düsseldorf aber nicht, mit Iraklion und Empoli traten zwei durchaus ernst zu nehmende Gegner an, auch wenn sie zuletzt nicht gerade in Bestform waren. Für Iraklion standen 90,5 GAG zu Buche, so dass die am Sonntag gezeigte Leistung von Protectionist durchaus beachtlich war. Man darf also hoffen, dass er nicht mehr allzu weit von dem Leistungsstandard entfernt ist, mit dem er damals, im Herbst 2014, Deutschland verlassen hat. Der Große Hansa-Preis in Hamburg, den er 2014 schon einmal gewinnen konnte, soll die nächste Aufgabe sein.

Video: Hawksmoor entführt den Stuten-Klassiker auf die Insel


Vollblutpferde gibt es nur, weil für die Zuchtauswahl nicht irgendwelche Fachleute, Richter oder Zoologen entscheidend sind, sondern ein Stück Holz: Der Zielpfosten beim Derby in Epsom. 

Dieses wohl bekannteste Zitat von Federico Tesio kam der Wahrheit wohl noch nie so nahe, wie am vorigen Samstag bei der 237. Ausgabe dieses wohl berühmtesten aller Pferderennen auf der Welt. Denn sowohl der Sieger Harzand als auch der Zweite und der Dritte haben einen Epsom Derbysieger zum Vater (Sea The Stars bzw. Galileo). Damit aber noch nicht genug. Unter den 16 Startern befanden sich noch drei weitere Söhne von Galileo, zwei weiterer Söhne von Sea The Stars sowie noch drei Enkel von Galileo. Die Arc-de-Triomphe-Siegerin Urban Sea, Tochter der Schlenderhanerin Allegretta und Mutter von Galileo und Sea The Stars, hatte über ihre Tochter Melikah sogar noch einen zwölften Starter im Rennen, war somit im Pedigree von drei Viertel aller Teilnehmer vertreten.

Galileo und Sea The Stars waren ja selbst Ausnahmepferde und erhielten sehr hohe Ratings (Sea The Stars 136=108 kg, Galileo 129=104,5 kg). Harzand war für Sea The Stars in seinem dritten Jahrgang der erste Epsom Derbysieger, sein Rating wird voraussichtlich am Donnerstag in der dann neuen Weltrangliste veröffentlicht. Es wird wohl auf 122 oder 123 (101 oder 101,5 kg) hinauslaufen. Es darf daran erinnert werden, dass Sea The Moon, unser Derbysieger von 2014, auf ein Rating von 125 (102,5 kg) kam. Er wäre damit – zumindest vorläufig – immer doch der Sea The Stars-Nachkomme mit dem bisher höchsten Rating.

 

 
 

1. Juni 2016


Der Umgang mit unerwarteten Rennergebnissen gehört zum Alltag eines Handicappers. In einer „Überraschungs-Skala“ von 1 (fast normal) bis 10 (unmöglich) nimmt der Ausgang des Großen Preises der Badischen Wirtschaft am vorigen Sonntag schon eine etwas gehobene Position ein, vielleicht mit einer „7“. Ito und Nightflower sind ja nach ihrem Rating die am höchsten eingeschätzten Pferde in Deutschland, so dass man ihnen schon zutraute, auch mit den drei Kilo Aufgewicht für Gruppe-I-Sieger fertig zu werden. Itos Niederlage fiel immerhin noch ehrenvoll aus, seine von mir und meinen Kollegen errechnete Leistung von 96 kg entspricht derjenigen aus dem vorjährigen Preis von Europa, als er Vierter wurde. Seine 100-Kilo-Form aus dem Gerling-Preis konnte er aber erst einmal nicht wiederholen. Nightflowers Versagen dagegen war recht krass, aber auch im Vorjahr brauchte sie zunächst einige Zeit, um in Schwung zu kommen.
Um ein Rennen zu berechnen, suchen die Ausgleicher gerne nach einer Konstante. Hierfür bot sich Devastar an, zuvor schon in Hoppegarten im Preis von Dahlwitz Zweiter hinter Articus. Iquitos war dort Vierter, hat sich seitdem aber fraglos gesteigert, denn er hatte in Hoppegarten doch eine durch Krankheit bedingte lange Pause zu überbrücken gehabt. Mit seiner neuen Marke von 97 Kilo steigerte Iquitos sich noch einmal um drei Kilo. Auch Articus (95 kg) legte noch einmal zu. Und das ist auch das erfreuliche an diesem Ergebnis, dass nämlich die recht schmal gewordene Grand-Prix-Elite durch diese beiden Vierjährigen den dringend benötigten Zuwachs erhalten hat. 

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Zuwachs braucht auch noch die Spitzengruppe bei den Derbypferden. Dafür hat in Baden-Baden immerhin Wai Key Star gesorgt, der Sieger aus dem Ittlingen Derby Trial. Lange hatte man ja warten müssen auf einen wirklich überzeugenden Auftritt eines Derbykandidaten. Das war nun einer. Das schlägt sich auch in der neuen Marke für den Sieger von 96 kg nieder, errechnet über den zuverlässigen El Loco (93,5). Damit hat sich Wai Key Star erst einmal an die Spitze des Jahrgangs gesetzt und es muss schon ein sehr guter Union-Sieger kommen, um ihn von dort zu verdrängen. Sea The Moon und Novellist (jeweils 97 kg) waren in den letzten zehn Jahren die einzigen Union-Sieger mit mehr als 96 kg.

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Als Mitglied des World Ranking Committee ist es auch meine Aufgabe, ausländische Grupperennen zu bewerten. Und da hat es in der vorigen Woche eine wahrlich beeindruckende Vorstellung des japanischen Hengstes A Shin Hikari im Prix d´Ispahan in Chantilly gegeben. Der dortige Zielrichter machte einen Vorsprung von zehn Längen aus, womit der Fünfjährige das neunte Mitglied im Club derjenigen wäre, die in diesem Jahrhundert ein Gruppe-I-Rennen mit zehn oder mehr Längen Vorsprung gewonnen haben.

Hier die vollständige Liste:

Längen Pferd Rennen, Jahr
14 Längen Well Armed Dubai World Cup 2009
13 Längen Septimus Irish St Leger 2008
11 Längen Hawk Wing Lockinge Stakes 2003
11 Längen Quiff Yorkshire Oaks 2004
11 Längen Harbinger King George IV & QEII 2010
11 Längen Frankel Queen Anne Stakes 2012
11 Längen Sea The Moon Deutsches Derby 2014
11 Längen Order of St George Irish St Leger 2015
10 Längen A Shin Hikari Prix d´Ispahan 2016
Fachkundige Leute haben allerdings herausgefunden, dass der Abstand zum Zweitplatzierten Dariyan nur maximal acht Längen betragen haben soll. Es hat in Frankreich schon mehrere Fälle gegeben, in denen Zweifel an der Richtigkeit der Abstände im Richterspruch geäußert wurden, zuletzt im vorjährigen Prix Vermeille von Treve, als der Abstand einige Tage später von 4 ½ auf 6 Längen geändert worden ist. Aber ob zehn oder acht Längen: Als Ergebnis kommt für A Shin Hikari ein enormes Rating heraus, selbst wenn man den schweren Boden in Rechnung stellt. Die offizielle Zahl erscheint erst in der nächsten Weltrangliste, die im Laufe des Monats Juni erscheinen wird. Eine Zahl um 130 (= 105 kg) kann als sicher gelten. Möglich, dass dies die überhaupt beste Form eines Pferdes in diesem Jahr auf der Welt bleiben wird. Die zuletzt erschienene Weltrangliste führen der Amerikaner California Chrome und die australische Stute Winx mit jeweils 126 (=103 kg) an. Das verblüffende an A Shin Hikaris Sieg war auch, dass er auf schwerem Boden zustande kam (er kannte bisher nur gutes oder festes Geläuf) und dass er nicht wie üblich von der Spitze aus errungen wurde, sondern dass der meist eifrige Hengst sich lange von Vadamos führen ließ. Das eröffnet für die nächsten Starts, die in Europa erfolgen sollen, alle erdenklichen Chancen.
 

GERMAN RACING

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